Kultur rund um die Ruhr

- Industrie im Ruhrgebiet (Foto:pixelio.de)
Stahl und Kohle haben das Ruhrgebiet einst reich gemacht, als wichtige Rohstoffe spielen sie heute aber keine Rolle mehr. Die neuen Zugpferde sind der Dienstleistungssektor und die Informationsbranche. Die Forschung treiben neue Universitäten (Bochum, Dortmund) voran – kurzum: die Region wurde in den zurückliegenden Jahrzehnten einem grundlegenden Wandel unterzogen. Nun soll das Ruhrgebiet auch in kultureller Hinsicht zum Begriff werden. Das Ruhrgebiet ist nach West-Berlin (1988) und Weimar (1999) die dritte „Stadt“ Deutschlands, die den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ trägt. Erstmals in der Geschichte der Kulturhauptstädte erhält eine ganze Region diesen Titel. Neben dem Ruhrgebiet präsentieren sich 2010 auch Istanbul und das ungarische Pécs (dt. Fünfkirchen) von ihrer kulturellen Seite. Da die ersten Veranstaltungen der RUHR2010 schon seit einigen Wochen stattfinden, stellt sich die Frage: Was erwartet die Besucher im ehemaligen Ruhrpott?
Mythos, Metropole und Europa
Das Kulturangebot folgt den drei Leitthemen Mythos, Metropole und Europa. „Ausgehend vom Mythos Ruhr nimmt eine neue Metropole Gestalt an, die Europa mit Kunst und Kultur in Bewegung bringt“, liest man auf der Homepage. Das Anliegen einer veränderten Wahrnehmung der Region steckt also schon im Konzept. Umgesetzt wird dies in den sechs Programmfeldern Bilder, Theater, Musik, Sprache, Kreativwirtschaft und Feste. Der Strukturwandel der Region ist dabei der Leitgedanke der an sich völlig unterschiedlichen Veranstaltungen.
Das mittelalterliche Ruhrgebiet

- Die Zeche Zollverein (Foto:pixelio.de)
Ausstellungen und Installationen bringen die Besucher dem ersten Leitthema „Mythos“ näher. Eine der umfangreichsten Ausstellungen ist die AufRuhr 1225 des LWL-Museums für Archäologie (Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)). Diese präsentiert die Entwicklung des Ruhrgebietes ausgehend vom 13. Jahrhundert. Das Motto lautet: Von feudalen mittelalterlichen Strukturen zu rauchenden Schloten und Industrie.
Trotz unterschiedlicher Ansätze beschränken sich viele Mythos-Programmpunkte auf klassische Ausstellungen, etwas Innovation hätte hier nicht geschadet. Schön ist jedenfalls der Themenschwerpunkt Frauen: So gibt es gleich vier Programmpunkte, die die Rolle der Frau im Ruhrgebiet von unterschiedlichen Standpunkten aus betrachten.
Vom Pott zum Lebensraum
Das Bild des unermüdlich arbeitenden Wirtschaftsraumes soll einer lebenswerten Region weichen. Dazu werden ehemalige Industriestandorte zu begeh- und erlebbaren Attraktionen umgebaut, durch künstlerische Installationen erweitert und mit schicken Lichtprojekten wie beispielsweise dem Festival Ruhrlights in völlig neues Licht gerückt. Die Metropole und die Infrastruktur sind schließlich schon vorhanden, sie müssen nur umgestaltet werden. Ein weiterer Höhepunkt und ungewöhnlicher Lebensraum dürfte der Still-Leben Ruhrschnellweg werden. Einer der Hauptverkehrswege Deutschlands, die A40/B1 (Dortmund – Duisburg) wird Mitte Juli 2010 zugunsten der längsten Tafel der Welt gesperrt werden. Tische mit 60 Kilometern Länge sind geplant – Picknick und Kultur statt Abgase und Lärm.
Der große gemeinsame Nenner Europa

- José Manuel Barroso und Fritz Pleitgen, Vorsitzender von Ruhr 2010 GmbH, bei der Eröffnungsfeier in Essen (Foto:ec.europa.eu)
Das dritte Leitthema Europa spiegelt sich während der RUHR2010 in vielerlei Hinsicht wider. Die Wirren der EU werden in einer neu erzählten Odyssee behandelt und die Kulturen anhand eines fahrenden Festivalzuges präsentiert. Lesungen, Theater, Kabarett, Musik, Tanz und Kulinarik sind nur einige weitere Beispiele für die Vielfalt des Programms. Der Wandel des Ruhrgebietes soll für einen zukünftigen Wandel Europas stehen, mit dem Ziel, das interkulturelle Zusammenleben der Menschen in diesem Kontinent weiter zu fördern.
Music is the key
Dank der RUHR2010 feiert auch die Loveparade ihre Rückkehr. Musste sie 2009 wegen fehlender Sponsorengelder abgesagt werden, darf man aufgrund des Kulturhauptstadtrahmens dieses Jahr sicher davon ausgehen, zu den aktuellen elektronischen Klängen feiern zu können. Der Ansturm wird gewaltig sein: 2008 tummelten sich in Dortmund 1,6 Millionen Menschen, in Duisburg peilt man wohl die Zwei-Millionen-Grenze an.
Das „neue“ Ruhrgebiet

- (Foto:pixelio.de)
Eines steht jetzt schon fest: das Ruhrgebiet wird nach 2010 nicht mehr dasselbe sein. Der investierte Aufwand ist mit 62,5 Millionen Euro Gesamtbudget groß, der Imagegewinn kann enorm werden. Sollte dieser Wandel gelingen, wäre eine Auslegung auf weitere modernisierungswürdige Regionen Europas realistisch. Das Ruhrgebiet könnte so zu einem europäischen Synonym für Erneuerung werden. Schließlich schafft Kultur das, was jeder noch so ausgeklügelten Reform wohl auf immer versagt bleiben wird: ein gemeinsames Sprachrohr und Ausdrucksmöglichkeit über sämtliche Grenzen hinweg zu bieten.
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