Mittwoch, 21. März 2012

Von: Peter Brinkmann

Seite ausdrucken
Schließen
Versende diesen Artikel
Send this form
Social bookmarks:
bookmark at mister wongpublish in twitterbookmark at del.icio.usbookmark at digg.combookmark at furl.netbookmark at linksilo.debookmark at reddit.combookmark at spurl.netbookmark at technorati.combookmark at google.combookmark at yahoo.combookmark at facebook.combookmark at stumbleupon.combookmark at propeller.combookmark at newsvine.combookmark at jumptags.com
Keywords:
Handy | Rohstoffe | Ressourcenknappheit | Klimawandel | Umweltverschmutzung | WEEE | EU | Recyceln
Rohstoffe für Handys werden knapp

Europa soll mehr Elektroschrott sammeln

Brüssel – Am 19. Januar 2012 hat das Europäische Parlament die neu verfasste Richtlinie zur Entsorgung von Elektro- und Elektronik-Altgeräten (WEEE) verabschiedet. Diese Richtlinie schafft nach Auffassung der EU-Parlamentarier schärfere Vorgaben über das Sammeln und Recyceln von Elektroschrott. Ob das ausreichend ist, fragte European Circle-Korrespondent Peter Brinkmann die Europa-Abgeordnete der SPD, Jutta Haug.
Jutta Haug
Europa-Abgeordnete Jutta Haug ist sich sicher, wenn Händler und EU-Bürger sich aktiv an den neuen Richtlinien beteiligen, höhere Sammelziele zu erreichen. (Foto: www.jutta-haug.de)

European Circle: Elektroschrott ist wertvoll in Zeiten seltener Erden. Kein Handy ohne seltene Metalle, aber die meisten gebrauchten Handys landen in der Schublade statt auf dem Recyclinghof. Wird sich das jetzt ändern?

Haug: Wir haben als Vertreter des Parlaments und der Mitgliedsstaaten eine Einigung erzielt. Dieser Kompromiss ist zwar nicht ideal, aber das Parlament konnte wichtige Punkte durchsetzen.

European Circle: Was ist gegenüber der alten Regelung besser geworden?

Haug: In Zukunft sollen stufenweise bis zu 85 Prozent der Elektro-Altgeräte pro Jahr gesammelt werden. Zurzeit sind vier Kilogramm Elektroschrott pro Bürger als jährliches Sammelziel vorgeschrieben. Das wurde angesichts der rasant wachsenden Elektroschrott-Mengen und der mangelhaften Umsetzung nun angepasst.

European Circle: Weil die Handys lieber in der privaten Sammelschublade gelagert als beim Recycling Hof abgegeben werden?

Haug: Das auch. Allerdings sammeln die Deutschen über kommunale Wertstoffhöfe und andere Rückgabestellen bereits durchschnittlich pro Jahr acht Kilogramm Elektroschrott pro Kopf.

European Circle: Klingt ja schon mal nach sehr viel.

Haug: Ist es aber nicht. Das muss dringend noch mehr werden. Letztlich fallen ungefähr 20 Kilogramm Elektroschrott pro Person an. In vielen EU-Ländern wird es noch einer viel größeren Anstrengung bedürfen, da sie unter dem 4 Kg-Ziel liegen und bei der Entwicklung entsprechender Infrastrukturen noch weit hinterher hinken. Wir müssen hier EU-weit kooperieren, kluge Technologien entwickeln und austauschen.

European Circle: Wie kann die Sammlung von Elektroaltgeräten verbessert werden?

Haug: Um den Verbrauchern die Rückgabe von kleinen Elektrogeräten zu erleichtern - klein heißt bis zu einer Größe von 25 cm-, führt die WEEE-Neufassung eine Rücknahmeverpflichtung für große Elektro-Einzelhändler ein, ohne dass damit ein Neukauf einhergehen muss. Nun müssen wir dafür sorgen, dass diese verbraucherfreundliche Regelung auch umgesetzt wird. Eine neue Sammelbox beim Händler soll die Entsorgung von Elektro-Kleinschrott wie Rasierern, Handys oder Energiesparlampen künftig erleichtern.

European Circle: Ist das schon alles an neuen Regelungen?

