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Ferienkommunismus vs. Fashion-Show

- „Ein außergewöhnlicher Mikrokosmos zwischen laut und leise, Gitarren und Beats“. (Foto: meltfestival.de/Marieluise Scharf)
Musikfestivals sind vielen bekannt. Zelten, tanzen, Freiheit genießen – diese Werte gelten noch immer, wie schon zur Zeit des legendären Woodstock-Festivals. Allerdings hat sich viel getan. Die Liebe ist nicht mehr ganz so frei und die Musik klingt auch etwas anders. Mit dem musikalischen Höhepunkt der US-Hippiebewegung ist natürlich kein Festival vergleichbar, doch zumindest das Konzept der Fusion liest sich wie die Lebensvorstellung der damaligen Zeit: „zwanglos und unkontrolliert“. Auf diese Weise wolle man in einer „Parallelgesellschaft der ganz besonderen Art die Sehnsucht nach einer besseren Welt“ ausdrücken. Das klingt nach Gegenkultur, das klingt nach Idealen, das klingt nach Freiheit. Neben Musik gibt es auch Theater, Performances, Kino, Gesichtsbemalungen und ähnliches zu finden. Auf dem ehemaligen Sowjet-Flugfeld bei Lärz in Mecklenburg-Vorpommern erstreckt sich für vier Tage ein Festival der Sinne. „Ferienkommunismus“ nennen es die Fusionisten und die Veranstalter.
Das Melt!-Festival
Das Melt! gibt sich eher musikalisch: „ein außergewöhnlicher Mikrokosmos zwischen laut und leise, Gitarren und Beats“ sei auf dem Gelände zu bestaunen. Doch auch das Terrain lässt so einige Kinnläden nach unten klappen: der „magische Ort Ferropolis“ bietet eine einzigartige Szenerie. Riesige, 40-Meter hohe Kohleabbaumaschinen überragen Bands wie Tänzer und an ihnen befestigte Lichtmaschinen verwandeln die Nacht in ein Lichtermeer. Die gigantischen Grubenbagger passen zum beeindruckenden, hauptsächlich elektronischen Musikangebot.
Musik, Musik, Musik
Ein Tanzschritt aufs Festivalgelände. Reist man nicht schon am Tag vor dem Programmstart an, schallt die wummernde Musik bereits gewaltig, wenn man sich auf dem Parkplatz der Fusion aus dem Auto schält. Die krachenden Beats der Hauptbühne sind weit über das Gelände zu hören und zu spüren – und das 24 Stunden am Stück. Eigentlich. Dieses Jahr entschieden sich die Veranstalter zum ersten Mal, eine Musikpause einzulegen – von neun Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags. Musikfetischisten kommen dennoch voll auf ihre Kosten. Für die weniger extremen Tanzfanatiker gibt es für die kurzen Nächte Ohrstöpsel. Auf dem Melt! ist manches anders. Musik gibt es nur von 18 Uhr bis sieben Uhr morgens auf die Ohren. Lediglich der „Sleepless Floor“, eine Bühne, die ihrem Namen alle Ehre macht, pumpt den ganzen Tag durch.
Stars und unbekannte Sternchen

- Dendemann (Foto: meltfestival.de/Phillip Bockhorn)
Dafür hat das Melt! musikalische Leckerbissen en masse zu bieten. Das Programm verbessert sich von Jahr zu Jahr – Hauptacts der letzten Jahre waren Weltstars, wie Massive Attack, Oasis oder Björk, elektronische Größen wie Booka Shade, Simian Mobile Disco oder Tiefschwarz geben sich fast jedes Jahr das Micro in die Hand. Doch auch Indie-Rock-Fans kommen immer mehr auf ihre Kosten: Tocotronic, Oasis und Bloc Party sind nur einige der prominenten Vertreter, die sich in den letzten Jahren auf dem Melt! die Ehre gaben. Das Fusion-Festival sieht fast komplett davon ab, berühmte Bands zu laden. Dendemann war dieses Jahr der einzige namhafte Künstler. Dem Publikum wird vorab von solchen Auftritten nichts erzählt. Die Acts sind größtenteils unbekannt, doch nicht minder eindrucksvoll. Gemäß der „Sehnsucht nach einer besseren Welt“ beabsichtigen die Veranstalter, kleinen Bands eine Plattform zu bieten. Und Tatsache, die Rechnung geht auf: immer wieder hört man an den vielen Bühnen des weitläufigen Geländes großartige Klänge und Töne, oder ein vormals Fremder erzählt von einem Act, den man unter keinen Umständen verpassen darf. Betörende Musik braucht keine bekannten Namen.
Regellos glücklich
Die Besucher eines Festivals sind fast so wichtig wie die Musik. Generell will der gestandene Rocker mit Oberarmtattoo, Ohren- und Nasenpiercing und kahlrasiertem Schädel in den seltensten Fällen gerne neben einem halbwüchsigen Justin Bieber-Fan in Glitter-Hemd und pinken Chucks pogen – eigentlich. Auf der Fusion ist das anders. Da trifft Mann mit Ganzkörpertattoo (oben ohne steht bei männlichen Besuchern sowieso immer hoch im Kurs) auf Frau mit Tiger-Leggins, da trifft eine Öko-Familienbande samt Jüngling im Schlepptau und Kleinkind im Falttuch auf ravende, ausgebleichte T-Shirts tragende Technojünger aus Teltow. An sich gibt es alles außer Nazis. Keiner stört sich an keinem. Fusionisten sind unterschiedlich bis ins kleinste Detail und doch vereint in der Freiheit, so zu sein, wie man will. Fehlende soziale Normen führen nicht zu Unzufriedenheit, sondern das Individuum ist gerade aufgrund dieser Regellosigkeit ausnahmslos glücklich.

