Dienstag, 17. Januar 2012

Von: Peter Brinkmann

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Jerusalem | Religionen | Simon Sebag Montefiore | Paganismus | Geschichte | Christentum | Sultan al-Kamil | Kaiser Friedrich II.
Die Stadt der Religionen

Jerusalem – Die Biographie

Jerusalem –Die Stadt der Religionen

Jerusalem
Jerusalems Geschichte bedeutet über 3000 Jahre Glauben, Fanatismus und Kampf, aber auch das Zusammenleben unterschiedlichster Kulturen. (Foto: S. Fischer Verlag)

Jerusalem – Stadt des Friedens und der immerwährenden Kriege. Wie passt das zusammen? Denn wer nach Jerusalem kommt, wird überwältigt vom Licht, der Luft, der Atmosphäre, den Kirchenglocken und den Rufen der Muezzin. Jerusalem hat nur dies. Es gibt keine Bodenschätze, kein Gold und kein Öl. Es gibt nur Religionen. Sie alle predigen den Frieden auf Erden und bekämpfen sich bis aufs Blut. Seit Römerzeiten gab es immer wieder Kriege um diese Stadt mitten in den Bergen von Judäa, 700 Meter über dem Meeresspiegel. Und weil Jerusalem die Hauptstadt zweier Völker, von Juden und Arabern, der Schrein dreier Weltreligionen (Judentum, Christentum und Islam) ist, prallt hier alles aufeinander. Und das seit 2000 Jahren! Jerusalems Geschichte bedeutet daher 2000 Jahre Glauben, Fanatismus und Kampf. Der britische Historiker mit jüdischen Wurzeln in die Stadt Jerusalem hinein, Sebag Montefiore, hat jetzt eine Geschichte der Stadt geschrieben. Es ist auch “seine” Stadt. Denn einer seiner Vorfahren, Moses Montefiori, war ein berühmter britischer Jude. Wer heute vom King David Hotel zur Altstadt hinübergeht, der durchquert den Montefiori Park. Hier steht die Kutsche seines Urahn Moses Montefiori, mit der dieser Palästina durchquerte. Ein Viertel in Jerusalem heißt Montefiore und Moses Montefiore hat es gebaut. Jerusalem hat sechs Vororte, die nach ihm benannt sind. Nun wagte sich der Nachkomme daran, dieses Jerusalem, das sein Vorfahr in moderner Form mitbegründet hat, zu beschreiben. Und es ist ein ganz anderes Buch geworden, als man es gewöhnlich bekommt. Es ist kein Stadtführer, kein Reiseführer herkömmlicher Art. Das Buch beschreibt eben nicht, wer was wann in welcher Form in welchem Teil Jerusalems gebaut hat und warum. Es erzählt in ungeheuer sanfter und zugleich spannender Form die Geschichte der gelebten Bewohner, der schon längst verstorbenen Menschen in der Heiligen Stadt. Montefiori hat dafür die Archive studiert und aus dem trockenem Papier und Pergament vergangener Jahrhunderte ein spannendes Epos gemacht. Er hat die Geschichte der Stadt durch die Personen wieder lebendig gemacht. Montefiori macht dadurch vor allem auch deutlich, dass Jerusalem erst durch die Religionen zu dem Streitpunkt wurde, was es bis heute geblieben ist. Denn die Römer fanden Jerusalem ganz öde und langweilig. Erst mit Jesus kam Dramatik ins Geschehen der Stadt. Montefiori erklärt das selbst so: “Jesus lebte und starb in Jerusalem, weil er die jüdischen Propheten studiert hatte und ihre Prophezeiung erfüllen musste. Aber es war Kaiser Konstantin, der entschied, Jerusalem zum christlichen Mittelpunkt zu machen. Und es war Herodes, der es zu einer großen Stadt für die Juden machte.” Und jede Gruppe bzw. Religion wollte die Stadt für sich. Kriege ohne Ende. Nur einmal – 1229 - gab es zwei weise Männer, die Frieden schlossen. Der eine war der deutsche Kaiser Friedrich II., der heute in Palermo begraben liegt, und der andere der Moslem Führer Sultan al-Kamil. Sie schlossen Frieden für 30 Jahre, Christen bekamen freien Zugang zu den Heiligen Stätten. Das alles geschah vor über 800 Jahren, der Frieden hielt jedoch nur 15 Jahre. Friedrich bekam vom Papst seine Strafe, er wurde exkommuniziert. Der Papst wollte alles und das mit Krieg, vor allem wollte er keine Moslems in der für die Christen so heiligen Stadt. Und heute? Was ist viel anders? Jeder will die Stadt für sich, weil sie für jede Gruppe eben “heilig” ist. Und immer sind es eben auch Menschen. Personen, die Geschichte machen. Wer auch sonst? 

