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“Nabucco” kommt keinen Meter voran

- Wird Gas schon bald durch die "Nabucco"-Pipeline fließen, oder ist das Projekt zum scheitern verurteilt? (Foto: commons.wikimedia.org/Markus Schweiss, CC BY-SA 3.0)
Für “Nabucco” sieht es schlecht aus, sagen inzwischen viele Experten, auch wenn der zuständige EU-Energiekommissar, der Deutsche Günther Oettinger, standhaft Zuversicht ausstrahlt. Es wirkt geradezu trotzig. “Nabucco” heißt das Projekt in Anlehnung an Verdis gleichnamige Oper, denn mit diesem umfänglichen Vorhaben soll sich Europa aus der energiepolitischen Umklammerung durch Russland lösen – wie seinerzeit die Juden aus babylonischer Gefangenschaft. Die Namensgebung ist zugleich ein Hinweis darauf, dass es bei diesem Projekt auch um viel Politik geht. Aber insgesamt steht bislang vielerlei nur auf dem Papier – und zum Teil noch nicht einmal dort.
Verhandlungen mit Aserbaidschan stocken
Soviel allerdings ist klar: Im asiatischen Raum gibt es riesige Erdgasvorkommen. Die zu nutzen, würde die Abhängigkeit von Russland reduzieren. Die Investoren, darunter die österreichische OMV und die deutsche RWE, haben zum Herbst 2011 trotz intensiver Verhandlungen noch keinerlei konkrete Verträge mit den potentiellen Lieferländern Aserbaidschan, Turkmenistan, Kasachstan und dem Irak abschließen können. Vor allem die Verhandlungen mit Aserbaidschan, dem geplanten Hauptversorger von “Nabucco”, sind derzeit vollends ins Stocken geraten. Das Land soll jährlich etwa zehn Milliarden Kubikmeter Gas liefern, das wäre ein Drittel, der auf 31 Milliarden Kubikmeter angelegten Kapazität, der Röhre. Das Gas soll – sicher ist bei “Nabucco” derzeit offenbar gar nichts – aus einem riesigen Feld stammen, das 70 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Baku im Kaspischen Meer liegt.
Eine Pipeline – gegen Russland gerichtet
Experten sagen, dass drei Hauptprobleme das Projekt aus heutiger Sicht gefährden: Erstens ist noch gar nicht zu 100 Prozent sicher, dass die potentiellen Gaslieferanten auch wirklich Gas liefern wollen. Zweitens tut Moskau derzeit alles, um auch für die weitere Zukunft der erstrangige und dominante Gasversorger zu bleiben. Und drittens ist überhaupt nicht ausgemacht und bündig durchkalkuliert, ob sich die 3900 Kilometer lange Pipeline auch wirklich lohnt. Bei all diesem Hin und Her spielt es natürlich auch eine Rolle, das Turkmenistan und Aserbaidschan sich ständig in der Wolle liegen. Ihre Streitigkeiten stehen dem Bau einer das Kaspische Meer durchquerenden Pipeline im Wege. Aber ohne diese Verbindung gibt es für turkmenisches Gas keinen Weg nach Europa – es sei denn, durch Russland. Aber darüber würde Moskau nur lachen. Zumal die Planer nicht nur hinter vorgehaltener Hand sagen, “Nabucco” habe vor allem eine politische Dimension und sei sehr gegen Russland gerichtet. Und das wissen die Russen genau.
Höhere Kosten, späterer Baubeginn
Manche Insider nennen die Planungen zu "Nabucco" ein Schachspiel; es ist jedoch mehr eine sich verteuernde Poker-Runde geworden. Ursprünglich, vor zwei Jahren, waren die Kosten mit knapp acht Milliarden Euro veranschlagt worden. Anfang Oktober 2011 musste EU-Kommissar Oettinger einräumen, dass die Kosten bis zu 14 Milliarden Euro ansteigen könnten. Wegen der fehlenden Absprachen, Verpflichtungserklärungen und Verträge ist der Baubeginn der Pipeline immer wieder verschoben worden. Der letzte Stand Ende Oktober 2011: Baubeginn im Jahr 2013; Fertigstellung vier Jahre später, also 2017. Das wären zunächst “nur” zwei Jahre Verspätung gegenüber den bisherigen Planungen.
Wie ist der künftige Gasbedarf in Europa?
Die Zeit geht also dahin, und europäische Energie-Experten fragen sich inzwischen, wie viel Gas Europa in zehn oder 20 Jahren wirklich benötigt. Die “Nabucco”-Befürworter gehen zwar davon aus, dass der Bedarf zunächst stark steigen wird; vor allem nach dem deutschen Atom-Ausstieg. Andererseits aber hat die Europäische Union die feste Absicht, Energie effizienter einzusetzen. Zielvorstellung dabei ist, dass bis zum Jahr 2050 fossile Energien bei Strom und Wärme überhaupt keine Rolle mehr spielen sollen. Nach den Berechnungen des Freiburger Öko-Instituts jedenfalls wird die EU im Jahr 2020 nur etwa fünf Prozent mehr Gas benötigen als im Jahr 2008. Daraus folgert natürlich die Frage, ob sich “Nabucco” überhaupt rechnen wird, wenn man die milliardenschweren Baukosten, die Frage der Auslastung und den künftigen Gasbedarf Europas nebeneinander stellt.
In der Deutschen Energie-Agentur überwiegt die Skepsis: “Nabucco wird nicht kommen”. Kommissar Oettinger bleibt optimistisch, wenn auch ganz vorsichtig: “Nabucco ist chancenreich, aber schwierig”.
[KS]









