Dienstag, 23. August 2011

Von: ES

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European Union Youth Orchestra | EUYO | Europäische Kommission
European Youth Orchestra

Ein eingespieltes Team

Dass in Europa derzeit nicht nur schiefe Töne zu hören sind, davon konnte sich das Publikum beim Konzert des European Union Youth Orchestra (EUYO) überzeugen. Vergangenen Freitag spielte das Jugendorchester im Rahmen des Festivals Young Euro Classic im Konzerthaus Berlin. Und zwar so gut, dass sogar der Ehrengast des Abends, Bundespräsident Christian Wulff, restlos begeistert war. Wir waren beim Konzert dabei.
EUYO mit Vladimir Ashkenazy
Die Berliner Klassikfans kamen vergangenen Freitag voll auf ihre Kosten. Das EUYO, hier mit dem Dirigenten Vladimir Ashkenazy, löste tosenden Beifall aus. (Foto:euyo.org.uk/Kai Bienert)

Eigentlich lockt sie nichts mehr aus der Reserve. Die großen Dirigenten, die Weltklasse-Orchester, die Starinterpreten – für die Berliner Klassikfans eine geradezu banale Selbstverständlichkeit. Alltag. Wer interessiert sich da noch für einen Konzertabend mit einem stinknormalen Jugendorchester? Doch weit gefehlt. Nachdem das European Union Youth Orchestra den letzten Ton von Gustav Mahlers monumentaler “Titan“-Symphonie gespielt hatte, gab es beim Berliner Konzerthauspublikum gar kein Halten mehr. Die sonst so reservierten Hauptstädter waren schier außer Rand und Band. In den tosenden Applaus mischte sich ein Chor aus einem wahrlich begeisterten “Bravo! Bravo!”. Eine so ausgelassen feierliche Stimmung herrschte im ausverkauften Großen Saal, dass die Berliner gar nicht mehr nach Hause gehen wollten.

Das beste Orchester Europas?

Doch spätestens zu diesem Zeitpunkt gerät die Reporterin in die Bredouille. Denn wie gilt es ein Konzert zu beschreiben – so erfrischend und vital – ohne mit der Werbeabteilung des Orchesters verwechselt zu werden? Klangen die Bläser in Iván Fischers Festivalhymne vielleicht noch etwas verstörend. Als Maestro Vladimir Ashkenazy den Dirigierstock hob und die ersten Takte von Hector Berlioz’ Opernouvertüre zu “Béatrice et Bénédict” verklungen waren, wurde schnell klar: Hier spielt ein Jugendorchester, so gut und von solch erstaunlicher Musikalität, dass man nur noch ins Staunen geraten kann. Spätestens mit Darius Milhauds temperamentvoller Ballettmusik “Le boeuf sur le toit” hatten die jungen Talente die Berliner dann auch komplett um den Finger gewickelt. “Wir wollen eben das beste Orchester Europas sein“, erzählt Sofie van der Schalie. Die 22-jährige Bratschistin studiert am prestigereichen Amsterdamer Konservatorium und ist ganz schön stolz auf ihre 140 Musiker starke Truppe. “Unter den Orchestermitgliedern herrscht eine tolle Atmosphäre. Offen und interessiert. Es entstehen echte Freundschaften.“ Man nimmt es ihr sofort ab.

Gegründet hatten das European Union Youth Orchestra im Jahre 1976 Lionel und Joy Bryer. Ersterer war Zeit seines Lebens Vorsitzender und Generalsekretär der Britischen International Youth Foundation. Ein Jugendorchester, das den Geist Europas hörbar macht – so hatten sie es sich damals vorgestellt. Frei nach dem – nicht minder idealistischen – Motto: gemeinsam musizieren für Frieden, soziales und kulturelles Verständnis in Europa. In dieser Angelegenheit waren sich die EU-Mitgliedsstaaten ausnahmsweise einig gewesen: Im April 1976 hatte die Europäische Kommission offiziell die Schirmherrschaft der Bryer-Initiative übernommen. Seitdem bewerben sich jedes Jahr aufs neue tausende junge Musiker auf einen Platz im Orchester. Jedes Jahr wählt die Jury bis zu 140 von ihnen. Und jedes Jahr kommen sie aus allen 27 Ländern der Europäischen Union.