Menschen erzählen – nicht Steine

So lässt Montefiori hier nicht die “Steine” erzählen, sondern die Menschen. Er weckt alle die auf, die in den letzten 3000 Jahren in Jerusalem eine Rolle spielten. Und so wird es auch zu einem Story-Buch. Viel Sex, viel Crime kommen vor. Es sind Menschen, die lieben, im Sinne der Kirche sündigen, ehebrechen, stehlen und betrügen. Montefiore sagt dazu: “Massaker, Nonnen und Bischöfe gehören zur Geschichte der Stadt, aber nicht nur. Ich wollte auch über Frauen, Essen, Tanz, Musik, Sex und Liebe schreiben. Zu meinen Lieblingsgeschichten gehört, wie um die Wende zum 20. Jahrhundert Zehntausende russische Pilger in die Stadt kamen, viele von ihnen Frauen, die dann strandeten und die Mätressen mächtiger arabischer, jüdischer und türkischer Führer wurden.” Deswegen, aber nicht nur deswegen, liest es sich so leicht, so schön. Und ist so verständlich. Es ist ein Buch ganz anderer, ja ganz besonderer Art. Das Leben in der Geschichte wird uns durch die Geschichten sehr nahe gebracht. Man denkt und fühlt, als wären wir heute dabei. Und erfahren so mehr vom Gehalt und Inhalt der “Heiligen Stadt” Jerusalem. In neun großen Kapiteln erzählt Montefiore die Geschichte Jerusalems von den davidischen Anfängen über Judentum, “Paganismus”, Christentum und Islam, weiter zu den Mamelucken und Osmanen bis hin zum Imperialismus des 19. und dem Zionismus des 20. Jahrhunderts. 1967 hören die Erzählungen auf. Eines fällt beim Lesen besonders auf: Montefiori sucht und beschreibt die Figuren der Geschichte, die sich besonders um den Frieden verdient gemacht haben. Und das sind am meisten Moslems. Vielleicht trägt das auch ein Stück dazu bei, mehr vom Konflikt zu verstehen, der bis heute den Weltfrieden bedroht. Und dabei auch ein wenig Hoffnung zu geben auf mehr Verständnis in der christlichen und jüdischen Welt. Denn wenn es in der Vergangenheit schon einige Male Verständigung geben konnte, warum nicht auch heute? So ist dieses Buch nicht nur ein Geschichtsbuch von hohem Rang, sondern auch eine Lehre zur Verständigung und zum Frieden. In dieser Zeit daher eine besonders wichtige Lektüre!! Es ist- wie Montefiori selbst über sein Werk sagt, “wie die früheren Breitwandfilme, in denen alle bekannten Stars ihrer Zeit mitspielten. Ägypter und Assyrer, Perser und Griechen, Römer, Araber, Kreuzfahrer, Ottomanen, Franzosen und Briten. Wenn Sie über Jerusalem schreiben, geht es um Salomon, Saladin and Suleiman den Prächtigen, um Kleopatra, Caligula und Winston Churchill, um Nebukadnezar, Herodes, Nero, um Kaiser Willhelm II., Rasputin und Lawrence von Arabien.” Ein packendes Geschichtsbuch! Viel Spaß beim Lesen!

Montefiore, Simon Sebag. Jerusalem. Die Biographie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 880 Seiten. 28 Euro. ISBN: 978-3-10-050611-5

(Teaserbild: S. Fischer Verlag)