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Das Prinzip Buch

- E-Book auf der Leipziger Buchmesse (Foto: commons.wikimedia / Sigismund von Dobschütz, CC BY-SA 3.0)
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels schaut trotz Digitalisierung optimistisch in die Zukunft. Nichts zu hören von einer defensiv kulturpessimistischen Argumentationslinie. “Unsere Branche steht für den Inhalt und nicht für das Trägermedium”, sagt der Hauptgeschäftsführer, Alexander Skipis kämpferisch und spricht konsequenterweise nicht mehr vom Buch, sondern vom “Prinzip Buch”. Der Inhalt wird so auch begrifflich von seinem Trägermedium getrennt und aus dem Lesestoff wird Content. An den Buchhandel appelliert er, die strukturellen Veränderungen konstruktiv zu nutzen. “Der Buchhandel muss sich darauf einstellen, Kunden auch virtuell an sich zu binden.” Denn auch wenn der Umsatzanteil des E-Books immer noch bei unter einem Prozent liegt, zeigt doch die im Vorfeld der Buchmesse vorgestellte Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zusammen mit dem GfK Panel Services Deutschland ein zunehmendes Interesse bei Verlagen und Handel. So haben mehr als die Hälfte der Verlage und ein Viertel der Buchhandlungen in das E-Book investiert.
Vom Buchhändler zum Online-Produktmanager
Wie das aussehen kann, zeigt Christoph Paris, von der Buchhandlung RavensBuch. Er hat den Beruf des Buchhändlers vor fünf Jahren gelernt und mittlerweile leitete er den Bereich Marketing/Geschäftskunden, “Neue Technologien”. Das bedeutet, er kümmert sich um die Website, den Newsletter-Versand, den Onlineshop und entwickelt Social-Media-Kampagnen. So hat RavensBuch nicht nur über 1000 Facebook-Freunde, sondern nutzt die Plattform intensiv zur Kundenfindung und Kundenbindung. 20-25mal pro Woche berät Paris mittlerweile Kunden in Sachen E-Book und Co.
Ist das E-Book der Hecht im Karpfenteich?
“Zum lustvolle Lesen gehört für mich bestimmt das gedruckten Buch”, sagt Verena Auffermann, Vorsitzende der Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse. “Für das praktische Lesen jedoch, wird es der Reader sein.” Einschätzungen wie diese bemühen die Praktikabilität und Verfügbarkeit als Argument. Nie wieder entscheiden müssen, welche Bücher noch ins Gepäck passen, welche nicht. Immer und überall auf dem aktuellen Stand sein mit Nachrichten, die sich entmaterialisiert mit der Geschwindigkeit des Lichtes verbreiten und einen schier unendlichen Raum eröffnen. Aber verändert sich damit auch der Lesestoff, der Text, die Information?
Aus Text wird Content
Da sind sich die Vertreter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Podium der Pressekonferenz “Digitale Dimension und mehr” einig. Schwieriger sind Fragen wie: Was genau unterscheidet den Text vom Content, welchen Mehrwert bietet Content dem Leser und verändert Content auch die Autorenschaft? Zu diesen Themen bleiben die Vertreter des Börsenvereins, die aus Verlagen und aus dem Handel kommen, erstaunlich konzeptionslos.
Nicht jedoch Marion Schwehr. Die Literaturwissenschaftlerin stellt bei der Leipziger Buchmesse ein Literaturportal der besonderen Art vor.
Literatur 2.0
Die Plattform Streetview Literatur bringt Kurzgeschichten verschiedener Autoren zusammen, aber nicht als Anthologie, wie der klassische Verlag, sondern als Geflecht. Und das funktioniert so: Den Rahmen jeder Kurzgeschichte bildet ein Weg, den die Hauptfigur geht. Dieser Weg wird durch den Autor ganz konkret mit Straßennamen und Angaben zu den Orten beschrieben. Die Leser folgen der Figur via google maps und google streetview am Bildschirm zu Hause oder auch ganz real. So kann sich der Leser in das Cafe setzen, das die Figur gerade verlassen hat, ihren Platz einnehmen und den gleichen Blick nach draußen genießen. Die Strecken sind bei google maps farbig markiert und mit einem Klick steigt der Leser in die Geschichte ein. Er erfährt dann, was diese Figur gerade erlebt, was sie macht. Über Verlinkungen wird der Leser ebenso informiert, welche Figuren aus anderen Geschichten den Weg kreuzen. Hier kann der Leser auch eine Geschichte verlassen und einer anderen folgen. Die Geschichten werden so durch den Leser miteinander verflochten, Ereignisse in eine neue Chronologie gebracht und gleichsam neu konstruiert.
Eine neue Form des “Geschichtenschreibens” entsteht
Damit leistet Streetview Literatur mehr, als nur dem Text das Material Papier zu entziehen. Das Portal lotet Möglichkeiten der Digitalisierung aus, die jenseits der alleinigen Praktikabilität und Verfügbarkeit stehen und das war auch die Motivation der Initiatorin Marion Schwehr. “Momentan sind E-Books nur digitalisierte Printtexte. Da gibt es viel mehr spannende Möglichkeiten”, sagt Schwehr, “dieses Projekt hat etwas Erkundendes”. Die Erzählungsgeflechte stehen für die Literaturwissenschaftlerin analog zur virtuellen Welt und das im öffentlichen Raum. “Das hat sehr viel von den sozialen Netzwerken, wie in Twitter und Facebook. Man folgt einer Person, die man nicht unbedingt gut kennt und erfährt Dinge über sie.”
Das Streetview Literatur-Portal geht im Sommer 2011 an den Start und auch Verlage zeigen bereits Interesse, sich und ihre Autoren einzubringen.
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