Freitag, 12. August 2011

Von: RED

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50 jahre Mauerbau | Marienfelde | Gedenkstätte
Neue Ausstellung im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde

DDR-Flüchtlingslager in West-Berlin

In den letzten Tagen bevor der Mauerbau den Zustrom der Flüchtlinge aus Ost-Berlin abschnitt, gab es im Westteil der Hauptstadt an die 90 Lager. Doch im Stadtbild hat kaum eine der Notunterkünfte dauerhafte Spuren hinterlassen. „Verschwunden und vergessen: Flüchtlingslager in West-Berlin“ ist deswegen auch der Titel einer neuen Sonderausstellung in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Eröffnung war am Donnerstag, den 4. August. Bei uns im European Circle-Interview ist heute Enrico Heitzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde und Kurator dieser Ausstellung.
Enrico Heitzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde und Kurator der aktuellen Ausstellung (Foto: tv.berlin)

European Circle: Als erstes ist vielleicht ein kleiner Überblick gut, wie diese Flüchtlingslager in der Ausstellung präsentiert werden. Wie kann man sich das vorstellen?

Heitzer: Erstens haben wir uns gedacht, dass wir eine große Karte machen, die wir auf den Fußboden bringen. Da ist Berlin abgebildet, und die Lager sind dort mit Zahlen drauf, und dann gibt es eine große Legende, eine große Übersichtstafel, um einfach erstmal zu sehen, wie viele dieser Lager es gibt. Es gab dazu bislang wenige Forschungen. Wir haben da sehr viel recherchiert und es gibt immer noch Forschungslücken. Aber diesen jetzt aktuell erarbeiteten Forschungsstand zeigen wir auf einer Karte. Dann gibt es noch Einzelfälle, die auf großen Tafeln präsentiert werden mit sehr schönen Fotografien, die wir gefunden haben. Die Ausstellung ist gestalterisch sehr interessant. Wir haben ein Motiv übernommen, was wir sehr oft auf Fotos dieser Zeit in Notaufnahmen und Flüchtlingslagern gefunden haben, dort hängt nämlich oft in allen erdenklichen Konstellationen Wäsche quer durch Massenschlafsäle, zum Teil zur Abtrennung von Doppelstockbetten, um ein bisschen Privatsphäre zu gewinnen. Wir haben dieses Motiv aufgenommen und hängen diese Ausstellungstafeln als Wäschestücke auf Wäscheleinen mit Wäscheklammern.

European Circle: Der Titel sagt es schon: „Verschwunden und vergessen“ – wie schwierig war vor diesem Hintergrund die Realisierung dieser Ausstellung, denn man muss ja Verschwundenes und Vergessenes auch wieder ausgraben?

Heitzer: Zunächst mal war natürlich schon etwas da, es gab Aufstellungen des Senats aus den 50er Jahren, wo einige der Lager abgebildet waren, d.h. es gab schon ein bisschen einen Forschungsstand. Es gibt eine Liste von 1953, da sind ungefähr 80 Lager drauf. Aber im Lauf der  tiefergehenden Recherchen im Archiv, den Gesprächen mit Zeitzeugen usw. sind immer noch weitere Lager dazugekommen, sodass wir jetzt deutlich über 90 haben. Orte, wo zeitweise Menschen, die aus der DDR weggegangen sind, geflohen sind, untergebracht waren.

European Circle: Man muss sich das also so vorstellen, dass es immer wieder Ströme gab, dass die Menschen in Massen kamen, und dann musste spontan eine Einrichtung geschaffen werden, um die überhaupt unterzubringen.

