Donnerstag, 2. Dezember 2010

Von: RED

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Keywords:
Michel Ruge | Gewalt | Selbstverteidigung | Zivilcourage
Michel Ruge über Bedrohung, Gewalt und Verteidigung

“Kampfsport ist nicht Selbstverteidigung”

Es vergeht kein Tag in Berlin, an dem nicht über Gewalt und Überfälle an öffentlichen Orten berichtet wird. Das Ergebnis ist, dass viele Menschen verunsichert sind oder sogar Angst haben. Was tun, wenn man Opfer oder Zeuge eines Angriffes wird? Kann man vielleicht sogar vermeiden, überhaupt in so eine Situation zu kommen? Michel Ruge weiß als ehemaliger Türsteher und Selbstverteidigungsexperte ganz genau, wie man Signale der Gewalt erkennt und wie es gelingt, sich und andere in einer bedrohlichen Situation zu schützen. Mit European Circle sprach er über mentale Stärke, Konfliktbeherrschung und sein neues Buch “Das Ruge-Prinzip. Signale der Gewalt erkennen, Konflikte meistern”.
Ruge
Selbstverteidigungsexperte und Buchautor Michel Ruge (Foto: tvberlin.de)

European Circle: Warum war Ihnen dieses Buch ein Bedürfnis?

Ruge: In den Köpfen der Leute fängt Selbstverteidigung erst dann an, wenn der körperliche Konflikt begonnen hat. Das ist aber falsch. Ich habe mich immer gewundert, warum die Menschen den Konflikt nicht vorher stoppen. Denn ein Konflikt baut sich mental auf, mit dem Andocken des Täters an das Opfer. Man kann diese Konflikte stoppen auf einer ganz anderen, auf der mentalen Ebene, wenn man weiß, wie man das macht und sich bewusst ist, dass man gerade in einer solchen Situation ist. Man muss die Situation richtig einschätzen können und dann kann man sie rechtzeitig stoppen, damit es gar nicht körperlich wird. Mich hat immer gewundert, warum die Leute, wenn sie von Selbstverteidigung sprechen, immer nur den körperlichen und nie den mentalen Aspekt behandeln.

European Circle: Gibt es einen Opfertypus, also Menschen, die immer wieder Opfer von Überfällen und Angriffen werden?

Ruge:  Ja, introvertierte Leute zum Beispiel. Leute, die sich zurückziehen. Menschen, die mit ihrer Körperlichkeit nicht bewusst umgehen, die sich ihrer Außenwirkung nicht bewusst sind. Solche Leute reagieren auch oft über, nehmen die defensive Rolle an und haben sofort eine Opferhaltung, weil sie sich schon als Opfer fühlen. Die wissen gar nicht, dass man dagegenhalten kann und auch soll, wenn man diese Gewaltentwicklung stoppen will.

European Circle: Und vom Täter wird das erkannt und gespürt?

Ruge: Die Täter suchen sich Opfer, nicht Gegner, denn sie haben ja auch einen Selbsterhaltungstrieb. Die sehen natürlich sofort, wenn jemand zurückhaltend ist und schon Angst ausstrahlt – das riechen die förmlich. Unter dem Druck des Angreifers bricht so eine Person natürlich sofort zusammen und dann kann der Angreifer genau das machen, was er will: Er kann seine Macht ausspielen.

European Circle: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, aber es gibt unterschiedliche Risiken. In welche Situationen sollte man sich nicht begeben?

Ruge: Ich muss nicht durch einen dunklen Park gehen, wenn ich mir nicht sicher bin, ob da nicht Leute sind, die mir auflauern. Oder in Etablissements, in denen Menschen sind, die Aggressionen ausstrahlen. Oder in gefährliche Gegenden. Das sind Situationen, in denen ich Risiken vermeiden kann.

European Circle: Wenn es dennoch zu einem Angriff kommt, gibt es da ein Drehbuch?

