Freitag, 28. Oktober 2011

Von: TK

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Keywords:
Atomausstieg | Vattenfall | Kernkraftwerk. Kohlekraftwerk | Kohlendioxid
Fahrplan ohne Grundlagen

Atomausstieg birgt Schwierigkeiten für Vattenfall

Der Energiekonzern Vattenfall gehört zu den vier größten Energieversorgern Deutschlands. Von dem plötzlichen Atomausstieg der Bundesregierung sind zwei Kraftwerke des schwedischen Konzerns betroffen. Aber auch bei der Stromerzeugung durch Kohle hat Vattenfall Probleme. Vattenfall Europe will ohne gesetzliche Grundlage für die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid (CO2) keine neuen Kraftwerke bauen. Dieses CCS-Verfahren wird politisch blockiert. Für Vattenfall ist das aber die Grundlage für den Bau weiterer Kohlekraftwerke, die auch den Ausfall durch die abgeschalteten Atomkraftwerke auffangen sollen. European Circle Herausgeber Thomas Klein sprach mit dem Generalbevollmächtigten von Vattenfall Europe, Rainer Knauber.
Braunkohlekraftwerk Jänschwalde
Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde ist ein Wärmekraftwerk, dass gemessen an der installierten Leistung das zweitgrößte Kraftwerk Deutschland ist. (Foto commons.wikimedia.org/Raboe001)

European Circle: Herr Knauber, die Situation der Energiewirtschaft in Deutschland wirkt alles andere als bequem. Die Energiewende, das Ausbremsen der CCS-Technologie, der Atomausstieg und jetzt machen auch noch die kommunalen Anbieter mobil und formieren sich zu einer neuen Konkurrenz. Haben Sie schon SOS an die Vattenfall-Zentrale in Schweden gefunkt?

Rainer Knauber: Ich denke dass der Strommarkt in Deutschland, weil er auch stark politisch mitbestimmt wird, kein einfacher Markt ist. Auf der anderen Seite ist der deutsche Markt ein hochinteressanter Markt.
Deutschland ist das größte Land und liegt im Herzen der EU. Deutschland hat den höchsten Anteil von Industrie, etwa ein Drittel des Bruttoinlandprodukts wird durch industrielle Leistung erzeugt. Von daher wird natürlich hier Strom gebraucht. Wo Strom gebraucht wird, kann man gute und nachhaltige Geschäfte machen, wenn man weiß, wie. Ich glaube deshalb, dass es richtig ist wenn wir uns in diesem Markt bewegen. Aber dann ist es umso wichtiger, diesen Markt und vor allem sein politisches Umfeld permanent zu analysieren. Letztlich wird man auf Dauer kein erfolgreiches Geschäft machen können - weder in der Art wie man Strom erzeugt oder wie man ihn verkauft - wenn man dies gegen den Willen der Politik, der Gesellschaft, der Bevölkerung in einem Land tut. Ich glaube man muss versuchen eine Balance zu finden, zwischen dem was wirtschaftlich geht und dem, was von Publikum und Politik gewünscht wird.

Rainer Knauber
Rainer Knauber, Generalbevollmächtigter von Vattenfall Europe über die Veränderungen die der Atomausstieg mit sich bringt. (Foto: klein)

European Circle: Überraschend war sicherlich auch für Vattenfall die plötzliche Energiewende der Bundesregierung.
Ist das überhaupt machbar, was die Politik fordert?

Rainer Knauber: Natürlich sind die politischen Ambitionen bei der Energiewende sehr ehrgeizig, keine Frage. Wenn Sie sich vorstellen, dass die Energiewende vorsieht, dass wir im Jahr 2050, 95 Prozent unserer Co2 -Emissionen reduziert haben, dass wir die gesamte Mobilität elektrisch abwickeln, dass wir die Übertragungsnetze in den nächsten neun Jahren um 3600 Kilometer ausbauen wollen, dann ist das schon sehr ambitioniert. Und die Gefahr, dass  das auf Punkt und Komma nicht so kommt ist relevant, weil wir ein komplexes System haben, das man nicht allein durch Parteitagsbeschlüsse oder politische Willensbildung beeinflussen kann. Sondern das unterliegt auch Marktbedingungen und physikalischen Bedingungen. Das heißt: hier gibt es eine Menge möglicher Stolpersteine und ich glaube die Aufgabe von Politik und Energieindustrie liegt darin, möglichst viele dieser Stolpersteine zu erkennen, zu bearbeiten und aus dem Weg zu räumen.

Rainer Knauber
Rainer Knauber hält ein Revival der Kernenergie für unwahrscheinlich. (Foto: klein)

European Circle: Von einer politischen Führung werden Vorgaben erwartet. Aber was wenn diese plötzlich eine 180 Grad Drehung macht. Wie sieht dann das Vertrauensverhältnis aus, zwischen Energiewirtschaft und Politik?

