Montag, 3. Januar 2011

Von: NP

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“Tritt in den Hintern” für Turku, Premiere für Tallinn

Kulturhauptstädte 2011

Turku
Turku – die südwestfinnische Stadt hat etwa 180.000 Einwohner (Foto: Seilo Ristimäki / Iloinen Liftari Oy)

Alljährlich wird in einem komplexen und ständig modifizierten Verfahren mindestens eine Kulturhauptstadt (bis 1998 eine “Kulturstadt”) gewählt. 2011 werden Essen bzw. das Ruhrgebiet, das ungarische Pécs und Istanbul abgelöst vom finnischen Turku und der estnischen Hauptstadt Tallinn. Beide kommen aus dem Ostseeraum und sind nur etwa 180 Kilometer voneinander entfernt und damit für Kulturtouristen im Jahr 2011 ideal gelegen. Für Finnland ist es schon der zweite Auftritt als Mitgliedsstaat der EU, der eine Kulturstadt stellt. 2000 war Helsinki unter den neun Millenniumsstädten. Estland ist erst seit 2004 in der Europäischen Union und hat damit seine Premiere.

Geschichte der Kultur(haupt)städte

Jede gute Idee hat einen Erfinder. Im Falle der Kulturhauptstädte ist der sogar bekannt. Melina Mercouri war es, die die Idee der jährlichen Kulturstädte als Kulturministerin Griechenlands in den 80er Jahren im Rat der Europäischen Gemeinschaft anregte, damit “die Menschen in Europa einander näherkommen”. Die Geburtsstunde folgte wenig später. Am 13. Juni 1985 verabschiedete der Rat eine Entschließung für die jährliche Benennung der Kulturstädte, oder, wie sie ab 1999 hießen, der Kulturhauptstädte. Seitdem wird der Titel für ein Jahr vergeben und seit 1999 auch zumeist für mehr als eine Stadt. Die erste Kulturstadt war Athen 1985, 1990 war es Glasgow, 1996 Kopenhagen, 1999 Weimar, 2000 gleich eine ganze Palette und danach meist zwei Städte, wie 2004 das französische Lille und das italienische Genua.

Wahlen zur Kulturhauptstadt

Die Wahlen sind dabei alles andere als willkürlich. Nach bestimmten Kriterien wird eine Jury aus sieben hochrangigen, unabhängigen Mitgliedern ernannt, die dann über die mindestens vier Jahre zuvor abgegebenen Städte-Benennungen von den Mitgliedsstaaten (deren Reihenfolge vom Europäischen Parlament und Rat festgelegt wurde) entscheiden.
Was das alles soll? In erster Linie für eine auch kulturelle europäische Gemeinschaft sorgen! Denn auch wenn wir uns mit der Kultur Finnlands und Estlands besser auskennen als mit der Sambias oder der Tadschikistans, sind auch dann sicher noch einige Fragen offen, wenn es sich um einen Teil der europäischen Gemeinschaft handelt: Warum etwa sitzen Turkus Bewohner Mitte Januar am Aura? Warum darf Tallinn nie ganz fertig gebaut sein?

In jedem Jahr finden in den jeweiligen Kulturhauptstädten zahlreiche kulturelle Veranstaltungen statt. Sie sollen der europäischen Öffentlichkeit besondere kulturelle Aspekte der Stadt und des Landes, sowie die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes Europas zugänglich machen. Für die Städte bedeutet das gesteigerte europäische Aufmerksamkeit und vor allem auch gesteigerte Besucherzahlen.

Turku

So erwartet Turku statt sonst jährlich 700.000 in diesem Jahr geschätzte zwei Millionen Touristen. Solche Zahlen und der Titel “Kulturhauptsstadt” können Turku aus dem Grübeln über den wirtschaftlichen Umbruch helfen. Die Werft Turkus etwa ist einer der größten Arbeitgeber der 176.000 Einwohner der Stadt – doch die hat keine Aufträge mehr. Kultur könnte der Stadt neue Perspektiven eröffnen und so sagt die Stadtführerin Karti Oldendorff: “Kulturhauptstadt, das ist so etwas wie ein Tritt in den Hintern für Turku.” Sie meint, dass es ohne diesen Titel etwa sicher noch ein Jahrzehnt bis zur Entstehung des Kulturzentrums Logomo gedauert hätte. Dabei ist Turku ein wahres Stehaufmännchen. Saara Malila, die Sprecherin Turkus, weiß zu berichten, dass die Hafenstadt in ihrer Geschichte schon ungefähr 30 Mal abgebrannt ist. Wegen der Selbstironie der Finnen und der Symbolik einer Erneuerung ist im Logo der Kulturhauptstadt eine lodernde Flamme zu entdecken.

