Donnerstag, 29. September 2011

Von: ES

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Niederlande | Bergbau | Thijs Zonneveld | Nederlandse Berg
Niederländer wollen eigenen Berg bauen

Die Gipfelstürmer

Nederlandse Berg
Alles nur ein Hirngespinst? Ginge es nach Thijs Zonneveld, wäre Europa schon bald um eine Attraktion reicher. Und so könnte er aussehen, der "Nederlandse Berg". (Foto: Lumine.nl)

Die Deutschen haben ihre Zugspitze, die Franzosen den Mont Blanc und die Niederländer? Die haben höchstens einen Hügel. Ginge es aber nach dem Willen des niederländischen Sportjournalisten Thijs Zonneveld, dann könnte dieses Bild schon bald der Vergangenheit angehören. Ende Juli ließ Zonneveld in seiner Kolumne “Berg!” im Internetmagazin nu.nl die famose Idee verlauten, dass ein Berg hermüsse. Ein Echter. Von knapp 2000 Metern Höhe. Und das in den Niederlanden – in einem Land, das zu gut einem Viertel unter dem Meeresspiegel liegt und sich mit monströsen Deichen vor den Wassermassen der Nordsee schützt. Alles was man dafür bräuchte sei “einfach nur ein Haufen Beton”, scherzte Zonneveld. Der ehemalige Profi-Radrennfahrer hatte sich schon immer einen perfekten Berg für sein Heimatland gewünscht, “mit Bobbahnen, ein paar Skipisten und Serpentinen. Auf dem Gipfel ein Sportzentrum für Athleten, die in den Wolken trainieren wollen. Und gleich daneben vielleicht noch eine Schlittschuhbahn.” Jedes Jahr aufs Neue müssten sportfanatische Niederländer gen bergverwöhntes Ausland. Und die Chancen, dass ein Landsmann oder eine Landsfrau jemals bei den Olympischen Winterspielen oder der Tour de France das Rennen machen würde, stünden gleich null. Wieso? Weil für die “polderplatten” Niederländer “ein einfacher Berg verdammt hoch ist”. Die Kassen hörte Zonneveld auch schon klingeln, “außerdem ist die Aussicht von dort oben von Paris bis nach Kopenhagen garantiert ein Hotspot für Touristen.” 

Ein schlechter Aprilscherz?

Was sich zunächst anhörte wie ein schlechter Aprilscherz eines gelangweilten Kolumnisten, wurde in den internationalen Medien schnell zu einem Dauerbrenner, oder besser: zu einem Megalacher. Ob RTL Nieuws, ZDF oder BBC, überall war die Rede vom niederländischen “Bergbau” der etwas anderen Sorte. “Der Berg kommt!”, reagierte Zonneveld trotzig auf all die Skeptiker, Reaktionäre und Pessimisten, die ihn lauthals auslachten. “Nein, es ist kein Witz, kein Hihihaha-Entertainment. Ich meine es ernst. Wir werden einen Berg bauen. Eine Alp. Hier in den Niederlanden”, verteidigte Zonneveld seine Idee. “Die Menschen lachen erst, aber nach ein paar Mal denken sie, warum eigentlich nicht?”, ist der Visionär überzeugt. Seit Jahrhunderten bezwingen wir die Natur, wohnen auf künstlichem Boden, bauen riesige Dämme, wieso dann nicht einen eigenen Berg bauen? – so Zonnevelds einfache Rechnung.

Mehr als nur eine “Schnapsidee”

Nederlandse Berg
Der Berg nach dem Konzept des Architekten- und Ingenieurbüros Hoffers & Krüger (H&K): Ein hybrider Kunsthügel mit flexiblen Dreiecksgiebeln und einem 12 Kilometer breiten Fundament. Gern auch inmitten der Nordsee, 10 Kilometer vor dem tatsächlich existierenden Örtchen "Bergen aan Zee". (Foto: Lumine.nl)