Heitzer: Ganz genau. Der Flüchtlingsstrom, die Flüchtlingszahlen unterlagen in den 50er und auch in den 60er Jahren starken Schwankungen. Wir bezeichnen das als Seismograph, z. B. nach einer neuen Repressionswelle in der DDR wie im Vorfeld des 17. Juni 1953 schnellten die Flüchtlingszahlen in die Höhe, und dann waren einfach viel mehr Unterkünfte nötig. Marienfelde war schlicht und ergreifend zu klein konzipiert worden, weil man nicht mit diesen Massen an Flüchtlingen gerechnet hatte. Es mussten immer zusätzliche Lager zur Verfügung gestellt werden. Das Interessante an dieser Ausstellung ist, dass es zum ersten Mal präsentiert wird, dass Marienfelde weder das einzige Lager war in dieser Zeit, noch das größte Lager. Es gab beispielsweise in der Volkmarstraße ein Lager, wo zeitweise 4.000 Menschen untergebracht werden konnten, das war deutlich mehr als in Marienfelde.

European Circle: Erfahren wir auch etwas vom Alltag der Menschen in diesen Lagern, wie diese Lager funktionierten und das Leben sich dort abspielte?

Heitzer: Ja, das ist ein relativ breites Thema, was sich immer wieder in der Ausstellung zeigt. Wir haben Fotografien beispielsweise, wo man spielende Kinder sieht, die Seltenheitswert haben. In diesen Lagern in den 50er Jahren wurde nicht so viel fotografiert. Aber wir verfügen in Marienfelde über einen sehr interessanten Bestand an Fotos der Evangelischen Flüchtlingsseelsorge beispielsweise, die eine der wenigen Gruppen und Organisationen war, die in diesen Lagern Fotos gemacht haben. Wir haben auch noch ein paar Fotos vom Deutschen Roten Kreuz gekriegt, die waren der größte Träger dieser Lager. Sie haben zeitweise 50 Lager gleichzeitig in Berlin betrieben in ihrer Trägerschaft, also deutlich mehr als die Stadt selbst. Und es gibt Zeitzeugen-Stationen, wo Zeitzeugen erzählen. Wir haben beispielsweise eine sehr interessante Zeitzeugin, Frau Österreich, die zehn Jahre ihrer Kindheit in solchen Lagern gelebt, und fast ausschließlich nicht in Marienfelde, sondern in der Gradestraße oder am Askanierring. Sie hat von 1955 bis 1965 in solchen Lagern gelebt.

European Circle: 10 Jahre ist eine ungeheuer lange Zeit. Ist das ein besonderer Fall oder gab es schon einige, die über einen so langen Zeitraum in diesen Lagern bleiben mussten?

Heitzer: Das ist eine offene Frage. Frau Österreich ist die einzige, die ich finden konnte mit so einer langen Biographie im Lager, wobei sie natürlich das Kind einer abgelehnten Flüchtigen war, d.h. im Notaufnahmeverfahren ging es ja um die Anerkennung als politischer Flüchtling, und bei ihr und ihrer Mutter wurde das nicht anerkannt und es gab in West-Berlin in den 50er Jahren durchaus ein Problem mit diesen sogenannten „Abgelehnten“, die keinen privaten Wohnraum mieten konnten und auch keine reguläre Arbeit aufnehmen durften, und die dann in solchen „Abgelehnten-Lagern“ lebten. Das war wirklich ein Problem, denn das waren mehrere Tausend im Lauf der Zeit, und Frau Österreich war eben das Kind von so einer Frau. Diese Menschen kamen dann erst aus den Lagern entweder, wenn ihr Verfahren nochmal aufgerollt worden war und sie anerkannt worden waren, oder in den 60er Jahren, als der Wohnraum nicht mehr bewirtschaftet wurde, durch Kriegszerstörung und Wiederaufbau dauerte es eine Weile.

European Circle: Aber das ist ja auch das Spannende und Wichtige an Geschichte, dass wenn man anfängt, zu graben und zu suchen, eben auch viele Schicksale findet, die so in ihrer Form vorher nicht bekannt waren. Seit Freitag, den 5. August ist die Ausstellung für alle offen.

Heitzer: Genau, und wir wünschen uns natürlich viele Besucher, Interessierte, die vorbeikommen.

[RED]