Finnische Kultur und der Plan für 2011

Turku wird zeigen, dass Kultur weit über Museumsbesuche und Operngenüsse hinausgeht und man sich von der Witterung nicht einschränken lassen muss. Geplant sind so etwa ein Open-Air-Festival (natürlich im Winter) und ein Wrestlingkampf (nicht ganz so natürlich mit Akkordeonmusik). Auch sonst mögen es die Finnen in Turku eher unorthodox, produzieren beliebte Elektromusik, Underground-Literatur oder im wahrsten Sinne des Wortes “schräge” Kunst im Haus des freundlichen Künstlers. Und sie lieben ihren “Aura”. Der Aurajoki ist ein 70 Kilometer langer Fluss, an dessen Mündung Turku liegt. Er ist der Charme der Stadt und durchzieht ihr Zentrum. Nun, die Berliner haben ihre geliebte Spree, Warschau hat seine Weichsel und Paris seine Seine – aber so wie die Turkuer nutzen sie alle ihre, wenn auch aus geographischen Erwägungen bedeutenderen, Flüsse nicht.

Aura

Zunächst einmal gibt es auch entlang des Aurajoki ganz klassisch Museen, Stadttheater, eindrucksvolle Segelschiffe wie den Dreimaster Suomen Joutsen oder auch Museums- und Restaurantschiffe in Turku. Doch schon Mitte Januar geht es alljährlich los. Am Fluss gibt es eine Art Eröffnungsfeier – man kommt bei Feuerbildern, Lichtspektakeln und musikalischer Umrahmung an den Ufern zusammen. Und ins Jahr hinein brechen die Feierlichkeiten nicht ab. So auch 2011 nicht – Schiffsparaden, artistische Meisterleistungen direkt über dem Aura, gläserne Kugeln, in denen Menschen wie Hamster übers Meer rollen und schwimmende Saunen werden zu bewundern sein – mal eine ganz andere europäische Kultur: Etwas schräg zeigt sie Finnland von einer seiner schönsten Seiten.

Tallinn

Tallinn
Tallinn – mit seinen fast 400.000 Einwohnern fast doppelt so groß wie Turku (Foto: commons.wikimedia.org/Stern, CC BY-SA 3.0)

Da muss Tallinn sich anstrengen um mithalten zu können. Immerhin hat die Stadt mit 396.000 mehr als doppelt so viele Einwohner als Turku. Kann also vielleicht auch doppelt so pompös aufwarten? – Leider nicht! Denn Tallinn hat eines der niedrigsten Budgets, das je einer Europäischen Kulturhauptstadt zur Verfügung stand. Aber Not macht erfinderisch und Budgetprobleme kann man noch längst nicht mit kultureller Armut gleichsetzen. Es wurde eine Stiftung eingerichtet, die Vorschläge für kulturelle Projekte von Tallinnern entgegennimmt – insgesamt kamen dabei mehr als 900 und davon auch kostengünstig umzusetzende zusammen. 241 Vorschläge wurden ausgewählt und alle haben ganz passend für den Ostseeraum irgendwie mit dem Meer zu tun.

Programm

So baut man etwa am schon lange geplanten Meeresmuseum, das ein Herzstück des Programms werden soll. Es zeigt etwa den 1914 gebauten Dampfeisbrecher “Suur Töll” und das einzige U-Boot, das Estland je besaß. Vom Museum ausgehend soll es dann auf eine Seepromenade, den “Kulturkilometer”, gehen, der vorbei an einem ehemaligen Gefängnis, gespickt mit Cafés etwa in Frachtcontainern bis zu einem geschichtsträchtigen Konzertgebäude nahe der historischen Altstadt führt.
Im Turm der alten Stadtmauer soll die Arche Noah Tallins mit hunderten hölzernen Tieren von den fünf Kontinenten entstehen. Nur der historische Stadtkern mit seiner Ober- und Unterstadt ist schon fast fertig, wenn auch nur fast. Aber schließlich geht auch die Sage um, Tallin dürfe nie fertig gebaut sein, weil sonst der Ülemiste-See vor den Mauern der Stadt über seine Ufer treten würde.

Fazit

Insgesamt werden die Kulturhauptstädte von 2011 mit einem interessanten und zueinander kontrastreichen Programm aufwarten – während Tallin mit dem Charme einer historischen Hafenstadt auftritt, werden die stolzen Turkuer mit ihrer finnisch-schrägen Mentalität wohl eher überraschen. Und so geht der Plan der Europäischen Union, der Plan von Melina Mercouri erneut auf – die Menschen in Europa kommen einander näher, lernen Aspekte einer Stadt und einer Region kennen, die ihnen sonst vielleicht verschlossen geblieben wären – so wie Sie jetzt wissen, warum die Turkuer Mitte Januar am Aura sitzen und Tallinn wohl nie ganz fertig gebaut sein wird. Und das “nur” weil beiden 2011 die Ehre zu Teil wird, Europas Kulturhauptstädte zu sein.

[NP]