Dienstag, 14.02.2012

Von: Peter Brinkmann

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Keywords:
Carmen M. Reinhardt | Kenneth S. Rogoff | Finanzkrise | Schuldenkrise | Europa | Banken
Acht Jahrhunderte Finanzkrisen

Dieses Mal ist alles anders

Finanzkrise
Seit 1945 gab es in der Welt 138 Bankenkrisen, die jetzige nicht eingerechnet. Das haben die beiden Autoren dieses überaus faktenreichen Buches nachgewiesen. (Foto: Finanzbuch Verlag)

Nie wieder passiert uns das! Denn "dieses Mal ist alles anders". Und plötzlich ist es wieder passiert: Bankenkrise, Schuldenkrise. Seit 1945 gab es in der Welt 138 Bankenkrisen, die jetzige nicht eingerechnet. Das haben die beiden Autoren dieses überaus faktenreichen Buches nachgewiesen. Und der Titel des Buches wird durch unzählige Tabellen und Grafiken widerlegt: Es war immer fast genauso! So lesen wir auf Seite 251: "Die Muster, die sich für die Bankenkrise ergeben, sind nicht identisch, aber auffallend ähnlich. In den Jahren vor einer Bankenkrise war das jährliche Einnahmewachstum robust, im Jahr der Krise war es deutlich abgeschwächt und in den unmittelbar auf die Krise folgenden Jahren gingen die Einnahmen weiter zurück." Und noch etwas ist auffallend ähnlich. Zu lesen auf Seite 250: "Die häufigste politische Antwort auf eine systemische Bankenkrise bestand in der Schnürung eines Rettungspaketes für den Bankensektor." Und nun werden all die Maßnahmen aufgezählt, die dazu verwendet wurden und werden, um die Bankenkrise zu beenden. Nichts hat sich geändert. Es war immer dasselbe Paket und deswegen gilt der Satz nicht, den dieses Buch zum Titel hat: Diesmal ist alles anders. Nichts ist anders. Doch komisch ist, dass jedes Mal – und auch in dieser Krise wieder – alle Experten sagen: Die derzeitige Krise ist überhaupt nicht vergleichbar mit vergangenen Situationen.

800 Jahre Schuldenkrise

Doch Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben die Crashs der letzten 800 Jahre analysiert. Ihr erstaunliches Ergebnis: In Wahrheit sind es doch immer die gleichen Fehler, die zum Kollaps geführt haben. Und siehe da: Seit 800 Jahren (über diesen Zeitraum lassen sich anhand von Dokumenten die Krisen nachvollziehen) gab es Staatsbankrotte und Bankkrisen in stetiger Folge. In Europa übrigens in der Neuzeit am häufigsten in Spanien und Griechenland! Wir hätten es wissen können, so die Autoren. Ob Entwicklungsland oder hoch entwickelte Demokratien - kein Land ist vor einer Bankenkrise gefeit, so die beiden Ökonomen.
So habe ich mich beim Studium dieses nicht einfachen Buches (sehr viele Tabellen erfordern schon genaues Lesen) immer wieder gefragt, woran es liegt, dass wir die Krisen bei allem modernen Sachverstand und mit all der modernen Computertechnik nicht in den Griff bekommen. Und warum es immer wieder passiert. Die Autoren meinen: Das zentrale Problem ist die "Wankelmütigkeit des Vertrauens". Nach wie vor ist es unmöglich vorherzusagen, wann die Gläubiger mit einem Staat, einer Bank die Geduld verlieren. Die Instrumente der Geldwirtschaft haben sich dramatisch verändert, aber die Menschen machen immer noch denselben Fehler: Sie missachten im Boom die klassischen Warnzeichen, weil angeblich "dieses Mal alles anders" sei. Mal wird auf den technologischen Fortschritt verwiesen, mal auf kluge Wirtschaftspolitik, mal auf neuartige Finanzierungsformen oder Fortschritte der Volkswirtschaftslehre - am Ende steht immer die Krise, der schlagartige Kollaps des Vertrauens. Ja, so ist es wohl. Gier frisst Hirn, ist die einfache Formel für einen Börsencrash und Aktienrun. Und deswegen ist es auch gar nicht so merkwürdig, dass sich als Ursachen in all den Jahrhunderten für die Banken – und Schuldenkrisen dieselben Auslöser finden. Durch den Vergleich von Hunderten von Bankkrisen haben die beiden Professoren herausgefunden, dass es ausgeprägte Ähnlichkeiten im Vorfeld gibt: Deregulierung der Kapitalmärkte, hohe Kapitalzuflüsse in ein Land und ein starker Anstieg der Immobilienpreise. Das Kapital fließt gerne in Märkte mit geringer Regulierung und hoher Rendite. Und es wiederholt sich immer wieder, dass auf Bankenkrisen ein sprunghafter Anstieg der Staatsverschuldung folgt. Wir erleben es gerade wieder. Es war eben nie anders! Wir alle, die wir schnell Geld an den Börsen verdienen wollen, sehen die Zeichen an der Wand nicht. Die immer gleich sind. Wer sehen will, kann sehen, könnte man auch sagen. Oder in der modernen Sprache: Wir lassen uns gern durch moderne Technik ein X für ein U vormachen, wir sind allzu gern bereit für die großen Illusionen der Finanzwelt. Denn ein Blick zurück zeigt uns: Im 19. Jahrhundert gab es 84 Staatspleiten, im 20. Jahrhundert 128. Und weltweit gab es 48 Hyperinflationen, was nur eine andere Form des Staatsbankrotts ist. Wer dieses Buch aufmerksam liest, kann nicht nur die Fakten studieren, sondern vor allem sehen, welche Ursachen den Krisen zugrunde lagen. Und dabei feststellen: Es war nie anders. Wenn wir daraus lernen würden, bleibt uns vielleicht die nächste Krise erspart.

Reinhart, Carmen M. & Rogoff, Kenneth S.: Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen. Finanzbuch Verlag 2011. 576 Seiten. 34,90 Euro. ISBN: 978-3-89879-564-7