Seite ausdrucken
Preise für zwei deutsche Projekte

- Das Kloster Bredelar erhält den Europa Nostra-Preis 2011. (Foto: commons.wikimedia.org/ Stefan Didam, CC BY-SA 3.0)
Rund 140 Projekte aus 31 Ländern, darunter auch Länder wie Albanien und die Türkei, wurden für den diesjährigen Europa Nostra-Wettbewerb eingereicht. 27 Projekte erhielten einen Preis. Dabei entschied die Jury in vier Kategorien: Forschung, Erhaltung und Konservierung, engagierter Einsatz sowie Training und Bewusstseinsbildung. Zu den Preisträgern gehören so unterschiedliche Projekte wie eine tschechische Studie über Holzkirchen und Holzkirchtürme (Forschung), die Brüsseler Villa Empain (Konservierung), der niederländische Kulturverband Bond Heemschut (Engagement) und das Freilichtmuseum Weald in Sussex (Bewusstseinsbildung). Die Preise des sogenannten Europa Nostra Awards werden am 10. Juni im Concertgebouw in Amsterdam verliehen.
Prunkmöbel im Bayerischen Nationalmuseum
Für die Erhaltung von Möbeln in Boulle-Technik erhält das Bayerische Nationalmuseum einen Preis in der Kategorie Konservierung. “Durch die Konservierung von vier, 1710 in München gefertigten Schreibtischen in Boulle-Technik wurde der komplizierte Prozess der Herstellung sichtbar gemacht”, heißt es in der Begründung der Jury. Darüber hinaus habe ein internationales Expertenteam ein Datemarchiv erstellt und neue Techniken entwickelt, die auch bei der Erhaltung weiterer wertvoller Stücke genutzt werden können.
Die Boulle-Technik gilt als sehr kompliziert und stellt auch heute noch Restauratoren vor hohe Herausforderungen. Denn die Oberflächen von Boulle-Möbeln sind nicht nur äußerst attraktiv, sondern auch ebenso empfindlich. Das Bayerische Nationalmuseum verfügt über eine umfangreiche Sammlung von Objekten in dieser Technik. Zwei luxuriöse Doppelschreibschränke und zwei Bureaux Mazarin des Münchner Möbelbauers Johann Puchwiser waren nun Gegenstand des dreijährigen Forschungs- und Restaurierungsprojekts “Möbel in Boulle-Technik”. Die Schreibmöbel waren stark restaurierungsbedürftig: Denn das Holz hatte sich zusammengezogen, die Metalleinlagen lösten sich ab, und das Horn begann, wieder seine ursprünglich gewölbte Form anzunehmen.
Boulle-Technik: Ornamentales Dekor
Die Boulle-Technik ist eine zeitaufwendige Arbeitstechnik zur Dekoration kostbarer Prunkmöbel. Dabei werden die Oberflächen der Möbel mit einer Kombination aus exotischen Materialien sowie mit gold- und silberschimmernden Metallen verziert. Die Ornamente bestehen aus einer Fülle von Details aus verschiedenen, übereinander gelegten Materialien, Gravuren und farbigen Untermalungen, die an Edelsteine erinnern. Die Technik wurde seit 1620 in Deutschland und den Niederlanden entwickelt und begeisterte die europäischen Fürstenhäuser. Ihren Namen aber verdankt diese Kunst ihrem Hauptvertreter, dem Hof-Edelsteinschneider von König Ludwig XIV., André Charles Boulle. In München verwandte der “Hofgalanteriekistler” Johann Puchwiser die Boulle-Technik. Er schuf damit für Kurfürst Max Emanuel von Bayern einige der schönsten und originellsten Stücke deutscher Möbelgeschichte.
Begehrt waren die Boulle-Möbel nicht nur durch ihr prachtvolles Aussehen, sondern auch durch ihre Seltenheit und ihren hohen Preis. Edle Hölzer, Perlmutt und Elfenbein, aber auch das häufig verwendete und aus dem Rückenpanzer von Schildkröten bestehende Schildpatt kamen dazu eigens aus Asien und Südamerika. Die Verarbeitung erfordert auch eine hohe Kunst: Die exotischen Materialien werden zunächst als zirka ein Millimeter dünne Furnierplatten in Formen ausgeschnitten und dann übereinandergelegt. Zusammen ergeben sie wie bei einem Puzzle ein Motiv, das als Dekor auf einen Holzträger gelegt wird. Um die optische Wirkung zu verstärken, werden durchsichtige Materialien wie Schildpatt poliert und mit farbig bemaltem Papier unterlegt.
Pünktlich zur Auszeichnung des Europa Nostra-Preises läuft im Münchner Nationalmuseum bis zum 31. Juli die Sonderausstellung “Prunkmöbel am Münchner Hof - Barocker Dekor unter der Lupe”. Die Ausstellung zeigt Glanzstücke einer einzigartigen Sammlung von Möbeln, deren Oberfläche in Boulle-Technik verziert sind. Im Zentrum der Präsentation stehen die vier restaurierten Schreibmöbel von Johann Puchwiser. Bereits Anfang Mai fand eine dreitägige internationale Experten-Tagung zum Thema Boulle-Technik statt, bei der es um die neuesten Erkenntnisse in der Forschung zu Möbeln und Restaurierungstechniken ging.
Kloster Bredelar: Renovierung statt Abriss
Als im Jahr 2000 der Förderverein gegründet wurde, war das ehemalige Kloster in einem solch schlechten baulichen Zustand, dass es nur noch als abrissreif galt. Doch durch die Aktivitäten des Fördervereins wurde bereits 2005 die ehemalige Kirche wieder als Veranstaltungsraum genutzt. Seit der offiziellen Wiedereröffnung des Klosters im Oktober 2008 dienen die gesamten Baulichkeiten als Kultur- und Begegnungsstätte. Schwerpunkte der Veranstaltungen sind dabei die Themen Frieden und gewaltfreie Konfliktbearbeitung.
Der Europa Nostra-Award
Den Preis der Europäischen Union für das Kulturerbe gibt es seit 2002. Mit der Durchführung beauftragt wurde der Dachverband “Europa Nostra”, ein europäischer Verbund nicht-staatlicher Denkmalschutzorganisationen. Die Preisverleihung in Amsterdam findet im Rahmen des jährlichen Europäischen Kulturerbe-Kongresses von “Europa Nostra” statt, bei dem auch der berühmte Tenor und Vorsitzender von Europa Nostra, Placido Domingo, zugegen sein wird. Finanziert wird der Europa Nostra-Preis hauptsächlich aus Mitteln des Programms “Kultur 2000” der Europäischen Union, aus dem seit 2007 insgesamt 26 Millionen Euro in kofinanzierte Kulturerbeprojekte geflossen sind.
[GD]









