Grüne im Bundestag bisher erfolglos

- Bundestagsabgeordneter der Grünen Hans-Josef Fell (Foto:Deutscher Bundestag/MELDEPRESS/Sylvia Bohn)
Die Antwort der Bundesregierung lautet Ja und Nein: Ja, die Aberkennung des Titels „Biosphärenrerserat“ in der Rhön droht. Nein, wir wissen nicht, wie das verhindert werden kann. Was im Falle einer Aberkennung droht, weiß der Abgeordnete der Grünen Hans-Josef Fell sehr genau. Er sitzt für den Wahlkreis in Bad Kissingen (an der Rhön) und fürchtet den Verlust von Fördermitteln für die Region. Mit fatalen Folgen: „Über die Fördermittel können in den Rhöndörfern alternative Energien genutzt werden wie die Solar- und Wasserkraftenergie. Ein Teil des Geldes fließt auch in die Wasserreinigung, Abfallbewirtschaftung oder in Fallobstwiesen“, so Fell. Denn das ist Sinn und Zweck eines Biosphärenreservats: Ansätze zu Schutz und nachhaltiger Entwicklung von Menschen geschaffener Kulturlandschaften sollen erforscht und demonstriert werden. Und das kostet.
Zudem gebe es außerhalb der reinen Naturschutzgebiete wie das rote und schwarze Moor auch Flächen, die für die Rhönschafnutzung freigegeben sind. Das Rhönschaf sei das unverwechselbare Markenzeichen der Rhön und eine Attraktion für die Touristen. Fell kritisiert, dass sich die Bundesregierung aus der Verantwortung ziehe, indem sie in der Frage der Ab- oder Anerkennung als Biosphärenreservat auf die Kernkompetenz der Länder verweise. Die Krux dabei: Staatsforste müssten von der Waldnutzung ausgeschlossen werden, um sie als Brachflächen für den Naturschutz freizugeben. Und dies sei die Aufgabe der Bundesregierung - und eben nicht die eines Bundeslandes. Ebenso müsste seiner Ansicht nach die Bundesregierung den Truppenübungsplatz Wildflecken zum Kernzonengebiet des Biosphärenreservats erklären.
"Der Mensch und die Biosphäre" (MAB) - Nationalkomitee sieht keine Eile geboten
Obgleich sich "die Rhön" über Jahrzehnte einen auch international anerkannten Ruf als Modellregion für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung erarbeitet hat, hängt die Titelnutzung als "Biosphärenreservat" weiterhin am seidenen Faden. Die Vorsitzende des MAB-Nationalkomittees, Gertrud Sahler, hat nach Gesprächen mit den Bundesländern festgestellt, dass der als unberührtes Naturschutzgebiet ausgewiesene Kernzonenbereich zu klein ist und nicht den Kriterien der UNESCO zur Erhaltung der biologischen Vielfalt entspricht. Auf einer Gesamtfläche von 184.939 Hektar Biosphärenreservat ist bisher nur eine Kernzone von 2,27 Prozent ausgewiesen, die eine Fläche von 4.199 Hektar einnimmt, was in etwa der Größe des Berliner Forstes Grunewald entspricht. Die Rhön müsste mindestens 3 Prozent Kernzone bis zum Jahr 2013 ausweisen, damit sie den Titel auch zukünftig tragen darf. „Es ist richtig, dass es in der Rhön zu wenig Kernzonen gibt. Allerdings steht die Aberkennung nicht morgen vor der Tür. Das Problem kann gelöst werden, wenn man die Leute nur machen lässt“, erklärte Sahler in Berlin. Die Bundesregierung sieht bisher keinen dringenden Handlungsbedarf für die Region und übergibt die Verantwortung an die bayerische Regierung. Nach Ansicht Sahlers sei das MAB ein zwischenstaatliches Programm und die Bundesregierung eben nur Vertragspartner der UNESCO. Die Bringschuld liege bei den Ländern. Allerdings gehe sie davon aus, dass Bayern ein starkes Interesse habe, die erfolgreiche Regionalmarke auch zukünftig zu erhalten.
