Montag, 19. Dezember 2011

Von: CH

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Umwelthauptstadt Hamburg | Weltklimagipfel | Durban | Umweltverbände | Klima | Wirtschaftsmodell
Umweltkonferenz in Durban zeigt Grenzen der Supranationalität

“Die Politik begrenzt, die Wirtschaft lenkt”

Der Wachstumszyklus müsse gestoppt werden, kritisiert Wirtschaftswissenschaftler Tim Jackson. (Foto: Margot Kessler/pixelio.de)

Bei der letzten Konferenz der Umwelthauptstadt Hamburg 2011 im Hamburger Rathaus, die der Senat zusammen mit der ZEIT organisiert hat, bevor der Titel an die spanische Hauptstadt des Baskenlandes Vitoria-Gasteiz im Januar 2012 geht, beurteilen nationale und internationale Experten von Umweltverbänden, aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in der Diskussion “Umwelt ist Zukunft” die am Wochenende ausgeklungene Umweltkonferenz im südafrikanischen Durban nicht nur für gescheitert. Sie erkennen vielmehr in der Schwierigkeit der rechtlich verbindlichen Einigung der Industriestaaten mit den Schwellenländern, besonders der USA mit Indien, eines: “Wir können das Klima nicht retten”. Vielmehr müsste jeder das Beste aus seiner Sicht tun, damit alle Menschen gute Lebensbedingungen auf der Erde vorfinden.

Bereits der erste Erdgipfel 1972 in Stockholm brachte der Staatengemeinschaft die Erkenntnis, dass ökologische Fragen mit den Problemen von Entwicklung und Armut zusammenhängen. Dabei dürfe Unterentwicklung nicht als nachholende Entwicklung, sondern müsse als das Produkt der Entwicklung reicher Länder definiert werden. Doch wie könnte das Modell einer anderen Wirtschaft aussehen? Tim Jackson, vom Lehrstuhl für nachhaltige Entwicklung an der Universität Surrey und Direktor der britischen Forschergruppe RESOLVE (Economic and Social Research Council) zur Untersuchung von Lebensstilen, Werten und Umweltthemen weiß Rat auf die Ratlosigkeit der Staatengemeinschaft in Durban.

“Die Welt braucht ein anderes Wirtschaftsmodell”

Tim Jackson
Jackson sieht die Zukunft im "green new deal”. (Foto: commons.wikimedia.org/Hannob, gemeinfrei)

“Der perverse Wachstumszyklus müsse gestoppt werden, da er die ökologische Zerstörung nicht miteinberechne”, kritisiert Tim Jackson bei einem Vortrag auf der Umweltkonferenz in Hamburg. Das Spiel der Finanzmärkte, die durch die derzeitige Finanzkrise aus dem Gleichgewicht geraten sind, beruht auf einer einzigen Logik: Wachstum weiter zu forcieren. Doch dies sei nicht die Zukunft, weder für Europa noch für die Welt. Die Welt müsse vielmehr nach einem anderen Wirtschaftsmodell suchen. Die Krise sei das Warnzeichen, dass die Wachstumslogik an ihre Grenzen gelangt ist. Die Prämissen des derzeitigen Wachstumsmodells beruhen nach Auffassung Jacksons auf zwei Grundlagen, die verändert werden müssten:
Die erste Grundlage ist linguistisch: Wachstum, die Märkte, der Kapitalstrom beruhe auf der Suche nach Neuem, “the search of novelty”. Produkte werden gekauft, weil sie Neues suggerieren. Dies führt zur perversen Logik des ständigen Kaufs neuer Güter am Markt. In Krisen können die Güter nicht mehr bezahlt werden, denn der Konsument büßt seinen Arbeitsplatz ein und muss sich das Geld für den Kauf der Güter, die er nicht braucht, leihen. Das führt zur Krankheit der Märkte, von denen die letzten Finanzkrisen 2008/2009 und 2011 die Auswüchse sind und gegen die die Menschen in Großbritannien, Griechenland und Portugal demonstriert haben.
Die zweite Grundlage ist psychologisch: Der Mensch ist nach Auffassung Jacksons egoistisch, “selfish” und mit dieser alleinigen Grundauffassung nicht überlebensfähig.

