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Unterwegs mit einem Mauerstück

- Der Foto- und Aktionskünstler Hans-Martin Fleischer (Foto: bundesregierung.de)
European Circle: Sie sind im Juli dieses Jahres mit einem weißen Mauerstück losgefahren.
Fleischer: Ganz am Anfang war es noch komplett weiß. Ich bin am Potsdamer Platz, also am Landwehrkanal losgefahren und dann Non-Stop auf dem Wasserweg – über die Oder, Warthe, Netze, Weichsel – direkt nach Danzig.
European Circle: Wie war die Resonanz auf dieser Reise?
Fleischer: Durchwegs positiv, überall lächelnde Gesichter. Das interessante ist, dass die Leute dieses Stück immer sofort erkannt haben. Ich hab immer wieder gestaunt, dass es ihnen sofort bewusst war, dass es ein Teil der Berliner Mauer ist.
European Circle: Sie haben also auf dem Katamaran gesessen und das Mauerstück ist neben ihnen hergeschwommen?
Fleischer: Nein, nicht die ganze Zeit. Ich hatte es die meiste Zeit auf dem Katamaran und wenn ich Fotos gemacht habe, habe ich es schwimmen lassen. Teilweise war das sehr anstrengend, weil die Flüsse zum Teil eine sehr starke Strömung haben. Wenn man das dann zu Wasser lässt und ein bisschen Wind geht, dann ist das Mauerstück in Null-Komma-Nix weggeweht. Dann muss man es mit dem Boot wieder einfangen und in die richtige Fotoposition bringen. Das war teilweise wirklich Schwerstarbeit.
European Circle: Sie arbeiten jetzt schon seit dem Mauerfall 1989 mit Mauerstücken. Wie ist diese Idee überhaupt entstanden?
Fleischer: Das ist eine lange Geschichte. Es hat damit angefangen, dass ich es durch eine Kette von Zufällen geschafft habe, die ersten Stücke der Mauer am Potsdamer Platz zu kaufen. Also wirklich von dort, wo in der Nacht vom 11. auf den 12. November 1989 vor den Kameras der Welt das erste Loch entstanden ist.
European Circle: Da begann ja die Zeit der Mauerspechte. Wenn Sie jetzt sagen, Sie haben damals die bedeutendsten Teile der Mauer erworben, dann müssten Sie doch jetzt mehrfacher Millionär sein.
Fleischer: Vermutlich ist das so. Diese Stücke sind wirklich die welthistorisch bedeutsamsten Stücke der Berliner Mauer. Ganz am Anfang hatte ich auch die Idee, die Stücke sofort weiterzuverkaufen und mit dem Erlös ein Unternehmen zu gründen. Das hat sich dann alles schwierig gestaltet, was daran liegt, dass auf den Stücken ein Graffiti zu sehen ist – Hammer und Sichel, Hakenkreuz, die Worte “Free the Baltic States” und dazu “Hitler-Stalin-Pact”, also ein Graffiti, das sich gegen die Annexion der baltischen Staaten im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes wendet. Am Anfang dachte ich noch, dass der historische Zusammenhang völlig klar ist und das jeder so sehen muss. Ich habe in den letzten 20 Jahren mühsam gelernt, dass das nicht so ist. Wenn man diese Stücke im öffentlichen Raum aufstellt, dann gehen da Leute vorbei, die drei Sekunden hinsehen und nur das Hakenkreuz sehen. Das geht natürlich nicht. Man muss ausführlich erklären, worum es dabei geht. Das ist nicht uninteressant, denn der Bau der Berliner Mauer ist nicht zuletzt auch ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges. Und der beginnt im Prinzip mit diesem Hitler-Stalin-Pakt.
European Circle: Was möchten Sie jetzt mit diesen Mauerstücken machen?
Fleischer: Die Originale sollen wieder an den Potsdamer Platz. Das Problem ist, dass es da noch kein wirklich geeignetes Gebäude gibt. Das nächstliegende Grundstück zum originalen Schauplatz ist etwa 25 Meter entfernt und dort gibt es aber noch kein Gebäude. Da wäre dann im Erdgeschoß genügend Platz um die Stücke auszustellen. Das ist einer der attraktivsten Standorte in Berlin, denn jeder Besucher Berlins kommt dort vorbei, wenn er vom Sony Center zum Brandenburger Tor geht. Die Stücke werden dort dann ihren Platz haben. Das wird kein Mahnmal sein, sondern ein Dokumentationsbereich für diesen positiven Umbruch in der Weltgeschichte.
European Circle: Das heißt Sie wollen kein Mahner sein, sondern die Glücksbotschaft noch einmal transportieren?
Fleischer: Ja, auf jeden Fall. Ich denke, dass dieser historische Moment weltgeschichtlich einzigartig ist.