- Selbstdarstellung auf dem Melt!-Festival. (Foto: meltfestival.de/Stephan Flad)
Elektronische Fashion-Show
Eine andere Art Parallelgesellschaft ist auf dem Melt! anzutreffen. Ohne zu weit in die Soziologie ausschweifen zu wollen: auch hier bietet sich der Vergleich mit Émile Durkheims Theorien an. Es herrschen soziale Elektro-/Indie-Normen, äußerliche Erwartungen, vor. Typische Techno-Trends und Verhaltensweisen definieren die soziale Situation des Festivals. Selbstdarstellung wird großgeschrieben. Sonnenbirllen im Stil “je größer desto besser” war gestern. Heute bevölkern Träger des Wayfarer-Modells der Marke Ray Ban – oder eines der unzähligen Fakes – das Melt!. Sie gehören zum absoluten Pflichtprogramm, Farbe egal. Vom Hals abwärts werden dünne V-Neck T-Shirts, vorzugsweise weiß, getragen. Natürlich auch Szene-Shirts mit neonfarbener Aufschrift. Sehr beliebt: „Techno changed my life“. Dazu ein locker um die Schulter geschlungener Jute-Beutel. Dieser stammt, wohlgemerkt, nicht aus Mutterns Küchenschränkchen, sondern ist eine sündhaft teure It-Bag großer Modedesigner. Unterhalb der Taille zieren körperbetonte Karrottenhosen oder schick designte Shorts die Beine. Weite Hosen oder Cargo geht gar nicht in der Elektro-/Indie-Szene. Füße werden von Keds dekoriert – leichte Stoffschuhe, von denen es mittlerweile auch etliche Replikate zu haben gibt.
Jene Normen gelten für Mann und Frau, und so bietet das Melt! leider nur wenig Abwechslung. Selbst vereinzelte extravagante Kostüme sind so perfekt durchgestylt, wie es man es in der Szene gerne hat. Die Fashion-Show ist komplett – Gegenkultur gibt es hier bedauerlicherweise nicht.
Szenetypische Selbstdarstellung vs. Individuelle Freiheit
Auch der Verhaltenskodex auf dem Melt! wird von der sozialen Umgebung bestimmt: Festivaltypische biertrinkende Horden gibt es unter Indie- und Elektrofans kaum noch. Lieber lässt man die Kippe (selbstgedreht, versteht sich) lässig im Mundwinkel baumeln, während leicht mit den Extremitäten zur Musik gewippt wird. Der Eindruck entsteht, ein jeder wolle zur Masse gehören. Zu den „Coolen“. Sich selbst als Teil der Szene zu feiern scheint fast wichtiger als Bands zu beklatschen und zu tanzen. Natürlich gibt es dieses Phänomen auch auf der Fusion zu beobachten. Der Berlin-Prenzlauer-Berg „In“ Getränk Club-Mate geht hier öfter über die Ladentheke als der übliche Bierbecher. Ein kleiner ferienkapitalistischer Schmutzfleck auf der weißen Ferienkommunismus-Weste der Fusion. Denn ansonsten ist hier das Verhalten weitaus extrovertierter, spannender und individueller als auf dem Melt!. Durch die vielen verschiedenen Typen, Motive und Musik- und Geschmacksrichtungen will keine gemeinsame Norm aufkommen – und das ist gut so. Die Fusion zelebriert die Freiheit und nicht das Fashion-Selbst.

- (Foto: meltfestival.de/Tobias Vollmer)
Europa verschmilzt
Die Sehnsucht nach Freiheit ist international und so findet ganz Europa auf Festivals zusammen. Holländer, Engländer und Schweden kommen besonders gerne nach Deutschland um zu feiern. Das gilt, gerade wegen des außergewöhnlich guten Musikprogramms, auch fürs Melt!. Ausländer bieten hier und da angenehme Ausnahmen, da sie teilweise aus den Verhaltens- und Fashion-Normen heraus fallen. Allerdings ist ebenso zu beobachten, wie Trends sich internationalisieren. Ray Ban Brillen sind längst weltweit ein Symbol absoluter Hipness und ohnehin trägt keiner Karottenhosen enger als britische Indie-Rocker. Das Phänomen der Selbstdarstellung, der 3-tägigen Fashion-Show, bringt also auch Menschen zusammen. Szene-Menschen aller Länder, vereinigt euch.
Musik verbindet
In der Parallelgesellschaft der Fusion werden Herkunftsgrenzen und Nationalitäten aufgehoben. Jeder ist Fusionist – zumindest für ein paar Tage. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt, das Zwanglose, das Unkontrollierte: Ideale und Hoffnungen, die die unterschiedlichsten Charaktere der verschiedensten Länder vereinen. Gezanke über Fußballrivalitäten, kulturell-stereotypische Vorurteile oder politische Meinungsverschiedenheiten verschwinden auf dem Fusion-Festival mit den anmutenden Klängen der Bands im Nachthimmel. Musik verbindet eben doch am besten.
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