Rainer Knauber: Es ist ja sicher so, dass Politik immer wieder andere Antworten gibt, weil auch jede Zeit andere Antworten braucht. Wenn man die letzten 20 oder 30 Jahre zurückblickt, dann wird in vielen Politikfeldern heute eine völlig andere Politik gemacht als damals. Übrigens unabhängig von der Parteifarbe. Politik geht also mit der Zeit, nicht umgekehrt. Aber es stimmt schon: Beim Kernenergieausstieg war das dann schon ein überraschend schneller Schwenk. Diese Geschwindigkeit der politischen Justierung hat uns überrascht, nicht nur uns alleine, sondern die gesamte Branche und ich denke auch die gesamte Gesellschaft.

European Circle: Halten Sie ein Revival der Kernenergie in Deutschland für möglich? Das Nachbarland Polen beispielsweise steigt ein, plant neue Atomkraftwerke.

Rainer Knauber: Ich halte ein Revival im Moment für nicht vorstellbar, weil ich glaube, dass es allein schon schwierig sein würde Unternehmen zu finden, die in Deutschland in diese Technik investieren.

Vattenfall Stockholm
Der schwedische Konzern gehört zu den vier größten Energieversorgern Deutschlands. (Foto: klein)

European Circle: Sind wir ohne Kernenergie auf der sicheren Seite? Unternehmen haben bereits Sorge, dass der Bedarf zu Spitzenzeiten nicht bewältigt werden kann.

Rainer Knauber: Bei technischen Systemen kann es immer mal Probleme geben. Ich glaube aber nicht, dass die so systemisch sind,  so tiefgreifend, dass wir den totalen Zusammenbruch befürchten müssen. Die Versorgung von Industrie und Haushalten ist in den nächsten Jahren noch gut gesichert.
Die Branche wird dann aber nach 2020 investieren müssen. Wir haben schon jetzt einen Kraftwerkspark mit Kohle und Gas, der ein ehrwürdiges Alter hat. Das liegt daran, dass wir in den letzten zehn Jahren im konventionellen Kraftwerksbereich ständig veränderte Regulierungsbedingungen vorgefunden haben. Die Zickzack-Regulierung der Politik hat Investitionen dadurch gebremst. Insgesamt gibt es deshalb in Deutschland viele ältere Anlagen, das trifft allerdings nicht so sehr auf Vattenfall zu. Mit Blick auf Preise und Effizienz wird es deshalb den Bau neuer Kraftwerke geben, wenn der Markt die Preissignale dafür sendet.

European Circle: Die Stärke der deutschen Wirtschaft basiert auf einer sehr guten Infrastruktur. Dazu zählt auch die Energieversorgung. Dazu gehört der Ausbau von Netzen, aber auch die Entwicklung von neuen
Techniken, wie CCS, bei der die Abgase von Kohlekraftwerken unterirdisch gespeichert werden.
Müssen wir zukünftig nicht nur um den Transrapid zu sehen nach China fahren, sondern auch um die die ersten CCS-Anlagen zu besichtigen?

Rainer Knauber: Wir waren mal das Land, in dem Züge pünktlich gefahren sind und in dem die Stromversorgung praktisch ohne Unterbrechungen immer funktioniert hat. Ein Land von Tüftlern, Erfindern und Ingenieuren. Ich habe manchmal das Gefühl in einem Land zu leben, wo das vergessen wird. Auch, dass dies die Basis des Wohlstands hier ist. Wenn wir industrielle Wertschöpfung behalten wollen, muss das energetische Umfeld stimmen, das ist kein Selbstläufer. Nur unsere starke industrielle Basis hat uns - im Unterschied übrigens zu postindustriellen Ländern wie Großbritannien - aus der Finanzkrise 2008 schnell wieder herausgebracht. Industrie braucht Infrastrukturen, wir müssen Möglichkeiten haben, dass Logistik funktioniert, wir müssen Versorgungsqualität und – -Quantität sicher stellen. Wir haben hier in Deutschland eine große Herausforderung mit dem Problem, dass zu viele Menschen bei Investitionen sofort "Nein" rufen, dass wir hier für jedes innovative Projekt sofort Bürgerinitiativen antreffen, die dagegen sind. Das sind Entwicklungen, die mir Sorgen machen. Die aber auch bedeuten, dass wir als Industrie gefordert sind, noch besser mit den Menschen zu kommunizieren, Sinn und Notwendigkeit solcher Projekte noch besser zu erklären. Und die Politik hat die Aufgabe, an der ein oder anderen Stelle das Kreuz durch zu drücken und für solche Projekte auch zu kämpfen.

[TK]