Dienstag, 25. Oktober 2011

Von: SB

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Keywords:
Österreich | Graz | Mur | Kraftwerk | Energie | Wasserkraft | ÖVP | Grüne | Steiermark
Erneuerbare Energien vs. Erhaltung von Lebensraum

Streit um Wasserkraftwerk

Flusskraftwerk Gralla
Das Flusskraftwerk in Gralla an der Mur. (Foto commons.wikimedia.org/Giessauf A)

Einige Kraftwerke gibt es schon entlang der Mur, des größten Flusses in der österreichischen Steiermark. Dazu sollen in den nächsten Jahren noch weitere kommen. Besonders eines stößt jedoch auf großen Widerstand: Die geplante Staustufe in der Landeshauptstadt Graz. Diese spaltet nicht nur die Stadtregierung, bestehend aus der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und den Grünen. Auch die Einwohner der Stadt diskutieren mit, allen voran die Bürgerinitiative “Rettet die Mur”.

Nutzen des Kraftwerks

Im Jahr 2009 wurden die Pläne über eine neue Staustufe im Grazer Stadtteil Puntigam bekannt. Seither wird heftig darüber diskutiert, ob diese sinnvoll ist oder nicht. Laut den Entwicklern des Kraftwerks, der Energie Steiermark AG und dem Verbund, könnten durch das neue Kraftwerk 20.000 Haushalte in Graz mit erneuerbarer Energie versorgt werden. Dadurch wäre es auch möglich, die Energielieferungen aus dem Ausland einzuschränken. Somit könnte man einen Schritt gegen den Verbrauch von Atomstrom tun. Zudem würde sich die Wasserqualität der Mur verbessern, da im Zuge des Projekts das Abwassersystem der Stadt ausgebaut werden würde. Neben den Betreibern des Projekts sprechen sich auch die politischen Parteien für den Bau des Kraftwerks aus – mit einer Ausnahme.

Grüne gegen Wasserkraftwerk

Schlossberg an der Mur
Die Mur, der Schlossberg und die Franziskanerkirche in Graz. Die Grazer Grünen wollen verhindern, dass der Lebensraum an der Mur zerstört wird. (Foto commons.wikimedia.org/Evil woolf78)

Als einzige Partei sind die Grazer Grünen gegen den Bau der neuen Staustufe. Das überrascht, setzen sich die Grünen doch traditionell für erneuerbare Energien ein. Nach deren Ansicht sei das Wasserkraftwerk jedoch zu ineffizient, würde nur 0,8 Prozent des steirischen Strombedarfs abdecken. Zudem werde das geplante Wasserkraftwerk den Lebensraum rund um die Mur zerstören. Der Stromgewinn würde hier in keiner Relation zum ökologischen Schaden stehen, der durch den Bau verursacht würde. Neben den Grünen versuchen auch überparteiliche Organisationen das geplante Kraftwerk zu verhindern. Besonders aktiv ist die Plattform "Rettet die Mur". Diese spricht sich gegen den Bau des Kraftwerks aus, werde dadurch doch das wichtigste Naherholungsgebiet für die Bewohner der steirischen Landeshauptstadt zerstört. Abgesehen davon hätte der Bau der Anlage weitere gravierende Auswirkungen auf den Naturraum rund um die Mur.

Zerstörung des Ökosystems droht

Im Zuge der Bauarbeiten zur Errichtung der Staustufe müssten rund 8.000 Bäume gefällt werden. In welcher Größenordnung man sich hier bewegt, wird klar, wenn man den Vergleich zum Grazer Stadtpark zieht: Dort stehen derzeit etwa 2.000 Bäume. Der Bau des Kraftwerks würde die Produktion von Sauerstoff in der Stadt also massiv beeinträchtigen. Zu einer vergleichbaren Sauerstoffproduktion käme es laut den Grünen erst nach 60 Jahren wieder. Das ist insofern bedenklich als Graz ohnehin schon mit einem Feinstaubproblem zu kämpfen hat. Auch der Fluss selbst würde durch das Kraftwerk und die dafür notwendigen Mauern eingeschränkt werden. Die Bürgerinitiative "Rettet die Mur" will die letzten frei fließenden Kilometer der Mur jedoch erhalten. Zum einen für zukünftige Generationen, zum anderen als Lebensraum für unzählige Pflanzen- und Tierarten.

Seltene Fischart könnte aussterben

Wasserkraftwerk
Grafik eines Wasserkraftwerkes (Foto: commons.wikimedia.org/Markus Schweiss)

Wasserkraftwerke und Staustufen nehmen vielen Fischen die Lebensgrundlage, nämlich das fließende Wasser. Dieses benötigen sie, um sich zu vermehren. Das einzelne Kraftwerk in Graz-Puntigam ist hier weniger das Problem. Für die Fische gefährlich ist vielmehr die Tatsache, dass es innerhalb weniger Flusskilometer mehrere Kraftwerke geben soll. Einige davon sind schon in Betrieb, fünf weitere sind in Planung oder werden bereits gebaut. Besonders betroffen von dieser Situation ist der Huchen, der größte Süßwasserlachs der Welt. Dieser ist auch in der Mur heimisch. Zwar sollen in jedes Kraftwerk Aufstiegshilfen für Fische integriert werden. Durch seine Länge von bis zu 150 Zentimetern könne der Huchen diese jedoch nicht passieren, meint Steven Weiss, Experte für lachsartige Fische, gegenüber der Kleinen Zeitung.

Etappensieg für Kraftwerkgegner

Während die einen also auf die Möglichkeit zum Ausbau der nachhaltigen Energie verweisen, wollen die anderen die Natur schützen, indem sie sie erhalten. Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) versprach den Grazern im Oktober 2010 eine Befragung und betonte, dass das Kraftwerk nicht gebaut werde, sollte sich die Mehrheit der Grazer dagegen aussprechen. Seither liegen die Pläne vonseiten der Betreiber auf Eis. Diese räumen den Gegnern des Wasserkraftwerks sogar einen Etappensieg ein. Die versprochene Befragung der Einwohner lässt jedoch auf sich warten. Ursprünglich war diese für das Frühjahr 2011 geplant. Nach den Vorfällen in Fukushima wurde sie jedoch verworfen, da sie als nicht mehr notwendig erachtet wurde. Dagegen wiederum wehren sich nun die Grünen und versuchen mittels Unterstützerunterschriften die Bürgerbefragung doch noch durchzusetzen. Wie der Streit um das Wasserkraftwerk in Graz-Puntigam ausgehen wird, ist derzeit noch ungewiss. Von diesem Ergebnis wird es aber abhängen, ob die Bauarbeiten wie geplant im Herbst 2013 beginnen können.

[SB]

(Teaserfoto: commons.wikimedia.org/Nightey)