Donnerstag, 26. April 2012

Von: Klaus J. Schwehn

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Keywords:
Umwidmung | Hafen London | Venedig | Wiener Neudorf | Burgenland | Parndorf | Denkmalschutz | Naturschutz
„Umwidmung“ europaweit im Widerstreit

Ein Megastore an der Rialto-Brücke?

Wenn Anfang Juni der Flughafen BER seinen Betrieb aufnimmt, macht Tegel dicht. Seit Jahren tobt der Streit um die Nachnutzung. Unser Autor Klaus Schwehn hat sich bei anderen Großprojekten in Europa umgeschaut, wie dort eine Nachnutzung oder Umwidmung funktioniert hat.
Vorbereitung für Olympia
Die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele in London werden das Stadtbild nachhaltig verändern. (Fotoquelle: commons.wikimedia.org/Ashley Dace CC by-SA-2.0)

Ob man nach Großbritannien schaut oder nach Italien, nach Österreich oder Deutschland. Allerorten gibt es die Diskussionen, vor allem auf kommunaler Ebene, um die „Umwidmung“ von Stadtteilen, brachliegendem Gelände, von freier Natur. Häufig sträuben sich die Menschen gegen tiefgreifende Einschnitte in ihren Lebensraum, nicht immer sind sie auch rational begründbar. Es gibt Beispiele der einen oder anderen Art. Nützliche und erschreckende.

"Nachhaltig" für Olympia umgebaut

Zu den guten Beispielen zählt in diesen Tagen ganz ohne Zweifel der Umbau des alten Londoner Hafens für die Olympischen Spiele 2012. Wer an die Gegend im Londoner East End denkt, der erinnert sich – auch in der Nachkriegszeit - an pittoreske Winkel, Gassen und Plätze, fast wie Bühnenbilder. Das war die Gegend, wo sich früher die Kräne drehten, wo  Sklaven, Tee, Kaffee und Gewürze angelandet wurden, wo später die Menschen beengt in muffigen Wohnungen lebten – was von draußen, vor den Kulissen, kaum zu ahnen war. In diesem ganzen jetzt umgewidmeten großflächigen Areal erstrecken sich  heute Einkaufsarkaden, Hochhäuser recken sich empor, 93.000 neue Arbeitsplätze sind hier entstanden. Wie Fächer sind hier herum die verschiedensten olympischen Sportstätten entstanden. Und nichts wirkt großklotzig. „Nachhaltigkeit“ war der Lieblingsbegriff der Planer, auch der Olympiaplaner. Das ist gelungen.

Eine kleine Gemeinde im Burgenland

Parndorf
Durch Wirtschaftsansiedlung am Rande von Parndorf konnten 650 Arbeitsplätze geschaffen werden. (Fotoquelle: commons.wikimedia.org public domain)

Ein anderes positives Beispiel für nachhaltige Umwidmung ist in seinen Ausmaßen weitaus bescheidener; es handelt sich um die Gemeinde Parndorf im nördlichen Burgenland, also in Österreich. 3200 Einwohner zählte der Ort im Jahr 2001; 4.500 sind es in 2012. Hier hat eine Gemeinde zum eigenen und der Einwohnerschaft Wohl glückliche Hand bewiesen bei der großzügigen Umwidmung von Freiflächen am Ortsrand. Wirtschaftsansiedlung hieß das Stichwort. Ein Designer Outlet Center entstand mit 650 Arbeitsplätzen; rundum siedelten sich weitere Unternehmungen an, und das alles zeigt einen rasanten Aufwärtstrend. Der Grund: Die Gemeinde Parndorf liegt an der Grenze zu Kroatien, und so strömen nicht nur von dort, sondern auch aus anderen östlichen europäischen Nachbarländern, die Käufer in Scharen herbei, die Steuereinnahmen schnellen in die Höhe, die Kommune hat sich „reich gewidmet“. Mit der Folge, dass jetzt im Zuge der Expansion neue Flächen zum Bau von rund 1000 Wohnungen geschaffen werden müssen und geschaffen werden.elungen.

Eine Brachfläche in Wiener Neudorf

Ebenfalls in Österreich, wenn auch an anderem Ort, gibt es hingegen wegen der Umwidmung Streit. Nämlich im Raum Wien. Genauer: Zwischen Wiener Neudorf und der benachbarten Shopping City Süd erstreckt sich eine riesige Brachfläche. Mit einem Aufwand von 58 Millionen Euro wurden hier vor zehn Jahren 320.000 Tonnen Müll einer alten Deponie entsorgt. Jetzt läuft die im Zuge der Altlastensanierung verhängte Bausperre bald aus. Die Zukunft des 18 Hektar großen Gebietes ist umstritten. Die privaten Grundeigentümer wünschen sich natürlich eine Umwidmung, um mit der Nutzung beginnen zu können. Ein Business-Park mit Schwerpunkt Umwelttechnologie steht im Raum. Der Bürgermeister hat Sympathie für ein solches Projekt. Die Opposition im Rat ist  dagegen. Sie lehnt es strikt ab, auch diese Fläche zu verbauen, die ganze Gegend sozusagen zuzubetonieren. Hier ist der Streit zwischen ökonomischer und ökologischer Nutzung voll entbrannt. Bislang ohne Entscheidung.

Venedig wird mit Millionen gelockt

Rialto-Brücke
Das Stadtbild um die Rialto-Brücke wird sich wohl, durch die Vorhaben von Invenstoren, nachhaltig ändern. (Fotoquelle: pixelio.de/Thomas Max Müller)

Wiederum in einer ganz anders zugeschnittenen Kommune gibt es  den Streit um Ökonomie und Kultur. Ort der Handlung ist die schöne italienische Stadt Venedig. Gegenstand ist ein umzuwidmender Baukomplex neben der weltberühmten Rialto-Brücke. Der Modekonzern Benetton will ein umfängliches prominentes Bauwerk am Canal Grande in einen Megastore verwandeln. Der Komplex, im Jahr 1228 erstmals erwähnt, ist weltbekannt als „Fondaco die Tedeschi“, einst Niederlassung deutscher Händler. Er soll nach den Plänen des Modekonzerns in einen mindestens 6.800 Quadratmeter großen Store umgewandelt werden. Benetton hat sich verpflichtet, der Stadt Venedig sechs Millionen Euro zu zahlen, wenn binnen Jahresfrist alle Genehmigungen für den Megastore erteilt werden.  Die Stadt Venedig ist faktisch pleite, also ist die Versuchung groß. Unterdessen hat die Denkmalschutzvereinigung „Italia nostra“ gegen die Pläne Benettons Klage eingereicht: Die Pläne schadeten der historische Identität nicht nur des Gebäudes, sondern auch des Umfelds am Canal Grande und der Rialto-Brücke. So ist fraglich, ob der Konzern binnen Jahresfrist alle Baugenehmigungen erhält, denn die italienische Justiz ist für ihre Langsamkeit berüchtigt.