Donnerstag, 29. Juli 2010
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Theatersterben | Finanzkrise der Kommunen | Kultur | Schauspiel Wuppertal
Theatersterben - das Beispiel Wuppertal

Angst vor dem Verlust kultureller Vielfalt

Theatersterben in Wuppertal
Wuppertal: Hier droht ein "Theatersterben". (Foto: pixelio.de/Duke Bächer)

Rund 60 Schauspiel- und Opernhäuser aus ganz Deutschland haben jüngst in Wuppertal gegen die drohende Schließung des dortigen Schauspiels demonstriert. Die Strecke zwischen dem Schauspielhaus im Ortsteil Elberfeld und der Oper in Barmen wurde zur Demonstrationsmeile. Die demonstrierenden Künstler hatten dabei zweierlei im Sinn: Natürlich wäre es ein herber künstlerischer Verlust weit über Wuppertal und das Bergische Land hinaus, müsste das Theater schließen - aber es war auch eine Demonstration im eigenen Interesse. Denn was hier “über die Wupper” gehen könnte, droht anderenorts auch: Das Theatersterben nämlich.

Heinrich Böll hielt die Eröffnungsrede

Diese Protestversammlung am “Welttheatertag” war vom Bühnenverein organisiert worden und hatte in der Bevölkerung reichlich Unterstützung gefunden. Denn dieses Theater war und ist mehr als ein “Stadttheater”. Als das Haus am 18. November 1966 mit einer Rede von Heinrich Böll eröffnet wurde, ahnten nur Optimisten etwas von der weiteren Entwicklung. Die Stadt zählte seinerzeit stolze 422.000 Einwohner, und kulturelle Vielfalt entwickelte sich: Zadek, Bondy, Neuenfels inszenierten hier, Klaus Peymann “krönte” hier Bernhard Minetti mit der Inszenierung des “König Lear” - und dann kam die große, die eigenwillige Pina Bausch. 1973 ging ihr Stern in Wuppertal auf, mit ihren weltweit beachteten Tanztheater-Premieren, abwechselnd im neuen Schauspielhaus in Elberfeld und im alten Opernhaus in Barmen.

Bisher 10,9 Millionen Euro Unterhalt

Wuppertal- Schuldenberg
Wuppertal: Schuldenberg der Stadt inzwischen auf 1,8 Milliarden Euro gestiegen. (Foto: pixelio.de/Thomas Max Müller)

Pina Bausch lebt nicht mehr, Minetti auch nicht. Und die Stadt Wuppertal ist auf 350.000 Einwohner geschrumpft. Dafür ist der Schuldenberg der Stadt enorm gewachsen. Inzwischen auf 1,8 Milliarden Euro, und wenn die Stadtväter so weiter wirtschaften (oder wirtschaften müssen) dann ist Wuppertal in 2011 überschuldet. Da bleibt kein Platz für zwei kommunale Bühnen. Das Schauspiel hat bislang zum Unterhalt 10,9 Millionen Euro erhalten. Jetzt sehen die städtischen Pläne zunächst eine stufenweise Kürzung um zwei Millionen Euro und die Aufgabe der eigenen Spielstätte vor.

Wo bleibt der “Bergische Theaterverbund”?

Und hier kommt, jenseits allen Bedauerns über den Abbau kultureller Vielfalt in Ballungszentren mittlere Größe, eine weithin verdrängte andere Diskussionsebene ins Spiel. In Wuppertal beispielsweise stellt sich schon länger die Frage, warum das Projekt eines “Bergischen Theaterverbundes” mit Remscheid und Solingen nicht weiter voran getrieben worden ist. - Die Pläne liegen längst in der Schublade und wären zugleich ein erklecklicher Sparplan. Und: Müssen an den Städtischen Bühnen rund 200 Menschen beschäftigt sein?

Im Wettstreit mit dem Aufwand des Fernsehens

Unter dem Strich schält sich für viele Theaterbetriebe zweierlei heraus: Die kommunalen Schulden zwingen zum harten Sparen, und nicht wenige Theaterbetriebe haben das Sparen vergessen. Zu häufig, scheint es, wird heutzutage noch immer Theater gemacht im hechelnden Wettstreit mit Glanz und Aufwand des Fernsehens. Das muß schief gehen. Kalkuliert wird dabei oft in Übermut mit den finanziellen Instrumenten aus gestrigen, besseren Zeiten. Nicht ganz einzusehen ist beispielsweise, warum sich die Wuppertaler Bühnen seit 2009 mit Johannes Weigand (Oper) und Christian von Treskow (Schauspiel) zwei kostenträchtige Intendanten halten. Zuvor ging es mit einem, nämlich mit Gerd Leo Kuck, schließlich auch.

Jetzt hat die Stadt ein Gutachten bestellt, das eine erste Diskussionsgrundlage für die Zukunft der Wuppertaler Bühnen schaffen soll. Für Anfang 2011 sind Entscheidungen zu erwarten.  Wie sie ausgehen, ist an den Zahlen des Etats der Stadt unschwer ablesbar.

[KS]