Donnerstag, 23. Februar 2012

Von: Claudia Hangen

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Nikos Dimou | Philosoph | Über das Unglück ein Grieche zu sein | Kultur | Europa | Griechenland | europäische Identität
Nikos Dimou über die griechische Identität

Europa zwingt zu ständigem Dazulernen

Wer Europa verstehen will, muss sich mit den nationalen Identitäten auseinandersetzen. Dabei ist die Frage der Schuldenbremse eigentlich nur der kleinste gemeinsame Nenner. Europa baut auf wenigen Gemeinsamkeiten, aber vielen kulturellen Unterschieden auf. Das neue Buch des griechischen Philosophen Nikos Dimou über die Identität der Griechen zeigt die Messlatte, an der das Verstehen europäischer Identitäten gemessen wird.

Für ein Europa der Identitäten

Nikos Dimous
„Wenn ein Grieche von Europa spricht, schließt er Griechenland automatisch aus..." (Foto: Verlag Antje Kunstmann)

Inmitten der Finanzkrise Europas, die die 27 Nationalstaaten vor eine Zerreißprobe stellt, werden kritische Stimmen europäischer Bürger laut. Allen voran die Jugend, die Europa sinnvoll findet und nach politischen Partizipationsmöglichkeiten sucht. Laut einer Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik im Sommer 2011 unter 6.500 Jugendlichen zwischen 18 und 26 Jahren kritisierten jedoch zwei Drittel der Befragten, dass sie sich über Europa nicht gut informiert fühlten. Europa und seine Politiker machten die in Brüssel beschlossenen komplizierten Sachverhalte nicht genügend transparent.

Hat Europa ein Vermittlungsproblem?, fragte deshalb kürzlich der Jurist und ehemalige Europa-Korrespondent der ZEIT Jochen Bittner bei einem Vortrag in Hamburg. Das Vermittlungsproblem Europas gipfelt seiner Ansicht nach darin, dass die EU-Themen zu komplex, die Verantwortlichkeiten nicht identifizierbar und die Folgen der Gesetze und Verordnungen nur mittelbar seien. Europa hat noch keine europäische Öffentlichkeit, so die Grundsatzkritik Bittners. Europa wird nicht in Brüssel, sondern in den Heimatländern der EU-Ratskommissare diskutiert. Europa bestünde nicht aus einer, sondern aus eben 27 europäischen Öffentlichkeiten. Das Europa der Bürger sucht man in der Beamten- und Journalistenstadt Brüssel vergeblich. Man findet es hingegen in Paris, in Berlin, in Rom, in Lissabon, in Athen etc., in den Schriften der jeweils nationalen Dichter und Schriftsteller, in den historisch einmalig gewachsenen Städten auf der jeweils nationalen Bühnenöffentlichkeit.

So kann es kaum verwundern, dass im Europa der 27 die Debatte nach der jeweils nationalen Identität eines EU-Mitgliedslandes immer wieder aufflammt. Gerade, wenn einsilbig und oberflächlich vom Europa der zwei Geschwindigkeiten oder von den sogenannten starken oder schwachen EU-Ländern in der Finanzkrise die Rede ist und sich ein EU-Land finanzpolitisch in die Enge gedrängt fühlt. Ist Europa nicht aus einer reichen europäischen Geschichte heraus gewachsen, die bei all den Sorgen um Kredite und Rückzahlungen doch nicht vergessen werden sollte?

Griechenland – die Wiege Europas

Kein Geringerer als der griechische Philosoph Nikos Dimou erinnert in seinem nun erstmals in deutscher Sprache veröffentlichen Aphorismenband "Über das Unglück, ein Grieche zu sein" an diese wertvollen historischen Grundlagen der europäischen politischen und wirtschaftlichen Gemeinschaft.

Dimou ist gebürtiger Athener, ausgewiesener Kenner und Liebhaber Griechenlands, seiner Geschichte und der Mentalität seines Volkes. Der Essayist, Satiriker und Kolumnist überregionaler griechischer Tageszeitungen spricht mit seiner provokativen These, warum die Griechen so unglücklich sind, unterschwellig genau diese bisher ungeklärte Frage nach der fehlenden europäischen Öffentlichkeit an. Denn Griechenland wird zwar wie Deutschland, Frankreich oder Italien von Brüssel aus regiert, doch nicht in Brüssel, sondern auf nationaler Ebene je nach Befinden diskutiert und dabei in seiner Identität missverstanden.

Vom Europabild der Griechen

Dass die Diskussion der europäischen Nationalstaaten über Griechenland am Griechen nicht spurlos vorbeigeht, zeigt dessen Europabild: "Wenn ein Grieche von Europa spricht, schließt er Griechenland automatisch aus. Wenn ein Ausländer von Europa spricht, ist es undenkbar für uns, dass er Griechenland nicht mit einschließt", schreibt Nikos Dimou. Der Grieche fühlt sich also nicht als Europäer, sondern als Außenseiter. Dimou zeichnet hiermit ein tragisches Szenario des griechischen Selbstbildes. Ein Bild, das nicht nur dem Griechen, sondern vor allem dem Europäer zu denken geben und ihn daran erinnern sollte, welche kulturelle Strahlkraft von Griechenland auf Europa wirkt. Doch wer sind die Neugriechen, die das Erbe der Antike nicht nur für Touristen verwalten, eigentlich?

Von der griechischen Identität

Dimous Antworten zur griechischen Identität sind kurz, rhetorisch prägnant und teils sehr provokativ. Die Unterjochung Griechenlands aus dem Orient habe dazu geführt, dass sich die Griechen unterschiedliche Gesichter, so auch das Europäische, haben nur aufsetzen lassen, ohne an ihre eigene Identität zu glauben. Ein Problem auch der wirtschaftlichen Selbstbehauptung im Kreise der starken Europäer des kleinen Agrarlandes, dessen einzige Reiche die Reeder sind. Und so habe sich anstelle der andernorts erfolgten normalen Entwicklung des Nationalstaates ein griechischer Nationalkomplex entwickelt, der in der Mentalität gipfelt, Sicherheit in der Übertreibung zu suchen. Dimous These "Über das Unglück, ein Grieche zu sein", der hauptsächlich deswegen unglücklich ist, weil er nicht weiß, wer er ist, beantwortet der philosophische Skeptiker geschickt mit einer berühmten Gegenthese der antiken Philosophie, dass das Glück des Griechen – und wohl nicht nur des Griechen - darin bestünde, sich zu fragen, wer er ist und was er wirklich will.

Nikos Dimous Klassiker aus dem Jahr 1975 "Über das Unglück, ein Grieche zu sein" ist nun im Verlag Antje Kunstmann, erstmals in deutscher Übersetzung von Maro Mariolea erschienen und führt derzeit die Bestsellerlisten an. 71 Seiten, 7,95Euro.