Arbeiten am sozialen Brennpunkt

- Sabrina Apicella (22), Studentin aus Berlin. (Foto: v.frenzel)
European Circle: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Praktikum bei der SOC in Almería zu machen?
Apicella: Im Rahmen meines Studiums muss ich ein paar Pflichtpraktika machen, ich hatte bereits eines im sozialen Bereich absolviert und wollte jetzt ein politisches Praktikum machen, das heißt, ich wollte irgendwo arbeiten, wo man die Menschen mobilisieren kann. Mein Freund lernte auf einer Veranstaltung einen Schweizer Bürgerrechtsaktivisten, der auch mit der SOC zusammenarbeitet. Von den Gewächshäusern in El Ejido hatte ich mal gehört; wie die Wirklichkeit vor Ort aussieht, konnte ich mir nicht vorstellen.
Hilfe für Papierlose
European Circle: War es dann wirklich ein politisches Praktikum?
Apicella: In jedem Fall habe ich an einem sozialen Brennpunkt gearbeitet. Die SOC kämpft vor allem gegen die Ausbeutung der Arbeitsimmigranten, sie bringen Arbeitgeber, die nicht zahlen oder unrechtmäßig entlassen, vor Gericht. Außerdem stehen sie immer der Presse zur Verfügung, wenn jemand über die Situation berichten will. Gerade versuchen sie erstmals auch politische Gruppen zu gründen. Das hat mich besonders interessiert. Nach sechs Wochen vor Ort habe ich aber das Gefühl, dass die Immigranten sehr apathisch sind. Sie sind von den vielen Journalisten, die nach den Ausschreitungen in El Ejido im Jahr 2000, über die Lage berichtet haben, enttäuscht, denn sie haben nichts erreicht. Deshalb wollte ich herausfinden, wieso die Menschen dort bleiben – trotz der Ausbeutung und der schlechten Arbeitsbedingungen.
“Viel Verantwortung”
European Circle: Was waren Ihre Aufgaben?
Apicella: Ich war 2009 während der Sommerpause da. Da waren viele Marokkaner mit Arbeitsvertrag, die ihren Job verloren hatten. Viele der Einwanderer mit Papieren kehren während der dreimonatigen Erntepause im Sommer in die Heimat zurück, vor September geht die Arbeit in den Gewächshäusern nicht wieder los, oft sogar erst im Oktober. Um die Entschädigungszahlungen zu umgehen, hat eine Firma dieses Jahr bereits im August angefangen, die Arbeiter, die nicht kommen konnten, fristlos zu entlassen. Diese Fälle, das waren eine ganze Menge, habe ich aufgenommen, dann habe ich den Immigranten gesagt, welche Papiere wir von ihnen brauchen, um rechtlich vorzugehen. Anschließend bin ich mit der Anwältin von der SOC ins Gericht.
“Spanischkenntnisse wichtig”
European Circle: Wie haben Sie sich auf das Praktikum vorbereitet?
Apicella: Spanisch konnte ich schon. In der Schule habe ich die Sprache ab der siebten Klasse gelernt, auf einer Lateinamerikareise habe ich meine Kenntnisse dann vertieft, außerdem spreche ich Italienisch, mein Vater ist Italiener. Fachlich war ich kaum vorbereitet, weil die Probleme in Almería natürlich sehr spezifisch sind. Aber ich kam schnell rein.
European Circle: Was bedeutet die Erfahrung für Sie persönlich?
Apicella: Es war in jedem Fall eine wichtige Erfahrung, inwiefern mich das Praktikum in der Zukunft beeinflusst, kann ich jetzt aber noch nicht sagen.
“Immigranten sind Einzelkämpfer”
European Circle: Was war die spannendste Erfahrung?
Apicella: Weil mich die politische Einstellung der Immigranten interessierte, habe ich begonnen, lange Interviews mit einigen Immigranten zu führen. Das war sehr interessant. Ich habe Immigranten mit unterschiedlichem Hintergrund zu mehreren Themen befragt. Unter anderem habe ich mit einem 18-jährigen Marokkaner und einem älteren Mann aus Guinea-Bissau gesprochen, der schon in den 90er Jahren nach Almería gekommen ist und der jetzt seine Familie nachgeholt hat. Interessiert hat mich ihre Einschätzung zur Krise, ihre Lebens- und Überlebensstrategie und ihre Utopien. Herausgefunden habe ich, dass alle ziemliche Einzelkämpfer werden, kaum einer will sich für gemeinsame Ziele zusammenschließen.
European Circle: Wie werden Sie die Erfahrungen verarbeiten?
Apicella: Ich werde über die Interviews eine Hausarbeit schreiben.
European Circle: Wie geht es jetzt in Berlin weiter?
Apicella: Dieses Jahr beende ich meinen Bachelor und dann mache wahrscheinlich noch einen Master. Außerdem möchte ich gern ein Auslandssemester in Lateinamerika studieren.
[VF]
