Freitag, 17. Februar 2012

Von: Svenja Räker

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Finanzkrise | Tauschbörse | Ovolos | Griechenland | EU-Krise | Tauschhandel | Alternativ-Währung
Tauschhandel neu entdeckt

Griechenland: Tauschen statt kaufen

Griechenland
In Volos werden Tauschtreffen veranstaltet, bei denen ebenfalls eine eigene Währung eingeführt wurde, um zum größten Teil Kleidung zu kaufen und verkaufen. (Foto: commons.wikimedia.org/Jean Housen, CC BY 3.0)

Schenken und tauschen statt kaufen. Die Griechen sind aufgrund der Finanzkrise gezwungen, ihr Leben neu zu organisieren. Tauschbörsen im Internet und ein Umsonstladen ersetzen die Shoppingtouren im Einzelhandel. Mit dem Tauschhandel sind virtuelle Währungen eingeführt worden, wie der Ovolos oder der TEM (von Τοπική Εναλλακτική Μονάδα = Lokale Alternative Einheit). Der TEM folgt einer ganz ähnlichen Idee wie der Ovolos, auf dessen Plattform die Nutzer beliebige Dienstleistungen nutzen sowie Produkte kaufen, verkaufen oder mit diesen handeln können. Die virtuelle TEM-Währung beschränkt sich, anders als der Ovolos, auf kleine Unternehmen im Bezirk Magnesia, an der Ostküste Griechenlands. Laut dem Ovolos-Verein handelt es sich um eine soziale Währung: Die Mitglieder bieten eine Dienstleistung an und bekommen dafür Ovolos-Münzen auf ihr Konto gutgeschrieben. Mit diesem “Geld” können dann Lebensmittel oder andere Gegenstände gekauft werden. So bekommen Online-Portale wie “Local Alternative Unit” und “Xariseto” immer mehr Zulauf. In vielen Orten gibt es solche Organisierten Tauschbörsen. In Volos werden Tauschtreffen veranstaltet, bei denen ebenfalls eine eigene Währung eingeführt wurde, um zum größten Teil Kleidung zu kaufen und verkaufen.

Tauschbörsen und Umsonstläden boomen

Die Betreiber der Xariseto-Tauschbörse betreiben ebenfalls in Thessaloniki einen Umsonstladen, in dem bereits 55.000 Gegenstände ohne Geld den Besitzer gewechselt haben. Hauptsächlich wird Bekleidung verschenkt und getauscht. Der Betreiber sieht in diesem gezwungenen Trend eine wachsende Solidarität und die Bereitschaft der Menschen, Verantwortung zu übernehmen. Jedes zweite bis vierte Geschäft musste bisher aufgrund der Finanzkrise schließen. Kinderbekleidung gegen Mikrowelle, Möbel oder andere notwendigen Gegenstände werden getauscht. Die Griechen rücken in der Krise zusammen: “Wir stehen füreinander ein” so Makis Podromou der Betreiber der Börse. Und er möchte ein noch viel größeres Netzwerk ins Leben rufen, um 99 Prozent anstatt wie bisher 10 bis 20 Prozent der Lebenskosten durch Tauschen zu ersetzen.

Mittelschicht lebt an der Armutsgrenze

Thessaloniki
Auch die Betreiber der Xariseto-Tauschbörse betreiben in Thessaloniki einen Umsonstladen, in dem bereits 55.000 Gegenstände ohne Geld den Besitzer gewechselt haben. (Foto: flickr/Visiti Greece, CC BY-NC-SA 2.0)

Wenn die Tauschbörsen auch eine gute Alternative für die immer größer werdende Zahl der Arbeitslosen sind - für die Wirtschaft und die Steuereinnahmen des Staates sind sie es auf Dauer nicht. Der Tauschhandel boomt trotzdem, denn durch die steigende Arbeitslosigkeit steigt auch stetig die Zahl der Bedürftigen. Über zwei Millionen Griechen leben bereits unter oder an der Armutsgrenze. Wie in jeder anderen Großstadt war schon immer auch in Athen die Armut präsent. Doch es sind nicht mehr nur wenige Bedürftige oder gar Obdachlose. Seit Beginn der Finanzkrise nimmt die Zahl stetig zu. Im vergangenem Jahr sollen zwischen 250.000 und 320.000 Menschen in Griechenland ihre Arbeit verloren haben. Jeden Monat kommen 20.000 dazu. Seit Anfang der Krise haben 900.000 Griechen ihren Arbeitsplatz verloren, und der Trend wird sich durch das neue, erst gestern beschlossene Sparpaket vorerst nicht ins Gegenteil umkehren. Denn es sieht vor, dass noch mehr Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen werden und der Mindestlohn gekürzt wird. Steuern und Gebühren wurden bereits erhöht; die dadurch erwarteten Mehreinnahmen blieben jedoch aus, weil die Kaufkraft durch die fortwährende Finanzkrise und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit immer weiter sinkt. Griechenland steuert auf eine Zweiklassen-Gesellschaft zu, denn täglich werden es mehr Menschen aus der Mittelschicht, die auf kostenlose Mahlzeiten angewiesen sind. In Griechenland gibt es bei Arbeitslosigkeit ein Jahr lang Unterstützung vom Staat, danach müssen die fehlenden Einnahmen durch die Familie und Ersparnisse aufgefangen werden. Und somit ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der Obdachlosen In den letzten zwei Jahren um ein Viertel gestiegen sein soll.

Neue Hoffnung durch die Milliardenhilfe

Wirklich besorgniserregend ist der Zustand vieler Kinder und Schüler, die in der Schule entkräftet in Ohnmacht fallen. Deshalb lässt das Bildungsministerium bereits Lebensmittelcoupons für Obst und Milch verteilen. Die Not der einfachen griechischen Bürger scheint immer sichtbarer und vor allem folgenschwerer zu werden, während die Reichen ihr Geld im Ausland investieren, sogar ihre Firmensitze verlagern, um die höheren Steuern zu umgehen. Anstatt das neue Arbeitsplätze durch die Ansiedlung neuer Firmen entstehen, gehen noch mehr verloren, so dass der bisherige Kreislauf der Finanzkrise vorerst bestehen bleibt. Mit dem bewilligten Sparpaket bekommt Griechenland nun eine weitere Hilfe in Höhe von 130 Milliarden Euro aus dem Euro-Rettungsfonds EFSF. Ohne diese weitere Finanzhilfe wäre Griechenland im März pleite. Mit dieser Hilfe soll unter anderem die Förderung von Firmen unterstützt werden, damit neue Arbeitsplätze geschaffen werden können und sich die Situation in Griechenlands verbessert und es das Land aus der bereits fünf Jahre andauernden Rezession heraus schafft.

(Teaserbild: Alexandra H.  / pixelio.de)