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Provoziertes, Unlogisches und Verspieltes

- Die erste documenta fand 1955 in Kassel statt, die zweite 1959 (Foto:Schwehn)
Der Aufsichtsrat der documenta in Kassel hat – das ist internationale Einschätzung – eine wahre Powerfrau zur künstlerischen Leiterin gewählt: Es ist Carolyn Christov-Bakargiev. Die Noch-Hauptkuratorin und neuerdings auch künstlerische Direktorin des Museums für zeitgenössische Kunst „Castello di Rivoli“ in Turin wird das Programm für die nächste Kunstausstellung verantworten, die vom 9. Juni bis zum 16. September 2012 in der nordhessischen Metropole geplant ist. Erfahrungen konnte sie schon 2008 sammeln: Da war sie künstlerische Leiterin der 16. Sidney-Biennale. Aber wer ist die 52 Jahre alte, in New Jersey geborene Amerikanerin, Tochter eines bulgarischen Flüchtlings und einer Italienerin? Bis zum Tag ihrer Nominierung war sie selbst einer kunstinteressierten deutschen Öffentlichkeit wenig bekannt. Christov-Bakargiev ist nach 1997 die zweite Frau auf dem Chefposten der documenta: Vor zwölf Jahren hatte die Französin Catherine David an der Fulda das Sagen.
Neue Anstöße, neue Provokationen
Die 13. documenta wird natürlich andere Aufgaben und Zielsetzungen haben als die erste, die 1955 auf einer völlig anderen Basis stattfand. Carolyn Christov-Bakargiev wird mit neuen Stilrichtungen, die Archäologie und Ökologie integrieren, nicht nur neue Anstöße geben, sondern auch provozieren wollen. Das haben viele ihrer Vorgänger zumindest in den vergangenen 35 Jahren getan: von Harald Szeemann (1972) bis Catherine David. Diese erntete wütende Proteste für ihr Konzept – heimste aber auch einen Zuschauerrekord ein: So nah war dem Volk die Kunst schon lange nicht mehr gekommen. Christov-Bakargiev hat auf einer documenta-Konferenz Ende 2009 in Turin skizziert, was sie in Kassel erreichen will: Nicht nur die künstlerische Provokation hat sie sich auf die Fahne geheftet - auch das Unlogische, Verspielte, Poetische will sie zelebrieren.
An eine Weltkunstaustellung war nicht gedacht
Als Arnold Bode, ein Kasseler Maler und Akademieprofessor, die erste documenta ins Leben rief, war diese lediglich gedacht als Rahmenprogramm für die gleichzeitig stattfindende Bundesgartenschau. In enger Zusammenarbeit mit dem Kunsthistoriker Werner Haftmann inszenierte er jedoch eine Ausstellung, von der beide in jenem Jahr 1955 nicht wissen konnten, dass damit der Grundstein gelegt war für eine Weltkunstausstellung von dauerhaftem Bestand - und mit exzellentem Ruf.
Konfrontation mit der „entarteten Kunst“
1954, als die ersten Planungen begannen, war der Zweite Weltkrieg gerade neun Jahre her, und Kassel war bei zwei schweren Bombenangriffen in Schutt und Asche gelegt worden. Die Ruinen prägten weithin das Stadtbild. Sozusagen unter dem Slogan "Blick zurück nach vorn“ entwarfen Bode/Haftmann eine Ausstellung mit 670 Werken moderner Kunst der Jahre 1905 bis 1950 von 148 Künstlern aus 13 Ländern. Die Skulptur war dabei noch nicht vertreten. Die Aussstellungsmacher konfrontierten ihr Publikum ganz bewusst und intensiv mit jener Kunst, die den meisten erwachsenen Besuchern bislang allein als „entartet" diffamiert bekannt geworden oder gänzlich unbekannt geblieben war. Da hing ein Picasso – weithin Synonym für alles Scheußliche, dort wurde ein Chagall präsentiert; ein Paul Klee war zu sehen mit seinen dunklen Quadern, ein Kandinsky mit seinem abstraktem "Gekrakel". Auch Henry Moore mit seinen zarten Buchillustrationen, die so ganz im Gegensatz standen zu den mächtigen Skulpturen. Macke, Beckmann, Dufy - um nur einige weitere zu nennen - verunsicherten, ja verstörten das Publikum. Ließen aber auch staunen. Und neugierig werden auf das, was ihnen im Dritten Reich vorenthalten worden war.
1959 waren auch die Amerikaner mit dabei
Das Wort "Blick zurück nach vorn“ spielten Bode/Haftmann in der zweiten documenta 1959 weiter. Nach der Aufarbeitung der verdrängten und fast verlorenen geglaubten Vergangenheit widmete sich die zweite große Kasseler Kunstausstellung nunmehr der unmittelbaren Nachkriegszeit: "Kunst nach 1945“ hieß das Motto. Jetzt wurden neben der Malerei auch die Skulptur und die Druckgrafik einbezogen – und die amerikanischen Künstler kamen. Die Kunstwerke traten in einen starken, spannungsgeladenen Dialog mit der Umgebung: Immer noch erinnerten zahlreiche Ruinen daran, wohin der Wahn vom Weltreich geführt hatte. Aber inzwischen dominierte der Blick nach vorn. Kandinsky war wieder dabei, natürlich, auch Henry Moore wieder, und Matisse. Eine neue Künstlergeneration stellte sich vor; neue Namen waren zu lernen: Merlyn Evans, Henry Laurens und Marino Marini, aber auch Bildhauer wie Ossip Zadkine waren der Einladung nach Kassel gefolgt.
Das „wunderbare unbekannte Reich“
In seiner Eröffnungsrede zur ersten documenta hatte Werner Haftmann zum Besuch eingeladen mit den Worten: "Da wartet ein wunderbares, unbekanntes Reich mit einer Fülle von Provinzen. Es steht jedem frei, sich darin zu ergehen nach seiner Weise…Vielleicht nimmt er den Glanz mit, und dann wird sich sein Leben ändern". Dieses „wunderbare, unbekannte Reich“ wurde in den späteren Jahren immer wieder in immer neuen Variationen und unterschiedlichsten Themenstellungen in Kassel erlebbar. Immer unter dem Tenor „Weltoffenheit und Internationalität“, ist die documenta aus dem internationalen Kunstkalender nicht mehr wegzudenken und lädt alle fünf Jahre zur großen Leistungsschau in eine längst wieder aufgebaute, quirlige Stadt.
[KS]









