Freitag, 27. Januar 2012

Von: Gert Röhrborn

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Polen | Russland | Jugendbegegnung | Dialog | Förderanträge | Stipendien | Kultur | Wissenschaft
Der Polnisch-Russische Jugendaustausch beginnt

Eine Investition in gute Nachbarschaft

Jugendaustausch
Der Jugendaustausch zwischen Polen und Russland soll die gegenseitigen Vorurteile abbauen. (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Zum ersten Mal in der jüngeren polnischen Geschichte startet nun ein systematisch organisierter und breit angelegter Jugendaustausch mit Russland. Er richtet sich an Jugendliche im Alter von 13 bis 26 Jahren, die an Schulen und Hochschulen lernen. Getragen wird das Programm durch das erst seit einigen Monaten tätige Zentrum für Polnisch-Russischen Dialog und Verständigung. Das Zentrum wurde auf Grundlage eines Parlamentsbeschlusses gegründet und hat bereits durch eine Reihe von gut besuchten öffentlichen Veranstaltungen in Warschau auf sich aufmerksam gemacht. Zur nachhaltigen besseren Verständigung zwischen beiden Ländern fördert es auf den Gebieten der gemeinsamen Beziehungen, Geschichte und Kultur die Zusammenarbeit zwischen  Forschungseinrichtungen, Schulen und Nichtregierungsorganisationen, aber auch Berufsverbänden und Unternehmen. Im Aufsichtsrat und dem Internationalen Beirat, die beide durch den ehemaligen polnischen Außenminister Adam Daniel Rotfeld geleitet werden, sitzen hochrangige Vertreter aus polnischen Ministerien und Kulturinstitutionen. Sobald das Korrespondenzbüro in Russland seine Arbeit vollständig aufgenommen haben wird, sollen auch russische Vertreter in den Internationalen Beirat aufgenommen werden. 

Lernen von europäischen Vorbildprogrammen

Im Vergleich mit anderen Nachbarländern ist in den polnisch-russischen Beziehungen bisher ein deutliches Defizit an Kontakten zwischen Jugendlichen festzustellen. Die gegenseitigen Kenntnisse über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen des jeweiligen Nachbarn sind nur gering ausgeprägt, genauso wie das Wissen über gemeinsame Geschichte und Kultur. Die Erfahrungen aus den polnisch-deutschen und russisch-deutschen Beziehungen zeigen deutlich, dass der Jugendaustausch in seinen verschiedenen Formen sich ganz besonders zum nachhaltigen Abbau von Vorurteilen und zur Vermittlung eines lebendigen Gegenwartsbildes eignet. Sie wirken dadurch aktiv Spannungen in den nachbarschaftlichen Beziehungen entgegen. Die Annäherung beider Völker, sagte Aleksander Aleksiejew, russischer Botschafter in Warschau, während der Pressekonferenz zur Vorstellung des Programmes, ist im beiderseitigen Interesse.  

Natürlich ist es nicht so, dass es bisher überhaupt noch keine polnisch-russischen Kontakte und Begegnungen im Jugendbereich gegeben hätte. Das Deutsch-Polnische Jugendwerk förderte bereits einige deutsch-polnisch-russische Begegnungen, gerade im Umfeld des kleinen Grenzverkehrs mit Kaliningrader Gebiet, das an den Nordosten Polens grenzt. Zudem können unter bestimmten Umständen auch die im Rahmen der europäischen Strukturfonds existierenden transregionalen Programme genutzt werden. Mit der eingeleiteten Institutionalisierung des Austausches erreicht die Zusammenarbeit nun tatsächlich ein neues Niveau. Da die Beziehungen mit jedem Nachbarland ihre je eigenen Besonderheiten aufweisen, können die Strukturen des Deutsch-Polnischen Jugendwerks, des Deutsch-Französischen Jugendwerks oder des Deutsch-Russischen Austausches sicherlich nicht ohne weiteres übernommen werden. Dennoch ist allen diesen Programmen eines gemeinsam: sie sind in die Zukunft gerichtet und bemühen sich darum, den durch die Last der Vergangenheit verschütteten Weg des Dialoges erneut gangbar zu machen. Dabei sind "außerschulische Projekte, die von Nichtregierungsorganisationen getragen werden, oftmals die interessanteren", meinte Paweł Moras, Geschäftsführer des Deutsch-Polnischen Jugendwerks. Allerdings fügte er hinzu, dass demgegenüber "Schulpartnerschaften in der Regel sehr stabil" sind.