BUND warnt vor Artensterben infolge von Titelaberkennung

- (Foto:pixelio.de)
Burkhard Vogel, Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Thüringen, warnt bei der Aberkennung des Titels „Biosphärenreservat“ vor dem Verschwinden gefährdeter und seltener Tierarten in der Rhön. Bereits unter jetzigen Lebensbedingungen habe das Birkhuhn als Wappentier der Rhön kaum noch eine Überlebenschance: Es benötige riesige Wiesenflächen im reinen Naturschutzgebiet zur Entfaltung, und die Zunahme des Tourismus und der Straßenverkehrslärm störe die scheuen Tiere bei der Balz. Auch die bereits selten gewordenen Schmetterlinge könnten ganz verschwinden, wie die Berghexe und der schwarze Apollofalter, die beide trockene Standorte bevorzugen. Oder auch den Raubwürger, eine etwa amselgroße Vogelart, könnte es bald nicht mehr geben. Thüringen sei besonders auch auf sein Wildkatzenprojekt stolz. Die Rhön eigne sich als Wildkatzengebiet, da sie als Drehscheibe Anschluss an große Waldgebiete im Süden und Westen wie den Spessart, den Thüringer und Bayerischen Wald ermögliche. „Werden die bisherigen Naturflächen noch kleiner, können sich seltene Wildtiere kaum noch verbreiten“, erklärte Vogel. Augenblicklich ist die Rhön noch ein Tierparadies für Dachse und Fischotter und könnte auch für andere seltene Tierarten zumindest als Durchgangsgebiet fungieren. „Die seit 1996 an der Lausitz neu angesiedelten Wölfe könnten die Rhön kurzzeitig überqueren, um von da aus in neue, sichere Reviere zu gelangen“, so die Hoffnung Vogels. Die UNESCO habe die Rhön als weltweiten Lebensraum anerkannt, und das sollte seiner Ansicht nach auch so bleiben. Und das nicht ohne Grund.
UNESCO eröffnet UN-Jahr „biologische Vielfalt“
Denn erst Anfang Januar hat die UNESCO mit Sitz in Paris das UN-Jahr zur biologischen Vielfalt eröffnet. UNESCO-Generalsekretär Marcio Barbosa äusserte sich während der zweitägigen Konferenz bei seiner Eröffnungsrede besorgt: „Die Menschen stehen heute an ihrem Wendepunkt – sie müssen sich entscheiden, ob sie die Vielfalt erhalten wollen und was sie ihnen wert ist. Wir brauchen solides Wissen und echte moralische Überzeugung, um den Verlust der Lebensräume und Arten zu stoppen.“ Deshalb hat die Bundesregierung seit dem Weltgipfel 1992 in Rio de Janeiro einen Vertrag geschlossen, um die biologische Vielfalt weltweit, wie auch im eigenen Land zu erhalten. Neben der Flusslandschaft Elbe, dem Vessertal-Thüringer Wald, dem Spreewald und der Schorfheide gibt es inzwischen 15 offiziell von der UNESCO ausgezeichnete Gebiete in Deutschland, die den besonderen Titel „Biosphärenreservat“ tragen dürfen. Seit 1991 ist auch die Rhön als Drei-Länder-Mittelgebirge, an das die Bundesländer Thüringen, Hessen und Bayern angrenzen, als internationales Modellprojekt „Biosphärenreservat“ anerkannt.
Betreut werden die 15 Biosphärenreservate vom MAB-Nationalkomitee, das vom Bundesumweltministerium eingerichtet wurde. Das MAB schlägt ein Gebiet als Biosphärenreservat vor, wenn darin das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung verwirklicht wird. Dabei müssen alle Aspekte gewahrt sein, die dem ökologischen Reichtum dienen. Mensch, Gesellschaft und Natur sollen in Harmonie miteinander leben. Biosphärenreservate sind in drei Zonen aufgeteilt:
- Eine Kernzone, die unter strengem Naturschutz steht.
- Eine Pflegezone, in der nur geringe Einschränkungen des Naturschutzes erlaubt sind.
- Eine Entwicklungszone, in der alle Nutzungen erlaubt sind.
Negativbeispiel Dresdner Elbaue
Seit 2006 gefährdete eine Autobahnbrücke die malerische Flussbiegung vor der Barockstadt Dresden und damit den Titel „Biosphärenreservat“. Allerdings hatten die Bürger in Dresden für den Brückenschlag per Bürgerentscheid gestimmt, um damit den innerstädtischen Verkehr zu entlasten. Doch die haushohen Spundwände, die sich nun in die Dresdner Elbaue schneiden, haben am 26.06.2009 zur Aberkennung des Weltkulturerbe-Titels geführt. Die Sachsen haben auf den Titel gepfiffen. Und die Touristen packt nun bei der Einfahrt nach Dresden das kalte Grauen, da statt Schafe an den Elbauen Bagger sich in den Boden fressen. Die Brücke soll bis 2011 fertig gestellt sein.
[CH]
