16. Juni 2009

Von: Jochen Hencke

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Literatur | Malta | Mifsud | Europäische Kommission | Kimika
Europa literarisch

Harter, purer Realismus

"Kimika" handelt von einem Jungen aus der Arbeiterschicht (Foto: Jerzy Sawluk / pixelio.de)

Es geht um sexuellen Missbrauch, Homosexualität, Pädophilie, Pornos und Huren. Immanuel Mifsud schreibt in seinem Band "Kimika" über Zerafa, einen Jungen aus der untersten Arbeiterschicht auf Malta. Die Mutter starb früh, den Vater hatte er nie gekannt, wächst er bei seiner Oma und seinem Onkel Willy auf. Früh fängt der Onkel an, sich an Zerafa zu vergehen. Der Missbrauch bleibt ein zentrales Thema des Buches, nur später übernimmt Zerafa die Rolle des Täters.

Geschichten, die verstören können

"Kimika" regt auf, erhitzt die Gemüter, fesselt und ist harter, purer Realismus. Mifsud schreibt, wie er selbst sagt, "Geschichten, die im extrem Privaten stattfinden". Geschichten, die verstören können, "aber sie passieren eben".  Er zeichnet damit ein Bild über die düstere, maltesische Gesellschaft, vor allem die der Unterschicht.

Mehr Soziologie als Literatur

Der Malteser sieht sein Werk "fast eher soziologisch als literarisch" und versucht einen Blickwinkel zu schaffen, der "eher wissenschaftlich, aber nicht kalt" ist. Im Gegensatz zur alten maltesischen Prosa bezieht er allerdings keine Stellung zur ganzen Problematik. Wenn er von der "historischen" Prosa spricht, meint er Literatur, die in den Augen der "alten Europäer" noch sehr jung ist. "Maltesische Literatur gibt es erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts", weiß Dr. Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt Berlin.

Lange romantische Phase

Dabei handelte es sich bis in die 1960er Jahre eher um eine romantische Phase als um eine politisch aufgeklärte. "Durch die Kolonialzeit gab es vorher keine wirklichen politischen Bestrebungen", sagt Mifsud. Erst mit der Unabhängigkeit enstand auch nach und nach die Moderne. "Zuerst war es ein Versuch, an die Literatur der anderen Länder heranzukommen, heutzutage versuchen wir unsere Werke auch exportiert zu bekommen".

Malta wird leicht übersehen

Maltas Hauptstadt Valletta hat nur rund 6000 Einwohner (Foto: Susanne Schmich / pixelio.de)

Maltesische Literatur steht dabei laut Mifsud vor verschiedenen Problemen. Vor allem die Größe des Landes mache es schwierig, "man übersieht uns leicht". Bei rund 400.000 Einwohnern kann das wirklich schnell passieren. Es komme erschwerend hinzu, dass die Malteser selbst nur sehr wenig lesen würden, "es gibt eine enorme Anzahl an Kinderbüchern, aber ab dem Teenageralter hören die Kinder auf zu lesen, warum auch immer". Ein weiteres Problem würde in der Förderung der einheimischen Literatur liegen. "Auf Malta kann keiner vom Bücherschreiben leben". Vor allem was Sponsoring angehe, hinke das Land laut Mifsud noch weit hinterher.

Malti - eine eigene Sprache

Wenige Malteser schreiben auf englisch, auch wenn es ihre zweite Amtssprache ist. Der Großteil schreibt auf Malti, der Landessprache - irgendwie eine Mischung aus arabisch und italienisch. Das hätte vor allem auch geschichtliche Gründe, sagt Mifsud. "Zuerst waren es die Italiener, die ihre Sprache als Amtssprache durchsetzten, dann kamen die Briten" - jetzt sei man unabhängig. Aber es gäbe heute sogar noch kleine Regionen auf Malta, in denen nur englisch gesprochen würde.

Malti - kein Problem für den Export

"Ich schreibe auf Malti, weil ich damit groß geworden bin", sagt Mifsud und trifft damit den Geist seiner Generation. Und er sieht darin auch kein Problem für den Export. Der Malteser glaubt nicht, dass er mehr Erfolg hätte, wenn er englisch schreiben würde. "Heinrich Böll hat auch nicht auf Englisch geschrieben und Erfolg gehabt - die Bücher wurden erst später übersetzt."
Mifsud scheint für maltesische Verhältnisse den Durchbruch geschafft zu haben. Einige seiner Bücher wurden bereits in mehrere Sprachen übersetzt und sowohl in Europa, als auch in den USA veröffentlicht. Für seine Kurzgeschichten, zusammengefasst 2002 in dem Band "Su Sammut's Strange Stories, erhielt er den maltesischen Nationalpreis für Literatur. "Kimika" erschien drei Jahre später und wurde sogar bereits auf Deutsch übersetzt. Sein aktueller Band mit Kurzgeschichten, "Stejjer li Ma Kellhommx Jinkitbu", erschien letztes Jahr. Übersetzt wurde er bereits auf Englisch ("Forbidden Tales"), auf Deutsch allerdings noch nicht.

[JH]