Bewährtes Antragsverfahren, ungewöhnliche Themen

Beziehungen
Der persönliche Kontakt soll im Vordergrund stehen, um die Nachbarschaft zwischen den beiden Ländern zu verbessern. (Gabriele Planthaber/pixelio.de)

Das Programm befindet sich noch in der Pilotphase. Für den Jugendaustausch stehen in diesem Jahr insgesamt 500.000 zł zur Verfügung. Dieses recht bescheidene Budget soll jedoch schnell und "deutlich" ausgebaut werden, unterstrich Sławomir Dębski, Direktor des Zentrums. Zusätzlich werden 120.000 zł für ein Stipendienprogramm bereitgestellt, das jungen russischen Wissenschaftlern für ein bis zwei Semester ermöglichen soll, zu Themen der polnisch-russischen Beziehungen an polnischen Universitäten zu forschen. Anträge können noch bis zum 30. März 2012 an das Zentrum gestellt werden. Der Zuschuss beträgt maximal 80 Prozent und betrifft vor allem die klassischen Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung. Kosten für Sprachmittlung können aber nur im obligatorischen Eigenanteil der Antragsteller verbucht werden, was erfahrungsgemäß etwa für Schulen ein Problem darstellen dürfte. Projekte müssen bis zum 15. November abgeschlossen sein und noch vor Ende des laufenden Haushaltsjahres abgerechnet werden. Die Auswahl der förderfähigen Anträge obliegt einer Kommission, zu der neben zwei Repräsentanten des Zentrums drei weitere externe Gutachter gehören.

Relativ ungewöhnlich muten die Themen des ersten Jahrgangs an. Die Jugendbegegnungen sollen sich zunächst mit dem "Europa Napoleons in den Augen von Polen und Russen", der Tätigkeit und dem Schicksal bekannter Landsleute im jeweiligen Nachbarland, dem Europabild in der polnischen und russischen Literatur, gegenseitiger Beeinflussung in der Architektur des 19. Jahrhunderts sowie historischen und kulturellen Pfaden im kleinen Grenzverkehr mit Kaliningrad befassen. Gemäß dem Dialog-Gedanken des Zentrums ist hier das Bemühen erkennbar, auf Themen mit gesellschaftspolitischem Bezug zu verzichten. Mit Blick auf die Teilungsgeschichte Polens, dass für 123 Jahre unter deutsch-österreichisch-russischer Fremdherrschaft leben musste, bergen aber auch sie genug Stoff für heiße Diskussionen. Ob sich die Jugendlichen dafür interessieren werden, bleibt ebenso abzuwarten wie die Neuformulierung der Themen für 2013. Keine Einschränkungen gelten hingegen für die Formen der Umsetzung. Sommerschulen dürften ebenso möglich sein wie Ausstellungen oder Workcamps. Für polnische Schulen und Vereine dürfte allerdings die Suche von geeigneten russischen Partnern schwierig werden, zumal das noch im Aufbau befindliche russische Büro hierzu noch keinerlei Hilfe leisten kann. Das Zentrum dürfte daher gut beraten sein, die beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk gängige Praxis von Partnerbörsen zu übernehmen. 

Mit Jugendarbeit ist kein Staat zu machen?

Dass der nun initiierte polnisch-russische Jugendaustausch auf schwierigem Terrain operiert, wurde durch mehrere Nachfragen auf der Pressekonferenz deutlich. Während von verschiedener Seite die Bedeutung der professionalisierten deutschen Jugendarbeit als Modell für die außerschulische Bildung hervorgehoben wurde, versuchten gleich mehrere Gesprächspartner die Rolle staatlicher Organisationen im Jugendaustausch herunterzuspielen. Dies gelte doch ebenso für die Zusammenarbeit im konfessionellen Bereich, erklärte Adam Rotfeld – ein Statement, das mit Blick auf die nicht einfachen Beziehungen zwischen der Katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxie nicht überrascht.   

Am deutlichsten wurde Tomasz Bratek, der als Direktor der polnischen Nationalagentur für das EU-Programm "Jugend in Aktion" allerdings auch keinerlei politische Rücksichten nehmen musste. Der Staat sollte sich nicht mit konkreten politischen Ideen in den Jugendaustausch einmischen, sondern Raum bereitstellen, Kontakte herstellen und Zusammenarbeit erleichtern. Jugendliche seien von Natur aus wissbegierig und interessierten sich immer für ihre Nachbarn. Er sieht zunächst jedoch eine wichtige Herausforderung darin, die jungen Russen in einem Maße für Polen zu begeistern, das dem Interesse ihrer polnischen Altersgenossen gleichkommt. Wie notwendig weiterhin die institutionalisierte Kommunikation zwischen beiden Ländern ist, betonte auch Bogdan Zdrojewski, Minister für Kultur und Nationalerbe, unter dessen Schirmherrschaft das Programm steht. In seinem Grusswort erklärte er, für ihn sei es besonders wichtig, dass „tatsächlich ein stabiler Dialog stattfindet, und nicht zwei Monologe“ geführt werden. In diesem Sinne ist beiden Seiten zu wünschen, dass sie nicht nur reden können, sondern sich auch zuhören wollen.

(Teaserbild: Karl-Heinz Laube/pixelio.de)