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Gibt es überhaupt einen Klimawandel?

- Das Meer der Arktis ist teilweise von Land umgeben und damit eingeschlossen, so dass Erwärmungseffekte besser greifen können als an der Antarktis. (Bild:commons.wikimedia.org/Ysangkok)
Polarforscher erkennen vor allem zwei Entwicklungen, wenn sie am Nord- und Südpol forschen: Am Nordpol geht das Meereis im Sommer zunehmend zurück. Dieses kann sich erst wieder ab September vollkommen erneut aufbauen. In der Antarktis jedoch ist die Entwicklung gegensätzlich. Hier ist im Sommer kein Rückgang des Meereises zu beobachten, im Gegenteil eher eine Zunahme. Deshalb fragen Skeptiker immer wieder, ob es aufgrund der gegensätzlichen Entwicklungen an den Polen überhaupt einen Klimawandel gibt.
Seit 1979 dokumentieren Satellitenaufnahmen die Meereisbedeckung in der Arktis. Bilder zeigen eindeutig, dass zwischen 2005 und 2007 die Eisfläche auf dem Ozean um das Vierfache der Größe der Bundesrepublik Deutschland zurückgegangen ist, erklärt Polarforscher Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Im Juli 2011 gleicht die arktische Meereisfläche dem Minimum von 2007. “Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Meer der Arktis im Sommer eisfrei ist”, so Notz. Jetzt schon sind die bisher für den Handelsschiffsverkehr unzugänglichen Nord-Ost- und Nord-West-Passagen, die die Verbindung nach Tokio herstellen, im Sommer eisfrei.
Von der arktischen Schneehölle zum Seeweg
Eine vom 16. bis ins 19. Jahrhundert noch undenkbare Entwicklung. Der Erfinder des Quadranten für die Navigation, John Davis (1550-1605), versuchte vergebens die Nord-Ost-Passage zu durchqueren. Nach ihm wurde die Davisstraße benannt. Nicht anders erging es Henry Hudson, der bei seiner Expedition im Eis eingeschlossen wurde. Nach ihm wurde die Hudson Bay benannt. Sir John Franklin versuchte zuletzt zwischen 1845 und 1848 die Nord-West-Passage für den kürzeren Seeweg nach China zu passieren. Dabei sind er und seine Crew im Eis verschollen und keines seiner drei Schiffe jemals wieder aufgetaucht.
Arktisches Meereis ist wie ein Spiegel
Notz, der mit Schülern regelmäßig für Forschungen zum Nordpol reist, hat vor allem eines beobachtet: im Sommer gibt es in der Arktis kein kompaktes Meereis mehr. Die verbleibenden Eisreste sind zu Schollen komprimiert und von einer Fläche von 16.000 Kubikkilometern Meereis im Jahr 1979 auf eine heutige Fläche von 4.000 Kubikkilometern zusammengeschmolzen. Ein Viertel des Eises der Arktis ist bereits weg. Diese Entwicklung erfolgte schneller, als es alle IPCC-Berichte bisher vorhergesagt haben. Der Grund: das Meereis fungiert als Spiegel und reflektiert das warme Sonnenlicht zurück ins All. Wird diese Spiegelfläche kleiner, so erwärmen die Sonnenstrahlen allmählich das Meer. Insofern ist an der Arktis im Vergleich zum Rest der Erde eine doppelt so schnelle Temperaturerwärmung zu beobachten. Der Rückgang der Spiegelfläche wirkt sich auch auf Grönland aus, dessen Eis noch schneller wegschmilzt. Darüber hinaus kommt es zu einem Luftaustausch. Die kältere arktische Luft zieht nach Europa und beschert Europa kältere Winter, während die wärmere europäische Luft in die Arktis zieht und das Eis frisst.
Ölfieber in der Arktis
Die Eisschmelze fördert die wirtschaftlichen Interessen der Anrainerstaaten, die jetzt schon um die Abbaurechte von Bodenressourcen streiten. 14 Prozent der Erdölreserven sowie 30 Prozent des Erdgases liegen auf dem Grund der Arktis. Dazu gibt es noch Bodenschätze wie Gold, Diamanten und Platin. Kanada, Dänemark, die USA und Russland erklärten die jeweiligen Meeresanteile zu Hoheitsgewässern, um diese Schätze bald unter eisfreien Bedingungen plündern zu können, so Marco Langer vom geographischen Institut der Universität Bremen. Reeder investieren jetzt schon in eistaugliche Schiffe, um die üblichen Handelsrouten mit ihren Risiken, beispielsweise der Piraterie im Golf von Aden an der Küste Somalias, künftig zu meiden. Allerdings haben augenblicklich noch die hohen Eisbrechergebühren eine abschreckende Wirkung auf die Nutzung der Nord-Ost- bzw. Nord-West-Passage.
Ungleiche Entwicklung in der Antarktis

- Im Gegensatz zur Arktis ist die Antarktis ein freies Meer. Kalte Winde sorgen immer wieder dafür, dass auch im Sommer das Meer zufriert und damit das Eis zunimmt. (Bild:commons.wikimedia.org/Davepape)
Das genau gegenteilige Phänomen lässt sich an der Antarktis jährlich beobachten. Während die Arktis im Sommer zusehends eisfreier würde, nehme die Meereisentwicklung am Südpol eher zu, so Notz vom Max-Planck-Institut. Vor allem Skeptiker der Hypothese des Klimawandels sehen in diesem Phänomen die Bestätigung für ihren Zweifel an der Erderwärmung. Doch in dieser Annahme liegen sie falsch. Mojib Latif vom Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel fragt sich: Wie erklärt sich dann die Meereisschmelze in der Arktis, wenn nicht über den anthropogenen Eintrag von CO2?
Dazu kommt, dass die tektonischen Bedingungen zwischen Arktis und Antarktis völlig unterschiedlich sind. Während das Meer der Arktis teilweise von Land umgeben und damit eingeschlossen ist, sodass die Erwärmungseffekte besser greifen, ist die Antarktis ein freies Meer. Kalte Winde sorgen immer wieder dafür, dass auch im Sommer das Meer zufriert und damit das Eis zunimmt. So greifen auch hier die gleichen Gesetze wie an der Arktis: ist das Meer mit Eis bedeckt, fungiert es als Spiegel. Je größer die Fläche, umso mehr kann das Sonnenlicht reflektiert werden und die Temperatur sinkt.
Es gibt kein Vorbei an den Thesen des Klimawandels. Darüber sind sich die Wissenschaftler auf der Konferenz im Hamburger Geomatikum einig geworden. Skeptisch zeigten sie sich hinsichtlich der Frage, ob die nächste Weltklimakonferenz im südafrikanischen Durban vom 28.11 bis 9.12.2011 einen Beitrag zur Erreichung des 2-Grad-Zieles bis 2050 leisten kann. Bis dahin können noch rund 750 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen werden. Doch heute schon werden von diesem Budget 30-40 Milliarden Tonnen CO2 jährlich aufgebraucht und in die Atmosphäre freigesetzt. Auf der letzten Weltklimakonferenz 2010 im mexikanischen Cancun haben sich die Staaten auf das 2-Grad-Ziel geeinigt, “nicht wissend, wie schwer es um die Umsetzung dieses Ziels steht”, erklärt Hartmut Graßl vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, der seit 23 Jahren die Bundesregierung berät.
[CH]
(Teaser-Bild: Dreampainter/pixelio.de)









