Dienstag, 6. Dezember 2011

Von: SB

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Keywords:
Geothermie | Erdwärme | erneuerbare Energien | Umwelt | Seestadt Aspern | Wien | Österreich
Energie aus Erdwärme

Geothermie als alternative Energiequelle

Mitten in Wien entsteht eine neue Stadt. Bis 2028 wird im Rahmen eines Stadtentwicklungsprojekts die Seestadt Aspern errichtet. Auf dem Areal eines ehemaligen Flugfeldes sollen 240 Hektar so gestaltet werden, dass Wohnen und Arbeiten, Stadt und Natur, Gesellschaft und Freizeit problemlos und angenehm vereinbar sind. Das Herzstück des Projekts stellt ein großer, künstlich angelegter See dar – das erklärt auch die Bezeichnung "Seestadt". Eine wichtige Rolle spielen außerdem die Nähe zum Stadtzentrum Wiens sowie die Anbindung zu den Flug- und Bahnhöfen in Wien und Bratislava. Aus energiepolitischer Sicht ist jedoch vor allem ein Aspekt interessant: Ein eigenes Geothermie-Kraftwerk soll die gesamte Seestadt mit Energie versorgen.

Startschuss für Kraftwerk gefallen

Flugfeld Aspern
Auf diesem ehemaligen Flugfeld Aspern soll das neue Wohngebiet mit eigenem Geothermie-Kraftwerk entstehen. (Foto: commons.wikimedia.org/Wirthi, CC by 3.0)

Über 8.000 Wohnungen sowie die Räumlichkeiten für rund 20.000 Arbeitsplätze sollen in Aspern geschaffen werden. Um all diese mit Strom und Warmwasser zu versorgen, bedarf es einer großen Menge Energie. Diese soll umweltschonend aus der Geothermie, also der Erdwärme, gewonnen werden. Dafür wird nun ein eigenes Kraftwerk errichtet, Anfang November begannen die Bauarbeiten. Sobald dieses fertig ist, soll es jedoch weit mehr Energie produzieren, als die Seestadt benötigt. Laut dem Betreiber Wien Energie wird es mit rund 40 Megawatt über doppelt so viel Energie abwerfen, wie jede vergleichbare Anlage in Österreich. Damit wiederum kann der Energiebedarf von über 40.000 Haushalten und Betrieben abgedeckt werden. Das sind erheblich mehr, als Aspern haben wird. Die übrige Energie soll über das Fernwärmennetz dann auch Gebäude in anderen Teilen Wiens versorgen.

Wie funktioniert das Geothermie-Kraftwerk?

Im Wiener Becken, also dort, wo die Seestadt Aspern entstehen soll, befindet sich im Untergrund ein großes Vorkommen an Thermalwasser. In rund 5.000 Metern Tiefe hat dieses eine Temperatur von 150 Grad Celsius. Das heiße Wasser wird durch eine Röhre an die Oberfläche befördert, wo ihm dann mittels eines Wärmetauschers die Wärmeenergie entzogen wird. Das abgekühlte Wasser wird danach über eine zweite Leitung zurück ins Gestein befördert. In einer Tiefe von rund 3.600 Metern heizt es sich dann natürlich wieder auf. Die beiden Röhren würden schräg auseinanderlaufend verlegt werden, sodass die beiden Endpunkte rund 2 Kilometer voneinander entfernt wären, erklärt Michael Kotschan, Geschäftsführer der Geothermiezentrum Aspern GmbH, in der österreichischen Tageszeitung "Der Standard".

Erdwärme CO2-neutral und stabil im Preis

Geothermie-Kraftwerk
Mit dem geplanten Geothermie-Kraftwerk in Aspern ließen sich jährlich rund 130.000 Tonnen Kohlendioxid einsparen. (Foto. commons.wikimedia.org/ Fir0002, gemeinfrei)

Ebenso wie Sonnen- und Windenergie zählt auch die Geothermie zu den erneuerbaren Energien. Das heißt, dass sich die Quelle, aus der die Energie bezogen wird, von selbst wieder auflädt. Nach menschlichem Ermessen gilt die Geothermie also als unerschöpflich. Die Betreiber des Kraftwerks betonen, dass die Anlage in Aspern CO2-neutral arbeite. Jährlich ließen sich rund 130.000 Tonnen Kohlendioxid einsparen. Auch im Preis soll die Energie aus Erdwärme stabil sein, da sie von Rohstoffen sowie von wechselnden Naturkräften wie Wind oder Sonne unabhängig ist.

Seismische Bewegungen möglich

Einen Nachteil hat die Geothermie jedoch: Durch die Bohrungen und den Transport des Wassers kann es zu seismischen Bewegungen kommen. Im Normalfall sind diese zwar so gering, dass sie von Menschen nicht wahrgenommen werden können. In Staufen im Breisgau kam es 2008 jedoch zu massiven Hebungen des Erdbodens, die zu Schiefstellungen von Häusern und Rissen in deren Fassaden führten. Über 200 Gebäude wurden beschädigt, darunter auch das Rathaus. Die Ursache ist noch nicht geklärt. Der Spiegel berichtete jedoch, dass diese Hebungen wahrscheinlich auf eine Reaktion im Erdboden zurückzuführen sind. Dadurch, dass Wasser mit Anhydrit in Verbindung kam, entstand Gips, dieser wiederum dehnte sich aus. 

Probleme beim Kraftwerkbau

Schäden nach Geothermiebohrung
Beim Bau vieler Kraftwerke kam es zu Problemen. In Offenbach war beispielsweise das Erdreich zu instabil. (Foto: commons.wikimedia.org/JCS, CC by-sa 3.0)

In Mitteleuropa gibt es bereits einige große Kraftwerke, viele davon in Deutschland. Das geplante Kraftwerk in Wien soll allerdings leistungsstärker sein als die meisten, die es bisher gibt. Wenn die Bauarbeiten planmäßig durchgeführt werden können, soll die Anlage 2014 betriebsbereit sein. Ob das möglich ist, wird man erst sehen. Aus unterschiedlichen Gründen kam es bei derartigen Kraftwerken immer wieder zu Baustopps. In Offenbach an der Queich war etwa das Erdreich zu instabil, in Speyer stieß man bei den Bohrungen auf Erdöl. Das Projekt in Basel musste wegen zu starker Beben komplett eingestellt werden, die Anlage in Landau macht aus demselben Grund Probleme.

Wichtiger Schritt für die Zukunft

Trotz dieser Komplikationen scheint die Geothermie eine sinnvolle Energiequelle zu sein. Bei entsprechender Forcierung könnte es möglich sein, unabhängiger von fossilen Energieträgern zu werden. Der Vorteil liegt auf der Hand: Kohle, Erdöl und andere fossile Brennstoffe sind zum einen weitaus schädlicher für die Umwelt, zum anderen sind ihre Reserven begrenzt. Sobald das Kraftwerk an das Fernwärmenetz von Wien Energie angeschlossen ist, soll der Anteil an erneuerbarer Energie in diesem auf 20 Prozent steigen. Das ist zwar auf lange Sicht sicher nicht ausreichend, aber immerhin ein Anfang.

[SB]