Mittwoch, 24. Februar 2010
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60. Berlinale | The Ghostwriter | Leonardo Di Caprio | Pierce Brosnan | Bal (Honey) | Berlin
Von guten deutschen Filmen und einem mäßigem Star-Aufmarsch

Die Jubiläums-Berlinale

Stargetümmel auf dem roter Teppich und Filme, die begeistern, überraschen und fesseln. Das zumindest würde man erwarten zum 60. Geburtstag der Berlinale. Unser Reporter Ingo Roman Becker blickt für "The European Circle" zurück.
Pierce Brosnan, Olivia Williams, Ewan McGregor
Pierce Brosnan, Olivia Williams, Ewan McGregor (v.l.n.r., Foto: Becker)

Warum nicht einmal mit einem ruhigen, unbekannten Film in die Berlinale starten, dachte sich Kosslick. Während in den Vorjahren große Namen wie Martin Scorsese’s „Shine a Light“ oder Tom Tykwer’s „The International“ mit Clive Owen die Berlinale einläutete, war diesmal der chinesische Beitrag „Tuan Yuan“ („Apart Together“) auserkoren worden. Ein Kammerspiel, das vorerst  alles andere als Lust auf mehr machte. Roman Polanskis  „The Ghostwriter“ sorgte dann zumindest am zweiten Tag für Glanz - und das nicht nur auf der Leinwand.

Sharukh Khan, Leonardo Di Caprio und Pierce Brosnan

Pierce Brosnan und Ewan McGregor gaben sich die Ehre, während die Aufmerksamkeit dem in der Schweiz unter Hausarrest stehenden Regisseurs Roman Polanski galt. Von den Kritikern umjubelt, bot der erstklassig besetzte Polit-Thriller dichte Atmosphäre und vor allem brisante Aktualität. Das kann man von „My Name is Khan“ mit Bollywoodstar Sharukh Khan nicht behaupten, aber zumindest sorgte die Präsenz des 45jährigen Inders für einen kaum vergleichbaren Ansturm an Fans vor dem Berlinale-Palast. Obwohl  die vierte Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo Di Caprio in „Shutter Island“ bereits am 25. Februar in den deutschen Kinos startet, lief der Mystery Thriller im Wettbewerb außer Konkurrenz. Meiner Meinung nach der beste Film der gesamten Sektion, diente er vermutlich nur dazu, den Promifaktor zu erhöhen. Die Fans freute es, denn Leonardo Di Caprio erfüllte nahezu alle Foto- und Autogrammwünsche. Das macht sonst keiner.

Star-Mangel

Star-Mangel auf der Berlinale
Zu oft blieb der rote Teppich leer (Foto: Becker)

Dass sogar Ben Stiller nach Berlin kam, der sonst aufgrund seiner jüdischen Wurzeln die Hauptstadt und generell Deutschland zu meiden versucht, war sicher ein hervorzuhebendes Ereignis. Doch mit dem Auftritt des Comedians endete der Staraufmarsch vor dem Berlinale Palast auch schon. Dabei gaben die übrigen US- Filme noch ausreichend Star-Potenzial. Vorneweg die durchaus sehenswerte Indie-Komödie „The Kids are Allright“ mit Julienne Moore, Mark Ruffalo und einer wie so oft brillanten Anette Benning. Aber letztendlich war es nur Julienne Moore, die sich auf den Roten Teppich begab. Genug Möglichkeit, den Glanz der Berlinale zu erhöhen, brachte auch der Thriller „The Killer Inside me“. Doch auch hier ließen Stars wie Jessica Alba, Kate Hudson und Casey Affleck das Pressekonferenzpult leer. Nur Regisseur Michael Winterbottom durfte sich für einen unterdurchschnittlichen Film rechtfertigen.

Vorbild statt Enttäuschung

Zu erwähnen sind vor allem die deutschen Beiträge im Wettbewerb: „ Filme wie „Shahada“ machen die Berlinale kaputt“, schrieen viele Medienvertreter auf. Doch meiner Meinung nach steht die mutige Auseinandersetzung mit Problemen junger Muslime in Berlin im Abschlussfilm des Regiestudenten Burhan Qurbani beispielhaft für ein hervorragendes Kino. Hinzu kommen eine ausgezeichnete Kameraführung und überzeugende Jungdarsteller. Davon hätten sich fast alle anderen Beiträge noch eine Scheibe abschneiden können. 

Auch „Der Räuber“ bot endlich einmal attraktives Geschwindigkeitskino, das den Zuschauer in Atemlosigkeit versetzte und alles andere als schläfrig machte.Von den Kritikern in der Luft zerfetzt wurde Oskar Roehlers Film - zu Unrecht, wie ich finde, denn er war meiner Meinung nach zumindest cineastisch gelungen. Eine zum Teil sehr eigene Interpretation der Ereignisse um den Schauspier Ferdinand Marian, der in dem antisemitischen Propagandafilm „Jud  Süß“ im Jahre 1940 die Hauptrolle übernahm. Vor allem die satirisch angehauchte Darstellung von Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels ist sehenswert.

Und der Sieger ist...

Diesjähriger Gewinner: der türkische Film Bal
Diesjähriger Gewinner: der türkische Film Bal (Honey) (Foto: Becker)

Im Gegensatz zum Vorjahressieger des Goldenen Bären „The Milk of Sorrow“, konnte ich in diesem Jahr mit der Entscheidung rund um Jury-Präsident Werner Herzog sehr gut leben. Der türkische Film "Bal" (Honey) handelt von einem Jungen, der seine Sprache verliert, als sein Vater in den Bergen verschwindet. Er beschließt, ihn eigenmächtig zu suchen. Der Film ist der dritte Teil der Yussuf-Trilogie von Semih Kaplanoglu, zu der auch die Filme "Yumurta" (Ei) und "Süt" (Milch) gehören.

Festival der Fans und Besucher

Mit meinem persönlichen Favoriten, „The Ghostwriter“, wurde wenigstens Roman Polanski als bester Regisseur mit dem silbernen Bären gekürt. „Ich wäre nicht gekommen, auch wenn ich gekonnt hätte. Denn bei meiner letzten Auszeichnung auf einem Festival bin ich verhaftet worden“, so Polanski in seiner übermittelten Dankesrede. Ob sich die Berlinale mit den anderen großen Festivals wie Cannes und Venedig messen lassen kann, bleibt auch nach der 60. Auflage schwer zu beurteilen. Es ist und bleibt das Festival der Fans und der Besucher, die nirgendwo sonst so nah dabei sein können wie in Berlin. Doch diese Kultur muss auch in Zukunft gepflegt werden. Qualitativ hochwertige Filme und ein ansprechendes Staraufgebot müssen sein, wenn die Berlinale weiterhin in der ersten Liga der großen Festivals mitspielen möchte. Hier besteht Nachholbedarf. Der Vertrag des Festival-Direktors Dieter Kosslick läuft noch bis 2013.

[Ingo Becker]