Dienstag, 17. Mai 2011

Von: EH/AL

Seite ausdrucken
Schließen
Versende diesen Artikel
Send this form
Social bookmarks:
bookmark at mister wongpublish in twitterbookmark at del.icio.usbookmark at digg.combookmark at furl.netbookmark at linksilo.debookmark at reddit.combookmark at spurl.netbookmark at technorati.combookmark at google.combookmark at yahoo.combookmark at facebook.combookmark at stumbleupon.combookmark at propeller.combookmark at newsvine.combookmark at jumptags.com
Keywords:
Völkerverständigung | Balkan | Europa
Balkan-Länder auf Vorstellungstour durch Europa

Völkerverständigung auf Rädern

Krise, Korruption und Immigration sind die weit verbreitetsten Vorurteile über den westlichen Balkan. Neben gesellschaftlichem Einfluss spornt auch die Perspektive auf eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union an, dieses Meinungsbild zu verändern. Die Teilnehmer von “We are Europeans” kamen aus Albanien, Bosnien und Herzegovina, Kroatien, Mazedonien, Montenegro und Serbien. Zwei Gruppen reisten 17 Tage auf je einer Nord- und einer Südtour mit Minibussen durch Europa, um das Interesse der EU-Bürger an diesen Ländern zu wecken. Egon Huschitt hat mit zwei Teilnehmern über ihre Reise gesprochen.
Nedim Jahic
Nedim Jahic freut sich über das Interesse der Europäer für den Balkan. (Foto: Yvonne Most)

Für Nedim Jahic, Jurastudent aus Sarajevo, war der Grund auf die Nordtour zu gehen vor allem, andere Menschen kennenzulernen und dadurch herauszufinden, welche Meinung Europas Bewohner vom Balkan haben: “Menschen aus Polen und aus allen Neumitgliedsländern der EU sind wesentlich begeisterter von Europa; in Deutschland und Frankreich sind sie deutlich skeptischer.” In Frankreich ginge es vor allem um die wirtschaftlichen Aspekte der EU und weniger um gesellschaftliche Gemeinsamkeiten. Auffällig ist auch, dass die Europäer sich wenig mit dem Balkan beschäftigen und deshalb auch nicht so viel darüber wissen. “Schön war, dass sie sich trotzdem interessiert haben,” freut sich der Student, der sich auch in verschiedenen Projekten rund ums Thema Menschenrechte engagiert. Durch die Tour habe er nicht nur Europa besser kennengelernt, sondern auch viel über die anderen Balkanländer erfahren. Für die Zukunft wünscht er sich eine offene Debatte über den Beitritt der Balkanländer zur EU innerhalb Europas.

Zusammenfassung aus seinem Tagebuch

Nordtour
Nordtour: Warszawa - Kolno - Biskupiec - Berlin - Nijmegen - Roubaix - Caen - Paris - Scy-Chazelles - Bad Marienberg - Warszawa

Während seiner Reise schrieb Jahic die erlebten Erfahrungen nieder: “Die Reise begann mit großen Diskussionen und Straßenaktionen in Kooperation mit Jugendlichen aus den europäischen Clubs in Kolno und Biskupiec in Polen. Daraus entwickelte sich die einmalige Gelegenheit für unsere sechs Repräsentanten vom Balkan, aber auch für die Jugendaktivisten dieser Gegend, mit den verschiedenen Kulturen, Traditionen, Sichtweisen auf die Europäische Union in Berührung zu kommen, Wissen auszutauschen und neue Freundschaften zu schließen. Nachdem wir mit den Bürgern in polnischen Städten diskutiert hatten, stellten wir unsere unterschiedlichen Sichtweisen in Berlin vor. Dadurch kam es zu einem Dialog über die Bedeutung der europäischen Staatsbürgerschaft. In diesem legten wir die grundlegenden Argumente für die notwendige EU-Erweiterung in der Zukunft fest: Stabilität der Region und des gesamten Kontinents; Neue Aspekte der Integration in Europa und darüber hinaus; Austausch von Arbeitskräften, Handel und Wissen. Letztendlich profitierten wir durch die Erfahrung des interkulturellen Austausches mit den Berlinern.

In Holland hatte unsere Gruppe neben der kulturellen Bereicherung auch die Möglichkeit ehrenamtlich tätig zu sein. Zudem konnten wir zum Dialog über aktive Mitwirkung von Staatsbürgern in Holland mit unseren Erfahrungen beitragen.
Den Franzosen präsentierten wir unsere Länder vor örtlichen Aktivisten in Roubaix und später auch vor den Studenten am Politischen Institut. Bei Diskussionen, die von Jean Monnet organisiert waren und bei denen, neben uns, SEE Botschafter aus Paris, Balkanexperten und SEE-Studenten des Politischen Instituts teilnahmen, gab es wichtige Impulse - es ging darum, wie unterschiedlich Persönlichkeiten basierend auf ihrer Position und Rolle in der Gesellschaft die potentielle EU-Erweiterung in Zukunft bemerken werden. Später besuchten wir die Häuser von Jean Monnet, Robert Schuman und Konrad Adenauer.