Haug: Nein. Zudem fallen ab 2018 alle Elektrogeräte, Fotovoltaik-Paneele eingeschlossen, unter dieselbe Richtlinie. Es ist ein großer Fortschritt, dass die Richtlinie nicht mehr nur für eine fest abgesteckte Liste von Elektroaltgeräten gilt - vor allem angesichts der vielen neuen Gerätearten, die in einem rasanten Tempo entwickelt werden. Ich bin außerdem froh, dass wir an dieser Stelle eine nachhaltige Energie- und Abfallpolitik nicht gegeneinander ausgespielt haben - ein wirklich nachhaltiges, langfristiges Denken muss auch das Recycling von Fotovoltaik-Paneelen einschließen.

European Circle: Nun lese ich aber immer wieder, dass der Elektroschrott ein begehrtes Exportgut ist und zum Beispiel nach Afrika verschifft wird. Was steht dazu in der neuen Richtlinie?

Haug: Über strengere Beweisregeln erschwert die WEEE-Neufassung den illegalen Export von Elektro-Schrott, der sich häufig unter dem Deckmantel der Wiederverwendung abspielt. Die Beweispflicht liegt fortan nicht mehr bei den Zollbeamten, sondern bei den Exporteuren. Sie müssen künftig nachweisen, dass Waren tatsächlich zur Reparatur oder zur Wiederverwendung versandt werden. Es ist unzumutbar, dass wir Drittländer, besonders wenn sie über keine soliden Recyclingstandards verfügen, mit den Giftstoffen in unserem Elektroschrott belasten und sowohl die Gesundheit der Menschen als auch ihre ökologische Lebensgrundlage gefährden. Und auch für unsere Wirtschaft ist jedes nicht recycelte Gramm Wertstoff aus Elektroschrott unzumutbar. Denn auch im nicht mehr so glänzenden Elektroschrott befinden sich Gold und andere Rohstoffe, die Europa sonst zu hohen wirtschaftlichen und ökologischen Kosten und zu unsicheren Bedingungen importieren müsste.

European Circle: Wie rechnet sich das zusammen?

Haug: Der Wert der Materialien, die aus Elektroschrott wieder gewonnen werden können, wird auf zwei Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Eine Tonne Mobiltelefone enthält ungefähr fünfzig Mal mehr Gold, als eine Tonne Erdreich, aus dem Gold gewonnen wird. Den wirtschaftlichen Aspekt einer klugen Abfallgesetzgebung macht auch eine kürzlich veröffentlichte Studie deutlich: Danach können durch die konsequente Implementierung der gesamten EU-Abfallgesetzgebung ungefähr 72 Milliarden Euro im Jahr eingespart und 400.000 Jobs geschaffen werden. Die neu verfasste WEEE-Richtlinie wird dazu beitragen, dass Europa mehr Rohstoffe wiedergewinnt. Das ist gut für die Wirtschaft und gut für die Umwelt. Sowohl ein "recycelbares" Produktdesign als auch eine bessere Weiterverarbeitung sollen dazu beitragen, mehr wertvolle Rohstoffe zurückzugewinnen und die Deponierung von gefährlichen Substanzen auf Müllhalden zu verhindern. Zudem wird durch konsequentes Recycling und den damit reduzierten Ressourcenabbau der CO2-Ausstoß stark verringert.

European Circle: Was passiert mit den gesammelten Geräten?

Haug: Wie bereits erwähnt wird ein großer Teil der Elektroaltgeräte nicht - zumindest nicht in offiziellen Strukturen - gesammelt. Noch ein geringerer Teil kommt in den fachgerecht arbeitenden Erstbehandlungsanlagen an. Zusätzlich zu den Quoten für die Sammlung wird es daher auch ambitionierte Quoten für das Recycling und die Wiederverwertung der gesammelten Geräte geben. Außerdem soll es für die Sammlung, Behandlung und Wiederverwertung erstmals EU-weit einheitliche Standards geben. Bisher lag das im Ermessen der Mitgliedstaaten. Das hat zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen beim Umgang mit E-Schrott geführt. Künftig soll es ähnliche Ergebnisse in der Praxis geben.

European Circle: Ab wann soll das Ganze gelten?

Haug: Nach der formellen Bestätigung durch die Mitgliedsstaaten bleiben diesen 18 Monate Zeit, die neuen Regeln umzusetzen - zudem müssen Bürgerinnen und Bürger über die Veränderungen informiert werden. Nur wenn Hersteller, Händlerinnen und Konsumenten sich aktiv beteiligen, wird die Erfüllung der ab 2019 deutlich höheren Sammelziele gelingen.

(Teaserbild: www.jutta-haug.de)