Skizze einer neuen Wirtschaftsweise: “the green new deal”

Die Grundlagen der neuen Ökonomie dagegen liegen in der Befreiung von Selbstsucht, dass sich Wohlstand für alle nicht ohne die Bewahrung eines begrenzten Planeten einstellen könne, kurz in einem “green new deal”.
Jackson plädiert für Investitionen in saubere Technologien, in eine Wirtschaftsstruktur, die nur geringe ökologische Fußabdrücke hinterlässt, auf anderen Werten, dem der sozialen und ökologischen Gerechtigkeit und nicht des Profits beruht, die regional und gemeinschaftlich organisiert ist und in den Dienstleistungssektor investiert.

Siemens: “40 Prozent der Arbeitsplätze im Sektor erneuerbare Energien”

Dass Jacksons Modell nicht wirklich futuristisch anmutet, sondern längst auch Anklang in der deutschen Wirtschaft hat, zeigen die Reaktionen der Wirtschaftsexperten auf der Umweltkonferenz in Hamburg nach Durban. Die ehemalige österreichische Sozialdemokratin Brigitte Ederer, die heute im Vorstand der Siemens AG sitzt, glaubt zum ersten an die Energiewende und dass Deutschland trotz der Schwierigkeiten des Netzausbaus diese auch schaffen wird und zum zweiten sieht sie das Zukunftspotential der Siemens AG im Sektor Umwelt und Technologie, dem der erneuerbaren Energien. Ederer betont dabei, dass die Politik zwar im Hinblick auf Umweltstandards und Nachhaltigkeit Grenzen setzen müsse, die Wirtschaft aber ihren Weg, wie sie die Grenzen umsetze, selbst finden müsse. Nach der Vorstellung: die Politik setzt die Grenzziele, die Industrie baut dafür den Weg aus. “Siemens investiert in green jobs. 40 bis 50 Prozent der Beschäftigten sind bereits im Sektor erneuerbare Energie tätig”, erklärt Brigitte Ederer in Hamburg. Der Sektor sei ausbaufähig und berge bei guten Speicherkapazitäten und weiterem Netzausbau die höchsten Wachstumspotentiale. Ederer verabschiedet sich damit zwar nicht vom Wachstumscredo, sondern verlagert dieses auf den Dienstleistungssektor mit Spitzentechnologien im Umweltmanagement. Die im Norden über Start-up-Firmen kreierten Windparks sind für Siemens besonders attraktiv. Deshalb will die Geschäftsführung 2013, 500 Angestellte nach Hamburg schicken.

