Seite ausdrucken
Ein kalter Ostwind

- Russischer Regierungsgegner: Michail Chodorkowski (Foto: commons.wikimedia.org / PressCenter of Mikhail Khodorkovsky and Platon Lebedev, CC BY 3.0)
Am Montag fand die Weltpremiere des Dokumentarfilms “Khodorkovsky” von Cyril Tuschi auf der Berlinale statt. Sogar Chodorkowskis erste Frau Lena Khodorkovskaya nahm an der Premiere und anschließender Feier in den Sophiensälen teil – wenn auch nicht ganz entspannt. Die Einbrüche kurz zuvor sorgten für ein Sicherheitsaufgebot wie man es bisher auf der Berlinale noch nicht gesehen hat. Die russischen Gäste wurden von Leibwächtern begleitet und ein Mannschaftswagen der Polizei stand vor dem Kino. Die Besucher schreckte das jedoch nicht zurück.
Politisch motivierte Tat ist nicht auszuschließen
Nur wenige Tage zuvor wurde in Tuschis Berliner Studio eingebrochen und zwei Laptops und zwei PCs, auf denen sich Arbeitsmaterial und die Endfassung des Films befand, gestohlen. Die Berlinale Vorstellung wurde dadurch nicht gefährdet, da bereits eine Kopie vorlag.
Schon vor einigen Wochen wurde in sein Hotelzimmer auf Bali eingebrochen und eine Festplatte entwendet. Wertgegenstände hingegen wurden weder auf Bali noch in Berlin entfernt. Daher ist eine politisch motivierte Tat nicht unwahrscheinlich. Die Ermittlungen laufen, erste Spuren gibt es derzeit noch nicht. Auch Tuschi selbst will keine Vermutungen anstellen und zog sich nach der Premiere vorerst bei Freunden zurück.
Fakten, die jede Erfindung übertrafen
Der Regisseur mit den russischen Wurzeln arbeite fünf Jahre lang an der Dokumentation über den Oligarchen Michail Chodorkowski. In akribischer Recherche befragte Tuschi mehr als siebzig Zeitzeugen darunter Joschka Fischer, Chodorkowskis Familie, ehemalige Mitarbeiter seiner Firma Jukos und sogar Chodorkowski selbst.
Sein ständiger Antrieb: die Faszination für den Mann, der während ganz Russland arm war zu einem der reichsten Männer der Welt wurde.
Michail Chodorkowskis Geschichte ist eine von vielen in der russischen Hatz gegen Regimegegner und dennoch beispiellos. Zielstrebig und opportunistisch arbeitet er sich vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Zusammenbruchs der Sowjetunion nach oben. Er gründet seine eigene Firma und baut mit dem Gewinn eine der ersten Privatbanken Russlands auf. Anfang des neuen Jahrtausends gehörten ihm fast 80 Prozent des Erdölkonzerns Jukos. Ganz zum Missfallen des damaligen Präsidenten Wladimir Putin, nutzt er seine Macht und prangert in der Öffentlichkeit die Missstände in Russland an. Wegen angeblicher Steuerhinterziehung und geplanten Betrugs wird er 2003 inhaftiert und zu 21 Jahren Haft verurteilt.
Auf der Pressekonferenz der Berlinale verriet Tuschi, er wollte ursprünglich einen Spielfilm über die Affäre Chodorkowski drehen, doch seine Recherche brachte Fakten ans Licht, die jede Erfindung übertrafen.
[TB]









