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Vom Berliner Pulverfass

- Stacheldraht-Absperrung in der Nähe des Potsdamer Platzes, am 13. August 1961. (Foto: James E.Cornwall, Naples, Fla.)
“Es ist leicht, einen Krieg zu entfesseln, Herr Vorsitzender, aber es ist schwer, den Frieden zu sichern”, erwidert der damalige US-Präsident John F. Kennedy dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow. Die beiden sitzen sich im Wiener Zweiergipfel am 3./4. Juni 1961 zum ersten Mal persönlich gegenüber. Kurz zuvor hat der altgediente Sowjet-Funktionär nicht nur die Kriegsbereitschaft der UdSSR bekräftigt, sondern auch sein Ultimatum von 1958 wiederholt: West-Berlin als neutrale, entmilitarisierte Einheit mit dem Status einer “Freien Stadt” und der Abzug aller Westalliierten-Truppen. Falls nicht, werde die Sowjetunion die Kontrollrechte über Ost-Berlin an die DDR abtreten. Ein gesonderter Friedensvertrag mit der DDR sollte zwar nie realisiert werden. Dafür verdeutlicht der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 umso mehr, dass die Sowjetunion in der Berlin-Krise zum Äußersten bereit war.
“Live Oak”
Die internationale Dimension der Berliner Ereignisse im Sommer 1961 thematisiert nun die neue Sonderausstellung “Wie ein Pulverfass! Berlin-Krise und Mauerbau” des Berliner AlliiertenMuseum. Das Themenspektrum ist lang und umfangreich: Chruschtschow-Ultimatum im Jahre 1958, Bau der Berliner Mauer, Panzerkonfrontation zwischen Russen und Amerikanern am Checkpoint Charlie, bis hin zum atomaren Wettrüsten der Supermächte im Kalten Krieg und deren allmähliche Annäherung. Ein besonderer Aspekt der Schau sind die bislang unbekannten Pläne der Alliierten für den militärischen Ernstfall. Und das von umfassenden Versorgungsreserven bis zum Einsatz von Atombomben. Der streng geheime Maßnahmenkatalog mit dem Decknamen “Live Oak” (Lebenseiche) simulierte bereits seit April 1959 den Ausnahmezustand.
“Unsere Exponate aus den Bereichen Propaganda, Diplomatie und der Welt des Militärischen werden unterstützt durch Inszenierungen einer Plakatwand, eines Konferenzsaals und eines Raketensilos”, so der Kurator Florian Weiß. In einer Fülle an Ausstellungsstücken - Filme, Fotos und historische Dokumente - wird das extreme Ausmaß des Kalten Krieges deutlich: Der berüchtigte amerikanische Raketensilo “TM-61 A Matador”, der mit einem nuklearen Sprengkopf bestückt werden konnte, ist direkt auf den Besucher gerichtet. Er veranschaulicht die unmittelbare Lebensgefahr an der Schwelle zum Atomkrieg zwischen Ost und West, der die Bevölkerung damals tagtäglich ausgesetzt war.
Ein Novum

- US-Soldat James Cornwall in Uniform vor dem Brandenburger Tor 1960. Am 13. August 1961 fotografierte Cornwall die Absperrmaßnahmen. (Foto: James E.Cornwall, Naples, Fla.)
Für Berliner und Berlin-Touristen, die sich Tag für Tag am Checkpoint Charlie tümmeln, mag ein Ausstellungsstück von besonderem Interesse sein: die Original-Fassade des letzten Wachhäuschens. In den sogenannten “Frozen Moments” werden Zeitzeugenerlebnisse mit persönlichen Erinnerungsstücken erlebbar. Erstmals zu sehen sind Fotos des amerikanischen GI, James E. Cornwall, am Tag des Mauerbaus im Zentrum Berlins. “Innerhalb weniger Stunden verknipste ich zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz den ganzen Film. Auf meiner Straßenbahnfahrt zurück zur Kaserne wurde mir schlagartig bewusst, dass ich an diesem Tag ein Stück Geschichte miterlebt habe”, so James E. Cornwall in seiner Schilderung.
Ein Novum für das AlliiertenMuseum, das sich bislang auf die Rolle der drei Westmächte nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Deutschen Einheit 1990 konzentrierte, war die intensive Zusammenarbeit mit russischen Institutionen. In der Eröffnungsveranstaltung vor geladenen Gästen erklärte die Direktorin, Dr. Gundula Bavendamm: “Als internationales Museum ist es unsere Aufgabe, den Mauerbau als zeithistorisches Ereignis von globaler Tragweite zu betrachten.” Und dies bedeute eben auch “die Rolle der Sowjetunion und der DDR zu beleuchten.”
In der großen Sammlung von Exponaten fallen die Propaganda-Plakate aus der Staatsbibliothek Moskau dem Besucher direkt ins Auge. “Am Tor von Berlin heult das Bonner Pack auf. Doch durch das Tor gibt es für das Pack keine Durchfahrt und keinen Durchgang”, so die Botschaft eines Plakates. “Die Mauer war eine menschliche Tragödie und sie war und ist bis heute ein politisches Memento von welthistorischer Dimension”, erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in seiner Eröffnungsrede, bei der auch die stellvertretenden Botschafter Frankreichs, Italiens und Großbritanniens anwesend waren. Seinem Eindruck nach werde in der Ausstellung weder eine “verengte oder gar relativierende Geschichtserzählung betrieben” sondern in “profunder Weise das wissenschaftliche Know-How der USA, Großbritanniens und Frankreichs einbezogen - im Übrigen auch das unserer heutigen osteuropäischen Partner.”
[ES]
Das AlliiertenMuseum Berlin ist täglich außer Mittwoch von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Die Sonderausstellung “Wie ein Pulverfass! Berlin-Krise und Mauerbau” ist bis um 8. Januar 2012 geöffnet. Genauere Informationen finden Sie unter www.alliiertenmuseum.de









