Donnerstag, 22. Juli 2010
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Mafia | Camorra | Mafia in der Literatur | Saviano | Werner Raith | Leluca Orlando
Literatur über süditalienische Verbrecher-Syndikate

Die Mafia - oder das Gesetz des Schweigens

Camorra
Journalist Roberto Saviano beschreibt detailliert die Praktiken des mafiosen organisierten Verbrechens. (Foto: pixelio.de/Mike Nottebrock)

Die international agierenden Verbrecher-Organisationen aus Süditalien sind dank des Buches “Gomorra” des neapolitanischen Schriftstellers Saviano in aller Munde. Er hat in auch brutaler Deutlichkeit aus dem Innenleben der Camorra berichtet und hat Namen genannt; er ist mit dem Tode bedroht worden. Gleichwohl erstaut auch heute noch das breite Echo etwas, weil die öffentliche Diskussion vor allem in Mitteleuropa so tut, als habe der Autor gänzlich gefährlich Neues, bislang Unbekanntes, Unerhörtes offenbart. Dabei füllt die Literatur in Sachbuch und Belletristik, die sich mit dem Phänomen solcher kriminellen Energie beschäftigt, lange Bücherregale. Und dies seit Jahrzehnten. Allerdings war bisher Gegenstand der Betrachtungen vorzugsweise die sizilianische Mafia; die neapolitanische Camorra und auch die kalabrische ’Ndrangheta blieben, außer bei wenigen italienischen Autoren, weithin ausgespart.

Weit mehr als nur Kriminalromane

Die Mafia hingegen als eine der verbrecherischen Spielarten war und ist immer wieder literarisches Objekt. Wobei sich allerdings bei vielen Lesern außerhalb Italiens häufig ein fatales Mißverständnis eingeschlichen hat: Die Beschäftigung mit der Mafia, der “Ehrenwerten Gesellschaft”, war und ist für viele nichts anderes als die Beschäftigung mit einer Gesellschaftssaga, einem Krimi, und weniger mit harten, nackten Tatsachen. Mario Puzos “Der Pate” - mit Marlon Brando verfilmt und mit drei Oscars ausgezeichnet, steht genauso für eine solche Fehlbetrachtung wie Puzos Fortsetzungsroman “Der Sizilianer”.  Dieser Autor hat sich am Thema schier wund geschrieben. Sein Roman “Omertà” (Schweigen) ist der letzte Akt in den Romanen über die Mafia, über Macht und Moral in Italien wie in Amerika.

Es geht um Amtsmißbrauch und Korruption

“Mafia”-Romane
“Mafia”-Romane sind Teil zeitgenössischer Weltliteratur. (Foto: pixelio.de/Thomas Max Müller)

Genauso ist es mit Siziliens großen Romancier Leonardo Sciascia. Seine “Mafia”-Romane sind Teil zeitgenössischer Weltliteratur. Ob es sich um die Trilogie “Das Gesetz des Schweigens” handelt oder “Das Spiel um die Macht”, Sciascias Romane wurden und werden in Deutschland als “brillant geschriebene Kriminalromane” angepriesen - wenn auch beispielsweise mit dem Zusatz, es handele sich “um die Aufdeckung von Amtsmißbrauch und Korruption, um die Bloßstellung jener Kräfte der (sizilianischen) Gesellschaft, denen im Ringen um die Macht jedes Mittel recht ist”.

Von mafia-treuen Priestern und gottesfürchtigen Paten

Auch Giuseppe Fava, der unerbittliche literarische und journalistische Mafia-Verfolger, der diesen Einsatz mit dem Leben bezahlt hat, ist so zum Krimi-Autor herabgestuft worden. Sein Schlüsselroman “Ehrenwerte Leute”, schon 1975 geschrieben, wird hierzulande gehandelt als “Kriminalroman ohne Täter, ohne Kommissar, ohne die beruhigende Aufklärung der Morde”. Ehrlicher geht da sein deutscher Verlag mit Enzo Mignosis “Der Herr sei mit der Mafia - von mafia-treuen Priestern  und gottesfürchtigen Paten” um. In diesem Buch, heißt es im Klappentext, sei Stoff für mehrere Kriminalromane gesammelt: “Aber es handelt sich nicht um Kriminalromane, sondern um offene und versteckte Aktionen der Mafia in Sizilien; Erpressungen,  Überfälle, Racheakte, Morde.” Enzo Russos “Grüße aus Palermo”  hingegen wird wieder angeboten als “literarischer Krimi, eine sizilianische Familiengeschichte - und ein Schlüsselroman über das zeitgenössische Italien”. - Wer andererseits einen richtigen sizilianischen Krimiautor zum Thema Mafia goutieren möchte, sollte Andrea Camillieris “Der unschickliche Auftrag” zur Hand nehmen. Das allerdings ist keine zeitgenössische Literatur. Er behandelt hier die Mafia von 1891.

Rolf Uessler oder Werner Raith. Harte Fakten

Leoluca Orlando
Oberbürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando. (Foto: leolucaorlando.it)

Zur Untermauerung belletristischer Beschäftigung mit der Mafia, der Anklage auf literarischem Niveau, gibt es natürlich seit langen Jahren auch umfangreiche seriöse Sachliteratur. Schon 1965 ist Norman Lewis’ Standardwerk “Mafia - die Ehrenwerte Gesellschaft” auf den Markt gekommen. Es ist ein nachgerade sozialkritisches Werk. Interviews, Akten, Dokumente, Prozeßberichte hat der in den 1970er Jahren nach Italien ausgewanderte Journalist Rolf Uessler gesammelt. Unter dem Titel “Mafia, Mythos, Macht, Moral” ist ein  aufrüttelndes Buch entstanden. Ein anderer Deutscher, der zu früh gestorbene Werner Raith (1940 - 2001), römischer Korrespondent des Berliner Tagesspiegels, hat sich ebenfalls mit Macht der Mafia angenommen: “Parasiten und Patrone” heißt seine Untersuchung, in derer auch der Camorra und der ’Ndrangheta ein Kapital gewidmet hat. Schließlich löst Fabrizio Calvis Buch “Jenseits von Palermo - Gehört Europa der Mafia?” die verbrecherischen Umtriebe nicht nur der Mafia, sondern auch der Camorra und der ’Ndrangheta aus ihrem ursprünglichen begrenzten Umfeld und zeigt die internationalen Verflechtungen auf.

Porträts von Leoluca Orlando

Zu den erbittertsten Mafia-Gegnern in Sizilien gehört zweifellos der frühere Oberbürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando. Zwei Porträts geben Auskunft über sein Wirken. Das unter dem Titel “Einer gegen die Mafia” stammt von dem früheren WELT-Korrespondenten Hanspeter Oschwald, das zweite von Monika Lustig. Es heißt “Leoluca Orlando - Palermos Bürgermeister; ein Politiker im Kampf gegen die Mafia”. Dem sizilianischen Politiker hat auch Natalie John in ihrem ansonsten fröhlichen Sizilienbuch “La Mamma, die Mafia und der Tunfischjäger - Sizilianische Ausbrüche” ein Kapital gewidmet.

[KS]