Ruge: Ein Angriff baut sich auf. Zuerst sucht der Angreifer Kontakt mit mir, am Anfang sucht er Augenkontakt, dann wird er vielleicht verbal, dann verringert er die Distanz und irgendwann fängt er vielleicht auch an, körperlich zu werden. Ich versuche natürlich von vornherein, gar nicht den Augenkontakt aufrecht zu erhalten, ich gucke einfach durch ihn hindurch und guck so, als hätte ich ihn nicht bemerkt. Wenn er dann beleidigend wird und mich verbal angreift, dann versuche ich das zu ignorieren und steige nicht darauf ein, ich muss ja nicht darauf antworten. Wenn er die Distanz verringert, baut sich eine Gefahr auf, das muss ich wahrnehmen. Zuallerletzt kommt der körperliche Angriff und da muss ich selber auch ein Programm abrufen, dass meine Aggression freisetzt, damit ich mich und mein Leben verteidigen kann.

European Circle: Jede Stufe ist aber auch ein Moment, in dem ich den Konflikt vermeiden kann, indem ich richtig reagiere.

Ruge: Die Täter provozieren und testen in jedem dieser Schritte. Sie versuchen herauszufinden, ob ich ein potenzielles Opfer bin. Wie reagiere ich auf die Beleidigungen? Wenn der Täter näher kommt, wie reagiere ich darauf? Ein Opfer würde sich sofort zurückziehen, würde sagen: “Das ist dein Platz.” Je mehr Freiraum ich dem Täter aber lasse, desto weniger Freiheit habe ich selbst. Ich muss also meine Freiheit verteidigen. Ich muss dem potenziellen Täter zeigen: Ich bin ein unangenehmer Gegner und kein Opfer.

European Circle: Aber andererseits sollte ich dem Angreifer auch Freiraum lassen?

Ruge: Ich muss ihm eine Rückzugsmöglichkeit geben, damit er sich nicht schämt oder damit er sich nicht in die Enge gedrängt fühlt. Er muss immer einen Notausgang haben, damit er weggehen und die Gewalt vermeiden kann.

European Circle: Der Tod von Dominik Brunner, der im vergangen Jahr von zwei Jugendlichen getötet wurde, nachdem er vier Jüngere vor ihnen geschützt hatte, ist etwas mehr als ein Jahr her. Dieser Fall hat das Thema Zivilcourage wieder angeheizt. Wie soll ich reagieren, wenn ich Zeuge eines Angriffs werde?

Ruge: Dominik Brunner hat meinen Respekt, er hat alles richtig gemacht bis zu dem Punkt, an dem er die Angreifer stellen wollte. Das war nicht seine Aufgabe. Er hätte nicht mit aussteigen müssen, er hätte sie einfach gehen lassen sollen, denn die Gefahr war vermieden. In dem Moment, in dem er ihnen den Notausgang verwehrt hat, hatten die keine andere Wahl mehr als zu handeln. Und er hat sich auf ein Gebiet eingelassen, wo er nicht Profi war, nämlich die Straßenschlägerei. Das haben die Täter gemerkt.

European Circle: Sie haben 20 Jahre Kampfsport gelernt - um zu vermeiden, ihn einsetzen zu müssen. Es gibt nun aber Fälle, in denen man sich doch körperlich wehren muss. Ist es für jeden sinnvoll, sich ähnliche Fertigkeiten anzutrainieren?

Ruge: Grundsätzlich finde ich Kampfsport eine tolle Sache für den Körper und den Geist und zur Charakterbildung. Kampfsport hat aber wenig mit Selbstverteidigungsszenarien auf der Straße zu tun. Das funktioniert nicht. Es gibt aber eine andere Möglichkeit für Leute, die ungeübt sind, und zwar eine mentale Ebene zu erreichen, die man dann abruft in der Situation. Da geht es weniger um Griffe und Tritte, sondern es geht darum, dass man bereit ist für die Konfrontation.