Gerettete Götter

- Die „thronende Göttin“ (Foto: a.schramm)
Die Bibel taufte Euphrat und Tigris „Paradiesströme“. Der deutsche Archäologe Max Freiherr von Oppenheim dürfte 1899 zwischen den beiden Flüssen seinen persönlichen Garten Eden entdeckt haben. Im heutigen Syrien visierte der Orient-Liebhaber eines Tages einen Hügel an, den die Einheimischen Tell-Halaf nannten. Schon nach kurzzeitigen Grabungen an der Oberfläche zeichnete sich ab, was später als einer der größten archäologischen Funde in die deutsche Geschichte eingehen sollte: der 3000 Jahre alte Palast des aramäischen Fürsten Kapara.
Die „thronende Göttin“
Besonders das einzigartige Baudekor des Westpalastes, die reich verzierten Reliefplatten und die kolossalen Skulpturen, strotzten vor Ausstrahlungskraft, Anmut und Schönheit – und verhalfen von Oppenheim nebenbei zu archäologischer Berühmtheit. Da waren imposante Löwen, riesige Götterfiguren und wundersame Wesen, wie ein Wettergott auf einem Stier oder ein Skorpion-Vogelmann. Über all diese Geschöpfe wachte die „thronende Göttin“ mit ruhigem Blick. Der Westpalast mit seiner atemberaubenden Ausgestaltung gilt bis heute als beispiellos für den nordsyrischen Raum.

- Der deutsche Archäologe Max Freiherr von Oppenheim. (Foto: a.schramm)
Späte Erfüllung
Der Orientalist Max von Oppenheim schaffte es, seine Sammlung nach Berlin zu befördern. 1930 gründete er kurzerhand das Tell-Halaf Museum in Berlin und stellte einen Teil seiner Ausgrabungen aus. Aufgrund von Geldmangel erfüllte sich sein Bittgesuch damals nicht, die Skulpturen auf der Museumsinsel zu präsentieren. Rund 70 Jahre nachdem von Oppenheims Entdeckungen das letzte Mal zu bestaunen waren, geht sein Wunsch nun doch noch in Erfüllung. Was war passiert?
Ein Puzzle mit 27.000 Teilen
In einer der vielen Bombennächte im Jahr 1943 wurden die Funde Tell-Halafs vollkommen zerstört. Die Basalt-Figuren zerbarsten in 27.000 kleine Einzelteile, Kalksteinreliefs und Gipsabgüsse verbrannten gar vollständig. Nach Kriegsende blieb von Oppenheim keine Zeit mehr, die Überreste zu sichern und eine Restauration in Auftrag zu geben – er starb 1946 an einer Lungenentzündung. So bröselten die 27.000 Puzzleteile vor sich hin. In die Katakomben der Außenstelle des Pergamonmuseums verfrachtet, wurden sie nicht weiter beachtet. 55 Jahre später begann ein Team von Archäologen und Restauratoren eine der couragiertesten internationalen Restaurierungsarbeiten in den letzten Jahrzehnten zu planen: es schickte sich an, das knifflige Puzzle zusammenzusetzen. Per Handarbeit und ohne Computerprogramme, wohlgemerkt. Warum die ganze Anstrengung? Kurator Lutz Martin erklärt : „Troja und Schliemann kennt jeder, aber Tell-Halaf ist nicht so bekannt“.

- "Die geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf". (Foto: a.schramm)
Ein bisschen Paradies in Berlin
2001 fing das Team mit der Restauration an, um auch Oppenheim bekannt zu machen. Ganze neun Jahre sollte sie dauern. Fragment um Fragment wurde nach Ähnlichkeiten abgesucht – man achtete vor allem auf auffallende Dekors wie Löwenmähnen, Schmuck, Muskeln oder Haare. Nach drei Jahren intensiver und erfolgreicher Arbeit sah sich die Mannschaft genötigt, weitere Experten konsultieren, denn es waren hauptsächlich merkmalsarme Gesteinsbrocken übriggeblieben. Diese mussten von Mineralogen einzeln analysiert und identifiziert werden. Nun nahm schließlich auch diese Sisyphusarbeit ein Ende: ab Januar 2011 werden, pünktlich zu Max von Oppenheims 150. Geburtstag, 30 monumentale Skulpturen und Reliefs im Pergamonmusem auf der Museumsinsel präsentiert. Name der Ausstellung: „Die geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf“. Paradiesischer hätte Oppenheim es sich wohl selbst kaum ausmalen können.
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