Montag, 20. Dezember 2010

Von: RED

Seite ausdrucken
Schließen
Versende diesen Artikel
Send this form
Social bookmarks:
bookmark at mister wongpublish in twitterbookmark at del.icio.usbookmark at digg.combookmark at furl.netbookmark at linksilo.debookmark at reddit.combookmark at spurl.netbookmark at technorati.combookmark at google.combookmark at yahoo.combookmark at facebook.combookmark at stumbleupon.combookmark at propeller.combookmark at newsvine.combookmark at jumptags.com
Keywords:
DDR-Flucht | Berlin | Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde | Weihnachten in West Germany | Sonderausstellung | Enrico Heitzer
Wie DDR-Flüchtlinge Weihnachten verbrachten

Stille Nacht im Notaufnahmelager

Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe. Viele verbringen das Fest im Kreise ihrer liebsten Freunde und Verwandten. Aber nicht jeder hatte in der Vergangenheit dieses Glück, wie etwa die DDR-Flüchtlinge. Zur Weihnachtszeit war das Weggehen und Zurücklassen von Familien und Freunden, das Feiern von Weihnachten in der fremden Heimat besonders bitter. Mit diesem Thema beschäftigt sich die Sonderausstellung “Weihnachten in West Germany – DDR-Flucht und Neuanfang” der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Sie zeichnet anhand einzelner Schicksale aus der Zeit bis zum Mauerbau den Weg von DDR-Flüchtlingen in die neue Heimat nach. European Circle sprach mit Enrico Heitzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Erinnerungsstätte.
Enrico Heitzer
Enrico Heitzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. (Foto: tv.berlin)

European Circle: Warum gibt es diese Sonderausstellung?

Heitzer: Diese Sonderausstellung ergänzt unsere bestehende Ausstellung. Wir haben eine Dauerausstellung, die sehr groß und sehr schön ist und wir haben gedacht, dass wir die Themen, die dort dargestellt werden, also Verlusterfahrungen und Frust, auch mit Blick auf Weihnachten betrachten könnten.

European Circle: Wie wurden denn die Flüchtlinge aus der DDR dort aufgenommen?

Heitzer: Im Grunde mit offenen Armen – es gab die “Politik der offenen Arme” der Bundesrepublik, das wurde auch so genannt. Aber im Notaufnahmelager – darüber darf man sich keine Illusionen machen – war es nicht schön. Man lebte da mit vielen Leuten auf einem Zimmer, die hygienischen Zustände waren auch nicht gut, es gab keine Privatsphäre. All diese Dinge beleuchten wir in der Sonderausstellung mit Blick auf Weihnachten. Also wie es ist, wenn man Freunde zurückgelassen hat, wenn man Besitz und Eigentum zurückgelassen hat und dann plötzlich in einer Situation lebt ohne Privatsphäre, ohne Komfort, ohne Freunde und dort Weihnachten verbringen muss.

European Circle: Wie sah denn ein Weihnachtsfest im Notaufnahmelager aus?

Heitzer: Es gab verschiedene karitative Einrichtungen, die dort die Leute betreut haben und Weihnachtsfeiern veranstaltet haben. Es gab die Evangelische Flüchtlingsseelsorge, einer der größten Akteure in der Seelsorge und Betreuung, die Weihnachtsfeiern auch für Kinder veranstaltet haben. In der Ausstellung gibt es Fotos von Weihnachtsfeiern, auf denen immer sehr viele Menschen zu sehen sind. Man sieht auch zum Teil, mit wie wenig man die Leute damals in den 50er Jahren fröhlich machen konnte – mit einer Bockwurst, einem Stück Kuchen oder einer Tasse Kakao. Was natürlich damit zusammenhängt, dass diese Menschen schlicht nichts hatten zu diesem Zeitpunkt.

Schlitten
Ein Schlitten spielt eine besondere Rolle in der Ausstellung. (Foto: commons.wikimedia.org/MarkusHagenlocher aus de.wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

European Circle: Wie viele Flüchtlinge wurden im Notaufnahmelager betreut? Man denkt jetzt vielleicht, es wären ein paar Hundert gewesen, aber es waren ja noch mehr.

Heitzer: In der gesamten Zeit der deutschen Teilung sind etwa vier Millionen Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet. Allein durch das Notaufnahmelager Marienfelde, das ja im Süden von Berlin liegt, sind bis zur Wiedervereinigung 1990 1,35 Millionen Menschen gegangen. Es ist nicht ganz klar, wie viele dieser Menschen Weihnachten im Lager verbringen mussten. Auf jeden Fall hat das aber viele tausend Flüchtlinge betroffen.

European Circle: Wer waren diese Menschen? Warum sind sie geflüchtet?

Heitzer: Das waren ganz verschiedene Menschen. Alle, die mit den diktatorischen Umständen in der DDR nicht zufrieden waren. Vielleicht auch Leute, die beruflich nicht mehr vorangekommen sind. Es war ja eine “Abstimmung mit den Füßen”, bis zum Mauerbau 1961 konnte man die DDR verlassen – wenn man gegangen ist, war das natürlich ein politisches Statement. Der DDR hat vor allem auch zu schaffen gemacht, dass gut ausgebildete und qualifizierte Menschen weggegangen sind, die keine Zukunft für sich gesehen haben.

European Circle: In der Sonderausstellung kann man auch einen Film sehen.

Heitzer: Es gibt einen Film, der 1956 von einer Familie in Magdeburg gedreht wurde. Zu diesem Zeitpunkt wussten sie noch nicht, dass sie später fliehen würden. Diese Familie hat ihr Weihnachtsfest gefilmt. Das sind sehr schöne Aufnahmen – man sieht den Gabentisch, Kinder, die Weihnachten feiern. Einige Tage später flohen diese Menschen, da dem Vater die Verhaftung drohte, und hatten ihre Kamera auch bei der Flucht dabei. Man sieht sie auch im Flüchtlingslager.
Der Film erzählt eine schöne Geschichte: Eines der Kinder hat zu Weihnachten einen Schlitten geschenkt bekommen, den die Familie aber, wie viele andere Dinge auch, zurücklassen musste. Die Großmutter schickt dem Kind dann den Schlitten nach ins Flüchtlingslager. Man sieht in dem Film, wie das Kind den Schlitten wiederkriegt. Und wir stellen auch den Schlitten aus.

Die Ausstellung “Weihnachten in West Germany – DDR-Flucht und Neuanfang” läuft noch bis zum 7. Januar in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Der Eintritt ist frei.