Dienstag, 10. Mai 2011

Von: CH

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Deutschland Kulturlandschaft im Wandel

Sind Museen nur noch reine Unterhalter?

Maritimes Museum
Maritimes Museum in Hamburg (Foto: commons.wikimedia.org / Holger.Ellgaard, CC BY 3.0)

Verkommen sie zu reinen Eventproduzenten wie im Kino oder können sie Kunst, Kultur und ihre historischen Sammlungen in Wert setzen? Überall ist sie gegenwärtig die zeitgenössische Kunst, auch Contemporary Art oder Pop Art genannt - Paris, New York, München, Brüssel. Dabei streiten sich Gelehrte über den wahren künstlerischen Wert dieser Art Kunst. Und häufig wird er nur rein am Geldwert bemessen. Denn zeitgenössische Kunst wird am Markt hoch gehandelt, ähnlich wie ein Hedgefonds. Aber sie hat einen entscheidenden Vorteil im Vergleich zur älteren Kunst. Sie ist beim Publikum nicht nur beliebt, sondern lässt auch die Kassen der Museen klingeln und garantiert so auch in Zeiten der Krise ihr Überleben.
So würdigt beispielsweise seit Anfang Februar das Gerd Bucerius Kunst Forum die Werke von Gerhard Richter anlässlich seines 80. Geburtstags im Rahmen einer Sonderausstellung. Zusammengetragen wurden 80 Werke des in Dresden gebürtigen Künstlers aus deutschen und internationalen Sammlungen wie dem Museum of Modern Art in New York.

Gerhard Richter’s Pop Art ist Publikumsmagnet

Zu sehen sind großformatige Bildarbeiten aus den sechziger und siebziger Jahren. Richter nahm sich Fotomotive vor, häufig sensationslüsterne Schnappschüsse aus Magazinen wie der Quick, isolierte sie und übertrug sie auf die Leinwand. Im Unterschied zum scharfen Magazinfoto sind die Gemälde verwischt und deuten die Konturen der Personen nur an. Richter will damit den Moment des Geschehens hervorheben und festhalten, damit er sich in die Erinnerung des Zeitgeschehens einprägt. So befasst sich ein Teil der Ausstellung, der Zyklus “18. Oktober 1977”, mit dem Tod der RAF-Häftlinge Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Karl Raspe im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Daneben beschäftigte sich Richter auch mit falschen Glücksverheißungen wie dem Wirtschaftswunder, exotischen Reisezielen und Filmstars. Seine Arbeiten sind im Geist der Pop Art Andy Warhols geschaffen. Sie gelten als Publikumsmagnet und werden in der Retrospektive demnächst auch in der Tate Gallery in London, im Centre Georges Pompidou in Paris und in der Berliner Nationalgalerie zu besichtigen sein.

Das Aus aller kleinen Museen in Deutschland?

Doch die kleinen Museen, die solche Attraktionen oder Wanderausstellungen nicht anbieten, kämpfen um ihr Überleben. Allen voran steht das Altonaer Museum in Hamburg bald vor dem Aus, sollte der nächste Senat nach der Wahl die Mittel im Kulturbereich weiter kürzen. Nicht anders erging es bereits dem Museum in Mühlheim an der Ruhr, dem Polizeimuseum in Hannover und Dresden. Während bei kinoartigen Eventausstellungen von Blockbustern wie Van Gogh, Marc Chagall, Rubens oder auch Richter die Besucher am Sonntag und sogar werktags Schlange vor den großen Museen stehen, verirrt sich dagegen kaum ein Besucher in ein normales städtisches Museum. Und das, obgleich auch sie Schätze bergen. Ihr Manko: sie bieten Schätze aus Sammlungen, die zeitlos sind, keiner Mode unterstehen und durch keinen PR-Manager für die Masse attraktiv angepriesen werden.

Museen müssen Atmosphäre vermitteln

Hennig Ritter, ehemaliger Redakteur im Feuilleton der F.A.Z. kritisiert, dass häufig die Architektur der Museen die Sammlung nicht richtig in Wert setze. Vertrauen der Museumsleitung in die Sammlung allein genüge nicht, um die Besucher anzuziehen, so Ritter. Wichtig sei die Atmosphäre in einem Museum, die durch architektonische Strahlkraft verstärkt werden könne. Sind diese äußerlichen Merkmale nicht erfüllt, reagiert das Publikum sensibel und bleibt weg. Trotz seiner ungeahnten Schätze erfahren das Museum und seine Ausstellung bei ausbleibendem Erfolg eine Entwertung im öffentlichen Ansehen. Das hat Folgen. Denn Museumsleiter, die nur sinkende Besucherzahlen statistisch vorweisen können, haben Argumentationsprobleme gegenüber der Politik. Sie können Politikern nicht wirklich glaubhaft ihre Budgetforderungen vermitteln.

Wie “trendy” muss ein Museum eigentlich sein?

Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn sieht das Problem in der Fülle gleichartiger Museen. 6500 gibt es bereits in Deutschland, Tendenz steigend. Immer wieder werden neue Museen eröffnet und können nicht alle die gleiche Funktion erfüllen. Aber welche Funktion haben Museen überhaupt? Während Museen vor 200 Jahren bis in die Zeit des letzten Jahrhunderts noch einen Bildungsauftrag hatten, zeugt ein Museumsaufenthalt heute von Freizeitwert. Dass dabei nicht jedes Museum das Versprechen “cool, trendy, entertainment” einlösen kann, liegt auf der Hand. Vielleicht müsste der Auftrag der Museen, der zu keiner Zeit wirklich statisch war, neu definiert werden. Denn seit der Aufklärung sind Museen immer ein Spiegel der jeweiligen Zeit.
Martin Roth, Generaldirektor der staatlichen Kunstsammlungen Dresden, sieht für die Zukunft der Museen nicht wirklich schwarz. “Die Museen haben eine unglaubliche Konjunktur gehabt. Das ist doch ein klares Bekenntnis zu Geschichte und Kultur der deutschen Öffentlichkeit”. Ob mit oder ohne Contemporary Art, die Roth ohnehin nur als musealen Wirtschaftsfaktor beurteilt, sei die Situation der Museen in Deutschland solide. Allein in Dresden haben 2 Millionen, in Berlin sogar 11 Millionen Besucher die Museen letztes Jahr aufgesucht, erklärt Roth. Also kein Grund zur Sorge, so scheint es.
Nicht ganz, denn Hennig Ritter und Stephan Berg sehen ein Grundproblem der Museen auch darin, dass sie sich von der Forschung und den Universitäten abgekoppelt haben. Denn Forschung beschäftigt sich mit dem Wert von Sammlungen und integriert diesen in die wissenschaftliche Diskussion und Publikationen. Über Forschung könnte eine Gesamtausstellung auch besser in eine Eventausstellung eingebettet werden und so vielleicht den Erfolg auch eines kleinen Museums längerfristig garantieren.

[CH]