Etikettenschwindel bei green jobs

Kohlekraftwerk
Siemens sieht die Zukunft in erneuerbaren Energien. Laut Brigitte Ederer investiert Siemens in "green jobs". (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Doch viele neue Jobs, die als green jobs getarnt werden, schimmern einzig grün, warnt Erwin Schulze vom HWWI (Hamburger WeltWirtschaftsinstitut). In diesem Bereich begeht die Industrie, die immer auch Wertschöpfungsketten ausnutzt, um das passende Image nach außen zu verkaufen, Etikettenschwindel. Sogenannte grüne Jobs seien häufig mit dem Produktionsbereich verzahnt, sodass der Umweltaspekt dabei nur eine untergeordnete Rolle spiele. Häufig tragen die neuen Arbeitsplätze zwar zur Energieeffizienz bei, aber mit der Zielprojektion mit dem eingesparten Kapital, noch mehr Wachstum und Verschmutzung zu ermöglichen.
Der Ölmanager von BP Europe SE Uwe Franke bestätigt diesen Impuls auch bei BP. BP bemüht sich zwar nach dem Unglück der Ölplattform Deep Water Horizon ein neues, umweltverträglicheres Image aufzubauen. “Die Ölindustrie hat seit dem Unglück im Golf von Mexiko viel dazugelernt. Jetzt wird auf beste Sicherheitsstandards geachtet”, so Franke. Doch der von BP definierte Primat der Bedürfnisse nach Wohlstand und Mobilität hindere das Unternehmen auch in der Zukunft nicht daran, in noch tieferem Wasser zu bohren, um weitere Quellen und Ölfelder zu erschließen. “Die Welt braucht Öl”. Allerdings investiere BP zukünftig auch in den erneuerbaren Sektor, der jedoch vor allem, was Biodiesel und Biokraftstoffe angeht, aus Sicht der Umweltverbände wie auch der Verbraucher höchste Widersprüche aufweise. BP habe 2005, 1 Milliarde Dollar in alternative Energien (Solar-, Wind-, Biokraftstoffe) investiert.
Nicht alle Jobs sind in den neuen Branchen auch sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze, räumt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie sowie Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung ein. Vor allem bei der stark subventionierten Solarbranche seien die Bilanzen oft katastrophal. Meist handele es sich im Solarsektor um Garagenfirmen, die fragile Jobs anböten im Unterschied zum Sektor der Windenergie, die bessere Bilanzen vorweisen könnten. 

Bildung muss bei der Umwelt anfangen

Bereits zu Beginn der Konferenz äußert der Chefredakteur der ZEIT Giovanni di Lorenzo das Unbehagen der ZEIT, Umweltthemen zu publizieren. Diese ließen sich nicht gut verkaufen. Nicht nur die Finanzkrise hat gezeigt, dass Klima- und Umweltfragen dann in den Hintergrund treten, wenn sie von einer Finanzkrise überschattet werden. Diese Tatsache lässt nach den Ursachen forschen. So vermutet Giovanni di Lorenzo, dass die Unsichtbarkeit des Klimawandels zu Desinteresse, Ohnmacht und Verdrängung bei den Deutschen führten. Bereits in der Schule müsste es deshalb fächerübergreifend Aufklärung zum Thema “Natur und Leben” geben, kritisiert Eberhard Brandes vom WWF Deutschland. Anita Engels, Sprecherin des Exzellenzclusters “Integrated Climate System Analysis and Prediction (CliSAP)” vom Klimacampus der Universität Hamburg plädiert auch an den Universitäten für Interdisziplinarität der Wissenschaften. Um den Klimawandel zu verstehen und bewusst zu machen, sei es nötig, sich mit der Zirkulation der Ozeane unter klimatischen Bedingungen, gesellschaftlicher Dynamiken und den Potentialen für Global Governance auseinanderzusetzen. Die Universität Hamburg setze für die Integration unterschiedlicher Wissenschaften (Physik und Soziologie) neue Wissensfundamente auf Seminarebene, so Engels. Claus Leggewie, seit 2008 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), bestätigt, dass Deutschland und seine Forschungsinstitute zu wenig interdisziplinar ausgerichtet seien. Für viele sei der Zusammenhang zwischen Natur und Kultur unbekannt. Schulen hätten diesbezüglich keine Pionierfunktion übernommen. Das Problem: Durban habe gezeigt, dass die Politiker ohne die Menschen entschieden und die Bürger an den Entscheidungen der Politiker vorbeilebten. Nur vier Prozent seien für ihre Überzeugungen auch bereit zu demonstrieren, sagt Claus Leggewie vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI). Die Unwirksamkeit der gegenseitigen Durchdringung von Politik und ziviler Gesellschaft auf der unteren Ebene spiegelte sich in Durban in der Unwirksamkeit des Verhandlungssystems der UN wider. Denn auch auf dieser supranationalen Ebene zeige sich das Unvermögen und wenig interdisziplinäre Bewusstsein und Denken einiger mächtiger Staaten, für die Weltgemeinschaft eine zehnprozentige Reduzierung des ökologischen Fußabdruckes rechtlich verbindlich zuzusagen. 

[CH]