Freitag, 13. August 2010

Von: PB

Seite ausdrucken
Social bookmarks:
bookmark at mister wongpublish in twitterbookmark at del.icio.usbookmark at digg.combookmark at furl.netbookmark at linksilo.debookmark at reddit.combookmark at spurl.netbookmark at technorati.combookmark at google.combookmark at yahoo.combookmark at facebook.combookmark at stumbleupon.combookmark at propeller.combookmark at newsvine.combookmark at jumptags.com
Keywords:
Deutscholympiade | Hamburg | DO | I.DV | Wettbewerb | Olympioniken | Christa Goetsch
Die zweite internationale Deutscholympiade in Hamburg

“Dabei sein ist alles”

Hamburger Rathaus
Im Festsaal des Hamburger Rathauses wurden über 90 Olympioniken geehrt. (Foto: Rike / pixelio.de)

Christa Goetsch, Bildungssenatorin und Zweite Bürgermeisterin der Hansestadt Hamburg, ehrte am Freitag über 90 Olympioniken aus 46 Ländern im Festsaal des Hamburger Rathauses. Vom 19. Juli bis zum 1. August traten die 16- bis 19-Jährigen auf drei Sprachniveaus von Gruppe A (Anfänger) bis Gruppe C (Fortgeschrittene) gegeneinander an. Nach Dresden 2008 wurde in Hamburg zum zweiten Mal die internationale Deutscholympiade (DO) in Deutschland ausgetragen. Die alle zwei Jahre stattfindende DO ist eine gemeinsame Veranstaltung des Goethe-Instituts und des Internationalen Deutschlehrerverbandes (I.DV) mit weltweit 1500 Partnerschulen. Die DO unterstützt die Kampagne “Deutsch - Sprache der Ideen” des Auswärtigen Amtes.

Der Festredner und Beauftragte für Kommunikation im Auswärtigen Amt, Michael Zenner, sieht in der Förderung der deutschen Sprache, besonders über die Veranstaltung der DO, die Möglichkeit, weltweit Konflikte zu vermeiden. Deutschland stehe für Offenheit, Toleranz, Leistungsbereitschaft und Innovation. Wer eine andere Sprache spreche, beginne andere zu verstehen und nehme besonders ihre Gefühle und Empfindungen wahr, sagte Zenner am Freitag bei der Siegerehrung vor über 90 Olympioniken im Hamburger Rathaus. Die Mehrsprachigkeit in der Europäischen Union sei aber noch die Ausnahme. Weltweit lernen nur 16,7 Millionen Menschen Deutsch - gegenüber 300 Millionen Menschen, die über den Globus verteilt die französische Sprache erlernen. 

Christa Goetsch: “Deutsch ist nicht die Sprache der Popsongs”

Christa Goetsch lobt die Lernmotivation der Olympioniken, indem sie betont, dass Deutsch zwar die Sprache der Dichter sei, aber nicht unbedingt der internationalen, modernen Songwriter. “Popsongs klingen in Englisch besser. Selbst Strafzettel lesen sich in Französisch eleganter als im Deutschen”, sagt die Bildungssenatorin. Doch die Deutschen erführen über die DO vor allem etwas über sich selbst. Das wichtigste der Ehrung sei nicht der Sieg, sondern die Teilnahme und das Streben nach dem Ziel. So könne nicht jeder Olympionik siegen, aber das Ziel, 40 unterschiedliche Perspektiven verstehen zu lernen, erreiche jeder. Nach dem Motto: “Dabei sein ist alles“.

Besondere Feststimmung unter den Olympioniken 

Das Publikum im Festsaal tobt, als nach den offiziellen Ansprachen das dreiköpfige Komitee zur Preisverleihung den Olympioniken Kenichi Kiyohara aus Japan zur Urkundenüberreichung auf das Podium bittet. Der japanische Schüler Kenichi aus der Anfängergruppe (A) erhält einen von drei ersten Preisen, ein Stipendium für einen mehrwöchigen Sprachkurs in einem der 13 Goethe-Institute in Deutschland im nächsten Jahr. 

Die Olympioniken favorisierten während des Wettbewerbs Rap und Liebesgeschichten

Deutscholympiade
Teamfähigkeit und Kreativität der Olympioniken wurde beurteilt. (Foto: SonneDo / pixelio.de)

Kenichi hatte sich unter seinen Mitstreitern viele Fans während der zweiwöchigen Olympiade erworben, als er einen Rapsong auf der Bühne in der Wichern-Schule, dem Hauptaustragungsort der DO in Hamburg, vortrug und eine Liebesgeschichte schrieb. Die DO bringe ihn näher an sein Ziel, verrät er dem Auditorium bei der Ehrung im Festsaal. Später möchte er Jura studieren und im kulturellen Austausch zwischen Japan und Deutschland tätig werden. 