Die richtige Besetzung

Doch wieso hoffen sie ausgerechnet für das Jugendorchester der EU die richtige Besetzung zu sein? Die politische Dimension spielt bei den meisten jedenfalls nur die zweite Geige. “Natürlich wird uns das Gefühl vermittelt, EU-Botschafter zu sein. Darauf sind wir auch stolz“, antwortet Sofie van der Schalie. Nicht umsonst tragen die weiblichen Orchestermitglieder ein Tuch mit der EU-Flagge an ihrer Schulter. Bei den männlichen Musikern glänzt ein EU-Button auf den schwarzen Anzügen. “Aber wir sind eben Musiker. Das Wichtigste ist die Musik“, fügt sie schnell hinzu. Keine politische Dimension also? Keine hitzigen Debatten über Euro-Krise und aktuelle Jugendproteste? “Doch, doch. Die gibt es natürlich auch“, erwidert der Orchestermanager Benjamin Noakes. “Schließlich treffen hier alle EU-Länder aufeinander. Aber angesichts der derzeitigen EU-Skepsis kann ich nur sagen, dass wir an die Zukunft Europas glauben. Und daran, dass die Musik dies auch zum Ausdruck bringen kann.“ Schließlich gelte es in einem Orchester an einem Strang zu ziehen. Die Gemeinschaft – der Klangkörper – sei das Wichtigste. Da könne es sich niemand erlauben, aus der Reihe zu tanzen, nur weil es ihm gerade so passe. Ein subtiler Wink mit dem Zaunpfahl etwa? Sofort ist man versucht an die derzeit so hitzigen Querelen in Straßburg und Brüssel zu denken.

Eine wichtige Erfahrung

EUYO
Seit der Gründung 1976 bewerben sich jedes Jahr aufs neue tausende junge Musiker auf einen Platz im Orchester. Jedes Jahr wählt die Jury bis zu 140 von ihnen aus allen 27 EU-Ländern aus. (Foto:euyo.org.uk/Tomasz)

Dass das EUYO nicht unbedingt solch einen großen Reiz auf die Nachwuchsmusiker ausübt, weil es nun mal ein politisches Prestigeobjekt der EU ist, nimmt kein Wunder. Dass es aber aus EU-Geldern finanziert wird und somit nicht auf der Abschussliste kulturfremder Regionalpolitiker steht, fällt hingegen deutlich mehr ins Gewicht: Derzeit sind unter anderem EU-Außenministerin Catherine Ashton und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy Ehrenschirmherren des “hauseigenen” Jugendorchesters. Auch steuern die EU-Staaten aus ihren nationalen Kulturgeldern einen Teil dazu bei. “Für junge Musiker ist es eine unglaublich wichtige Erfahrung“, erklärt Erica Versace, Harfistin des Brüsseler Koninlijk Conservatorium. Denn beim EUYO erhielten sie nicht nur die Chance, auf internationale Tournee zu gehen – so wie letztes Jahr gar zur Expo nach Shanghai. Sie spielen vor Staatsmännern, wichtigen Künstlerpersönlichkeiten und für die Königin der Niederlande. Auch arbeiten die 14 bis 24-Jährigen mit der ersten Liga von Dirigenten und Star-Solisten. Die Liste reicht von Vladimir Ahkenazy – derzeitiger musikalischer Direktor – über Mstislav Rostropovich bis zu Herbert von Karajan. Keine Geringeren als Plácido Domingo, Nigel Kennedy oder Anne-Sophie Mutter gaben sich bereits die Ehre.

Mehr als 90 Prozent

Nach Angaben des European Union Youth Orchesters verfolgen mehr als 90 % der ehemaligen Orchestermitglieder eine professionelle Musikerkarriere. Und sind in Europas renommiertesten Orchestern engagiert. Das mag gewiss an den wertvollen Erfahrungen liegen, die sie während ihrer EUYO-Zeit gesammelt haben. Doch nimmt die Jury eh nur junge Musiker mit Konservatoriumsniveau auf. Ausnahmetalente also, die sowieso eine professionelle Musikerkarriere anstreben. Der Auftritt im Berliner Konzerthaus jedenfalls war das Abschlusskonzert der Europa Sommer Tour 2011. Einen Satz hörte man an diesem Abend immer und immer wieder: Musik versetzt Grenzen. Ein Satz von solch klischeebehafteter “Nichtssagendheit”, dass man eigentlich gar nicht mehr daran glauben mag. Außer man sitzt in einem Konzert des European Union Youth Orchestra. Und klatscht sich die Hände wund.

[ES]

Mehr Informationen zum European Union Youth Orchestra unter http://www.euyo.org.uk/

(Teaser-Bild: Das EUYO im Berliner Konzerthaus; euyo.org.uk/Kai Bienert)