Wir beendeten unsere Reise mit einem Besuch in Bad Marienberg. Dort teilten wir unsere Ideen mit der Jugend der EU-Mitgliedstaaten über die Zukunft Europas und der Europäischen Union. Es besteht für uns kein Zweifel daran, dass die EU und der Westbalkan dieselben Ziele verfolgen.”

“European Youth Club”

Nika Misija wollte erleben wie Europa in der Praxis funktioniert. (Foto: Manila Harizi)

Die Teilnehmerin der Südtour, Nika Misija, Jurastudentin und Präsidentin des “European Youth Club” in Zagreb, wollte die Funktionen der Europäischen Union in der Praxis erleben: “Ich wollte sehen, wie die Menschen leben; und auch sehen, was sie über Europa und den Balkan denken.” Ihre Gruppe konnte sich durch die serbokroatischen Sprachwurzeln reibungslos verständigen und dies habe die Reise einfacher gemacht - man konnte in der Muttersprache über das Erlebte und Gefühle sprechen. Thema der Gespräche waren auch Probleme und Herausforderungen der einzelnen Länder des Balkans. Mit der gemeinsamen Historie gibt es dort viele Überschneidungen und Gemeinsamkeiten.
Viel Glück hatten sie mit dem Wetter: “Jedes Mal, wenn wir gefahren sind, war es kalt und regnerisch. Aleksandar Bogatinov aus Mazedonien, dem Land mit der Sonne in der Flagge, hielt diese immer ans Fenster und wir scherzten, dass wir die Sonne bringen würden. Und tatsächlich, immer wenn wir mit dem Bus irgendwo ankamen, hörte der Regen auf. Italien war so ein Beispiel. Bis kurz vor Rom, hat es geschüttet. Als wir angekommen sind, war das Wetter toll und eine Stunde nach unserer Abreise, setzte der Regen wieder ein.”

Zusammenfassung aus ihrem Tagebuch

Südtour
Südtour: Warszawa - Radom - Jedrzejów - Rožnov pod Radhoštem – Salzburg – Modigliana – Rom – Pavia – Plzen – Dresden – Warszawa

Auch Misija führte ein Tagebuch über die Erlebnisse während der Reise: “Wir alle hören vom Balkan, aber keiner weiß so genau worum es sich dabei handelt. Dies konnten wir selbst entdecken, als wir durch fünf europäische Länder reisten. Wir wollten die Menschen der Europäischen Union kennenlernen und ihnen näher kommen.
Als wir den Bestätigungsbrief der Schuman-Stiftung erhielten, dachten wir, dass es eine gute Möglichkeit sei, uns in professioneller Weise weiterzuentwickeln, über die Länder, die wir besuchen würden zu lernen und Vorurteile über andere und unsere Nachbarländer abzubauen. Nach dem Vorbereitungswochenende “We are Europeans” für die Teilnehmer, machten sich zwei Gruppen mit jeweils acht Leuten (Teilnehmer, Fotografen und Fahrer) auf ins Abenteuer - eine Gruppe nach Süden, eine andere nach Norden. Für beide Gruppen war Polen der erste Halt, weiter ging es durch die Tschechische Republik, Österreich, Italien, Deutschland und zurück nach Warschau zu der Schuman-Parade. Treffen mit den Menschen vor Ort, darunter Studenten, Künstler etc., gaben die Möglichkeit über die EU nachzudenken, sich mit anderen zu vergleichen und dadurch herauszufinden, welche Unterschiede es zwischen den Bürgern der EU gibt.

Die Hauptdebatte drehte sich um die Identität und Wirtschaft in der EU: darüber, was wichtiger sei; ob es sich gegenseitig ausschließe; wie globale Prozesse beeinflussen. Geht es darum in einer Vielfältigkeit geeint zu sein, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben oder ist der Aktienmarkt für die Stabilität einer EU, in der man leben will, verantwortlich? Die Bewegungsfreiheit der Jugendlichen aus dem Westbalkan zu ermöglichen war eines der Ziele des Projekts, mit dem wir versuchten, die eben erwähnten Fragen zu beantworten. Lange Gespräche mit unterschiedlichen Menschen und untereinander sowie der direkte Blick auf die einheimische Situation jedes Landes brachte uns zu der Antwort, dass wir danach streben sollten, Teil der EU zu sein.

Teil davon zu sein bedeutet nicht nur Nehmen. Das was die Länder des westlichen Balkans der EU geben können sind motivierte junge Menschen, die nicht nur gerne für ihre eigenes Land, sondern auch für das Allgemeinwohl arbeiten und Lernen wollen. Darüber hinaus verfügen sie über eine unverdorbene Natur und wären dadurch eine Bereicherung für die Identität der europäischen Kultur. Auf der anderen Seite ist jedes Land auf seine eigene Weise speziell. Dabei geht es vor allem um höheren und niedrigeren Standard, gute oder schlecht Straßen, ob man organisiert oder unorganisiert ist, ob man eine oder keine Regierung hat - Menschen sind diejenigen, welche die Gegenwart als solche repräsentieren. Manchmal vergessen wir das.”

[EH/AL]