Während der zwei letzten Juli-Wochen haben die Schüler Einzel- und Gruppenaufgaben bekommen. In der ersten Woche erstellten sie eine Wandzeitung über eines der Themen: “Menschen in der Stadt”, “Natur und Umwelt”, “Kultur und Kunst”. Die fünfköpfige Jury bestand aus Mitarbeitern des Goethe-Instituts, dem Institut für interkulturelle Kommunikation der Universität Hildesheim und dem Redaktionsleiter für Sprachkurse und Bildungsprogramme der Deutschen Welle, André Möller. Die Jury bewertete die Ideen über die gesammelten Eindrücke in Hamburg, den Vergleich zur Situation im Heimatland und die sprachliche Ausdrucksfähigkeit. 

DO: für menschliche Begegnung, Kultur- und Sprachaustausch zwischen Schülern aus der ganzen Welt

Eine besondere Abstraktionsfähigkeit zeigten alle Olympioniken hinsichtlich der Wahrnehmung von Kulturunterschieden zwischen Hamburg und ihrem Heimatland. Dem Publikum gewährten sie bei der Siegerehrung dann kurze Einblicke und Kostproben ihrer kleinen literarischen Werke und Anekdoten von der DO in Hamburg, die nicht ohne Schmunzeln vom Publikum aufgenommen wurden. Eine japanische Schülerin räumte im Festsaal kurzerhand mit einem Vorurteil gegenüber ihren japanischen Landsleuten auf: Man erzähle über die Japaner, dass sie immer lächeln. Dabei seien sie zuerst zurückhaltend, aber dann offen. “Sie brauchen mehr Zeit, um enge Freundschaften zu schließen. Kennt man diesen Unterschied, versteht man, dass alle Menschen gleich sind”, betont sie. Einer anderen Olympionikin aus Kirgisistan fiel auf, dass sich die Menschen in Hamburg vor allem bequem und sportlich kleiden. In ihrer Heimat jedoch sei schöne Kleidung wichtiger. Und ein Schüler aus Bosnien bemerkte die bunte Graffiti-Kunst in Hamburg, die voller Energie sei. In Bosnien sei sie düster und traurig. “Die Menschen haben dort den Krieg noch nicht überwunden”, reflektierte der Olympionik.

In der zweiten Wochen wurden Teamfähigkeit und Kreativität der Olympioniken beurteilt. Das klinge alles nach sehr viel Stress und streng durchgeführtem Programm. Doch gedacht sei die DO vor allem als eine kulturelle Begegnungsstätte, in der junge Menschen aus der ganzen Welt mit unterschiedlichen Sprachen Freundschaft schließen und sich in einer Sprache, in Deutsch, austauschen können, sagt Matthias Makowski, der die Abteilung Sprache in der Zentrale des Goethe-Instituts leitet. Und dass neben dem Wettbewerb neue Freundschaften geschlossen wurden und soziale, internationale Kontakte der große Reiz der DO waren, zeigte sich gleich nach der Anreise der Olympioniken in Hamburg. Der amerikanische Schüler und Olympionik Bonny Jain erklärte den Journalisten bei der ersten Pressekonferenz im Goethe-Institut in Hamburg ganz spontan, was ihm an Deutschland gefalle. 

“Wenn ich an Deutschland denke, fallen mir die Stichworte: Mädchen, Bier, Mädchen ein”

“Wenn ich an Deutschland denke, so fallen mir drei Stichworte ein: “Mädchen - Bier - Mädchen””, scherzte der 17-jährige Bonny Jain aus der Heimat der Wolkenkratzer, Chicago, USA. Und nicht nur das. Ein anderer Reiz lag im Kennenlernen anderer Menschen mit ihren Lebensgeschichten und Migrationshintergründen. Als Bonny am Tag der Ankunft in einem Laden in Hamburg Milch kaufte, erzählte er dem Ladenbesitzer, der ein Türke war, dass er aus Indien, der Stadt Kota im indischen Bundesstaat Rajasthan komme und neben Englisch, Spanisch und Deutsch noch Hindi spreche. Seine Eltern seien mit ihm in die USA ausgewandert, als er dreieinhalb Jahr alt war.

Bonny hat die Highschool bereits abgeschlossen und will ab Herbst Ingenieurswissenschaften studieren. Nach dem Studium beabsichtigt er, in einer internationalen Firma für erneuerbare Energien zu arbeiten, um seine Deutschkenntnisse einzusetzen. An der Highschool hat er viermal pro Woche Deutsch gelernt, so dass er den Journalisten nicht nur fließend Interviews auf Deutsch geben, sondern auch mit den Olympioniken hauptsächlich Deutsch sprechen konnte.