Und tatsächlich. Mittlerweile ist aus seiner “Schnapsidee” eine nationale Angelegenheit geworden. Ende August – also gerade mal einen Monat nach Zonnevelds “Berg!”-Kolumne – fand in Utrecht so etwas wie die erste “Bergkonferenz” statt. Architekten, Ingenieure, Bauunternehmer, Wissenschaftler, Energiekonzerne, Sportvereine und Studenten – sie alle zerbrachen sich gemeinsam den Kopf, wie das Projekt denn nun eigentlich zu realisieren sei. Dabei wurde schnell klar: Einmal gebaut, wäre solch ein Berg eine gewaltige Industriemaschine mit Arbeitsplatzgarantie. Für die Tourismusbranche, Sportvereine und Gastronomie wäre er eine gefundene Geldquelle. Vivian Vijn, Vertreterin des Economic Development Board der Stadt Almere, bekommt bei der Vorstellung, den Berg in ihrer Provinz stehen zu sehen, glänzende Augen. “Für Flevoland wäre es sehr gut, solch eine Attraktion zu haben”, äußerte sie sich begeistert gegenüber RTL Niederlande. Der anfängliche Zweifel scheint purem Erfindergeist gewichen. “Natürlich können wir das”, zitiert das belgische morgen.be den Ingenieur Martin Dubbeling des Bauberatungsdienstes SAB. “Es ist eine Frage der Tragfläche. Wenn die gegeben ist, dann gelingt es auch.” Allerdings hat SAB bislang nicht viel mehr als ein durchschnittliches PR-Video zum Projekt beigeliefert.

“Dubai delight”

Das Architekten- und Ingenieurbüro Hoffers & Krüger (H&K) hingegen hat schon ein festes Konzept entwickelt: Ein hybrider Kunsthügel mit flexiblen Dreiecksgiebeln und einem 12 Kilometer breiten Fundament. Entweder auf dem Land oder 10 Kilometer in der Nordsee vor dem tatsächlich existierenden Örtchen “Bergen aan Zee”. Hoffers & Krüger sieht ein Jahrhundertprojekt, “Dubai delight”: Theater, Unterwasserwelten und Einkaufszentren im Berginneren und außen eine ideale “Sport DNA” mit einem Mix der weltweit spannendsten Bergrouten. Ab einer Höhe von 500 Metern – der geographisch bedingten Schneegrenze der Niederlande – gäbe es auf dem Berg “Schnee von Dezember bis Ende Februar”, prognostiziert H&K. Mit einer Oberfläche von 120 Quadratkilometern würden die Böschungen flächenmäßig sogar mit Disneyworld in Florida konkurrieren. Wollte man einen Sand aus Berg, müssten 77 Milliarden Kubikmeter Sand herhalten. Dabei beliefe sich der Arbeitsaufwand eines solchen Modells auf satte 200 Milliarden Euro, schreibt H&K im ersten Projektplan. Kaum vorstellbare Zahlen, bei denen die Kritiker gerne mal “Größenwahn” diagnostizieren. Wie die Niederländische Alp finanziert werden soll, steht noch in den Sternen. Denn die finanzielle Realisierbarkeit ist neben dem Segen der nationalen Baubehörden Zonnevelds größte Sorge. Eifrig sucht er nach Sponsoren und risikofreudigen Investoren. Für die Selbstverliebten unter ihnen hat Zonneveld auch schon einen Köder. “Den Berg benennen wir dann einfach nach dem Sponsor. Wer will nicht etwa einen Berg mit seinem eigenen Namen?”, scherzte er bei einem Interview mit dem Radiosender 538.

“Hiep Hiep Hoera!”

Einen Etappensieg für seinen “Nederlandse Berg” konnte der inzwischen zum Medienstar avancierte Initiator schon mal für sich verbuchen. “Hiep Hiep Hoera!”, schrieb Zonneveld vergangenen Dienstag auf der Website diebergkomter.nl. Seit einigen Wochen berichtet die Zeitung De Pers dort über den Fortgang des Projektes. “Es ist offiziell”, so Zonneveld, “Die Bergbewegung besteht nun auch nach dem Gesetz. Heute morgen um 10.29 wurde die Stiftung Machbarkeitsstudie ‘Die Berg komt’ gegründet”. Ziel der Stiftung? Zu prüfen, “ob wir den Berg tatsächlich bauen können”, erklärte er. Eine Marketingstrategie legte Zonneveld auch schon vor: Die Stiftung werde in Kürze Zertifikate herausbringen, mit denen Bergfans Teile der Studie oder des Berges kaufen könnten. Ein Radturnier sei in Planung. Radfahrerkleidung der Stiftung werde es natürlich ebenfalls bald zu kaufen geben. Sollte das Vorhaben aber dennoch scheitern, dann haben die Niederländer ja immer noch ihren Vaalserberg. Mit seinen gerade einmal 323 Metern ist der allerdings weniger spektakulär als “de Nederlandse Berg”.

[ES]