Montag, 04. Juni 2012

Von: tv.berlin

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Wannseekonferenz | 1942 | Christian Tietz | Philipp von Breitenbach | Theater | Dokumentation
Dokumentarprojekt: "Wannsee-Konferenz"

Die Wannseekonferenz als Theaterstück

Mit 18 Jahren hatte er bereits sein eigenes richtiges Theater gehabt. Heute hat der Theaterregisseur Christian Tietz schon über 70 Stücke inszeniert. Aus Originaldokumenten und eigenen Kommentaren vom 20. Januar 1942, der historischen Wannsee-Konferenz, in welcher ranghohe Vertreter von SS und Ministerialbürokratien den begonnen Holocaust an den Juden im Detail organisierten, hat Christian Tietz ein Stück für die Bühne inszeniert. Nach ausverkauften Vorstellungen im Haus der Wannsee-Konferenz wird das Stück jetzt erstmals im Maxim Gorki Theater gezeigt. Dazu besucht mich heute morgen der Intendant und Regisseur des Dokumentarprojektes "Wannsee-Konferenz" Christian Tietz zusammen mit dem Historiker Philipp von Breitenbach. Herzlich Willkommen.
Im Gespräch mit tv.berlin erzähen Christian Trietz und Philipp von Breitenbach von ihrem Dokumentarprojekt: "Wannsee-Konferenz". (Foto: tv.berlin)

tv.berlin: Herr Tietz, zunächst die Frage an Sie, das ist ganz schön harter historischer Stoff. Wie bereitet man das für die Bühne auf? Ist es eher künstlerisch oder wissenschaftlich? Wie haben Sie das gemacht?

Christian Tietz: Wir haben wissenschaftlich begonnen. Deswegen auch die Entscheidung, dass wir nicht 15 Schauspieler gesucht haben, sondern 15 Historiker. Diese 15 Historiker beschäftigen sich mit jeweils einem der 15 Konferenzteilnehmer. Die sind dann so in der Materie, dass sie ganz genau wissen, was habe ich am 20. Januar 1942 in Wannsee unter Umständen zu sagen gehabt, weil sie wirklich Spezialisten für diese eine Person sind.

tv.berlin: Das heißt, es ist ein sehr authentisches Stück. Dann sind diese 15 Historiker auch auf der Bühne zu sehen.

Christian Tietz: Authentisch ist so eine Sache. Sie haben jetzt keine Originalkostüme an. Sie geben auch nicht vor, dass sie die Personen sind. Sie sind sie selber. Sie sind die Historiker von heute, die auf diese Person von vor 70 Jahren blicken. Dann sind sie sich in vielen Dingen sicher und in vielen Dingen sind sie sich biografisch nicht sicher. Aber sie wissen, das ist die Position des Amtes, das ich am 20. Januar vertreten habe.

tv.berlin: Herr von Breitenbach, sie sind ja die ganze Zeit mit der Kamera dabei gewesen. Sie sind auch Historiker und kennen sich in dieser Thematik auch aus. Was hat Sie dazu bewogen das Ganze dokumentarisch mitzufilmen und die Stücke mitzudrehen.

Philipp von Breitenbach: Ich komme aus dem Bereich Public History der FU Berlin. Dieses Stück ist natürlich eine ganze besondere Art und Weise um Geschichte in die Öffentlichkeit zu bringen. Nämlich durch die Verbindung von Wissenschaft und Kunst. Das ist ein ganz spannendes Projekt. Das wollte ich unbedingt dokumentieren. Das Projekt selber hatte das Ziel, über die Aufführungen hinaus festgehalten zu werden. Das habe ich dann auch getan. Ich habe es beobachtet und die Generalprobe aufgenommen. Da wird es dann auch eine DVD geben, damit das Stück auch zu Hause angesehen werden kann.

Auf der Wannsee-Konferenz wurde die Deportation der europäischen Juden nach Osten zur Vernichtung beschlossen.(Fotoquelle: commons.wikimedia.org/Clemensfranz CC BY-SA 3.0)

tv.berlin: Ist die "Wannsee-Konferenz" auch ein Stück für Jugendliche und Kinder, oder eher für jemanden der historisch in diese Thematik einsteigen möchte. Das Stück ist ja schon kompliziert und anspruchsvoll?

Christian Tietz: Für Kinder ist es nichts. Es müssen dann schon Jugendliche sein. Für Jugendliche ist es schon geeignet. Aber nur für die, die in diese Thematik schon eingestiegen sind. Wir bewegen uns entlang des Protokolls, das sind 15 Seiten. Wir meinen an einzelnen Stellen etwas erwähnen müssen, z.B. wenn der Vertreter des 4 Jahres-Plans sagen muss, "bitte die Juden nicht deportieren, die in der Kriegswirtschaft tätig sind", dann sind an dieser Stele Vorkenntnisse förderlich.

tv.berlin: Gibt es etwas, was Sie im Vorfeld nicht wussten, Herr von Breitenbach?

Philipp von Breitenbach:
Wenn man sich mit der Wannsee-Konferenz in der Populärkultur befasst, dann war es in den Inszenierungen die man so kennt, dass Wilhelm Stuckart aus dem Reichsinnenministerium als Gegenspieler von Reinhard Heydrich dargestellt wurde weil er Bedenken hatte, Halb- und Vierteljuden als Zielgruppe mit einzubeziehen, die auch deportiert werden sollte. Da war es dann so, dass er dagegen argumentiert hat, diesen Personenkreis mit hinzu rechnet. Das ist aber nicht aus Humanismus entstanden, sondern einfach weil er Bedenken hatte, dass der Verwaltungsaufwand zu groß ist. Das man den Plan rein von der Verwaltung nicht schaffen kann. Wir zeigen dann halt auch, dass er nicht der Gegenspieler ist, der die Juden retten wollte, sondern dass es für ihn nur darum ging die Verwaltungsarbeit zu begrenzen.