Über eine Sprache - Deutschlernen - Sprachunterschiede ausgleichen

Hamburg
“Dabei sein ist alles” - Deutscholympiade in Hamburg (Foto: Rike / pixelio.de)

Die 17-jährige Augusta Elisabeth Grace aus der Hauptstadt Neuseelands Wellington war Bonny für seine guten Deutschkenntnisse sehr dankbar. Über eine gemeinsame Sprache lassen sich Kultur- und Sprachunterschiede leichter überwinden und Brücken bauen. Auf der DO unterhielt sich die neuseeländische Olympionikin Augusta mit Bonny auch am liebsten auf Deutsch. Denn beiden sprechen unterschiedliche englische Dialekte. Englisch zu sprechen, sei besonders mit den Mitstreitern aus Südafrika ein Problem. “Englisch ist nicht gleich Englisch”, erklärte die frisch angereiste Mitstreiterin auf der Pressekonferenz im Goethe-Institut in Hamburg. Augusta, die Verwandte in Basel hat, möchte einmal als Anwältin oder Diplomatin arbeiten. Bei der Einreise habe sie bemerkt, dass Deutschland ein Land mit Kultur und Geschichte sei im Unterschied zum jungen Neuseeland. Und: Hier sei nun Sommer, in Wellington Winter, freut sich die Schülerin. 

Jury achtete auf soziale Kompetenz

Neben dem Sprachwettstreit wurde den Schülern auf der DO zudem ein vielseitiges Freizeitprogramm geboten. Ihre Eindrücke für die Wandzeitung sammelten sie während des Kajakpaddelns auf der Alster, beim Begrüßungsgrillen und beim Wandern, bei einem Stadtbummel und beim Besuch des Thalia-Freilichtheaters. Der 48-jährige Schriftsteller und Übersetzer Carlos Alberto Ampié Loria aus Nicaragua, der bereits bei der DO 2008 in Dresden zur Jury gehörte, achtete bei den Arbeiten besonders darauf, ob der Text kreativ war und weniger darauf, wie viele Fehler er tatsächlich enthielt. “Der Jury ging es in der Bewertung der Aufgaben um das gesamte Spiel: die Schönheit der Gestaltung und die einfallsreiche Präsentation eines Theaterstücks, einer Talkshow, einer Fernsehdiskussion oder eines Vortrages”, so Carlos. Bis zu 80 Punkte wurden vergeben für Sprachfertigkeit, Team- und Gruppenarbeit und soziale Kompetenz. Carlos honorierte, wenn ein Team zusammengewachsen war und in dem Team soziale Kompetenz ein wichtiger Faktor war. So wurde neben den drei ersten, zweiten und dritten Preisen noch ein vierter Sonderpreis für Kreativität und soziale Kompetenz vergeben. 

Europäische Sprachen konkurrieren weltweit miteinander

Marianne Hepp, Präsidentin des IDV, die über 100 Lehrerverbände in 85 Ländern mit betreut, fördert die Verbreitung der deutschen Sprache in der Welt mit unterschiedlichem Erfolg. Wenngleich sie guten Kontakt zu den Deutschlehrerverbänden in Indien und Japan habe, sei es in China nicht einfach. Nicht immer stehe Deutsch gleichberechtigt neben den anderen europäischen Sprachen, Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, sagte die Präsidentin des IDV auf der Pressekonferenz im Goethe-Institut. Wenngleich in Osteuropa, besonders in Polen, über 2 Millionen Menschen trotz der bitteren Erfahrungen des polnischen Volkes mit den faschistischen deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg die deutsche Sprache in Schulen erlernen, sind es an der Elfenbeinküste nur 190.253 und in Togo 62.278 Schüler. Insofern sei es auch keine Selbstverständlichkeit, dass in Ländern wie den USA, Brasilien, Australien, die mit Deutschland keine gemeinsame Grenze haben, Deutsch gelehrt - und gelernt werde. Um so mehr erstaunt es, dass der Förderpreis für soziale Kompetenz und Kreativität, ein mehrwöchiger Sprachkurs an einem Goethe-Institut in Deutschland, bei DO 2010 in Hamburg an die Afrikanerin Angele Djufono Tsamene aus Kamerun ging. 

Die Gewinner der Deutscholympioade 2010 in Hamburg sind:

  1. Preis: Sprachkurs in einem Goethe-Institut in Deutschland: Mihaela Antonova aus Bulgarien, Nivau C (Fortgeschrittene) Armina Alic´ aus Bonsien-Herzegowina, Niveau B (Mittelstufe) Kenichi Kiyohara aus Japan, Niveau A (Anfänger)
  2. Preis: ein Fotoapparat Lucie Lebrun aus Frankreich, Niveau C Minjie Ma aus China, Niveau B Lo’ay Oschba aus Ägypten, Niveau A
  3. Preis: ein Jahresabonnement für das Magazin GEO Jan Michael Kempski aus Polen, Niveau C Yamina Vaidya aus Indien, Niveau B Maria Advenita Gita Elmada aus Indonesien, Niveau A
  4. Sonderpreis für Kreativität und soziale Kompetenz, Sprachkurs in einem Goethe-Institut in Deutschland Angele Djufono Tsamene, Kameru

[CH]