Donnerstag, 22. März 2012

Von: Redaktion

Seite ausdrucken
Schließen
Versende diesen Artikel
Send this form
Social bookmarks:
bookmark at mister wongpublish in twitterbookmark at del.icio.usbookmark at digg.combookmark at furl.netbookmark at linksilo.debookmark at reddit.combookmark at spurl.netbookmark at technorati.combookmark at google.combookmark at yahoo.combookmark at facebook.combookmark at stumbleupon.combookmark at propeller.combookmark at newsvine.combookmark at jumptags.com
Keywords:
Bundespräsident | Stasi | Joachim Gauck | Begegnungen mit Joachim Gauck | Bürgerrechtler | Dieter Bub
Der neue Bundespräsident

“Begegnungen mit Joachim Gauck”

Seit Sonntag ist Joachim Gauck unser neuer und damit 11. Bundespräsident. Im Gegensatz zu seinem Versuch vor zwei Jahren, als er sich für das Amt des Bundespräsidenten zur Wahl stellte und Christian Wulff unterlag, war seine Kandidatur dieses Mal von breiter Zustimmung begleitet. Trotzdem gibt es auch kritische Stimmen, denn bekannt ist der Politiker vor allem als erster Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Der Journalist Dieter Bub, der Gauck und dessen Vater bei Filmdokumentationen begleitet hat, hat sich auf Spurensuche begeben. Bei Gegnern und Befürwortern, bei Freunden und auch ehemaligen Wegbegleitern und bei DDR-Bürgerrechtlern. Dieter Bub spricht über das Buch “Begegnungen mit Joachim Gauck”.
Joachim Gauck
Der Autor Dieter Bub sieht in der Autobiografie von Joachim Gauck "schon ein paar Grauzonen" die er in seinem Buch zu erleuchten versucht. (Foto: Mitteldeutscher Verlag)

European Circle: Was war der Auslöser, weshalb haben Sie überhaupt dieses Buch über Herrn Gauck geschrieben?

Dieter Bub: Auslöser war natürlich die Kandidatur: An dem Tag an dem ich das erfahren hab, habe ich gesagt, wir haben wunderbare Unterlagen, wir haben sehr gute, große Interviews mit ihm geführt. Das war schon immer sehr spannend. Er ist eine sehr eloquente Persönlichkeit, die auf den Punkt redet. Der Rahmen dieses Buches ist: Ein Tag mit Joachim Gauck in Wustrow, seiner Heimat, direkt an der Ostseeküste. Dort sind wir mit ihm am Strand spazieren gegangen. Waren an dem Ort an dem sein Vater verhaftet wurde und nach Sibirien geschickt worden ist. Dazwischen sind seine original Töne aus den Interviews die ich mit ihm aufgenommen habe. Und dort hinein sind dann die Äußerungen von Gegnern, von Wegbegleitern, auch von Mitgliedern seiner evangelischen Kirchengemeinde in Rostock und von einem Pastor aus Rostock eingefügt worden.

European Circle: Sie sind also richtig in die Recherche gegangen und haben geschaut wer sind Befürworter, wer sind Gegner Joachim Gaucks?

Dieter Bub: Es gibt in seiner Autobiografie schon ein paar Grauzonen, wo ich meinte die müsste man ein bisschen aufhellen.

European Circle: Unter anderem das er Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde war. In wieweit gehen sie auf dieses Thema ein?

Dieter Bub: Dazu hat er sich in machen Bereichen nie richtig geäußert. Joachim Gauck ist ein spät Berufener. Er ist ganz spät in die Politik gegangen, er hat sich in die Öffentlichkeit gewagt als der Untergang der DDR schon ganz sicher war. Dann ist er der Chef der Stasi-Unterlagen- Behörde geworden und hat ehemalige Stasimitarbeiter in die diese Behörde geholt. Das ist noch immer ein Problem, weil sein Nach-Nachfolger jetzt versuchen muss diese Leute wieder herauszubekommen aus dem Amt, weil es sich nicht gehört. Bei diesen Recherchen bin ich auf einen Namen einer Frau aus Schwerin gestoßen, Jutta Schuster. Sie war eine FDJ-Sekretärin an der Schule, natürlich in der SED, ganz klar. Sie ist in Schwerin angetreten und wollte die Unterlagen über die formellen Mitarbeiter vernichten lassen. Und diese Jutta Schuster hat Gauck dann hier nach Berlin geholt, in die Behörde und hat ihr dann dort eine wichtige, bedeutende Aufgabe übertragen. Der sie bis zum vergangenen Jahr nachgegangen ist. Da fragt man sich warum eigentlich.

European Circle: Wie ist das heute, wie geht Joachim Gauck überhaupt mit diesen Themen, gerade mit seiner Vergangenheit als Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde um? Macht er da alles richtig, er legt ja doch eigentlich alle Karten auf den Tisch und sagt: ja das war so. Aber trotzdem sagen Sie, er nimmt nicht richtig Stellung.

Dieter Bub: Es gibt schon einige Themen um die er sich auch in dieser Zeit nicht gekümmert hat. Zum Beispiel hat der ehemalige Schriftsteller und DDR oppositionelle Jürgen Fuchs, der ja auch unter der Staatssicherheit extrem gelitten hat, Joachim Gauck Vorschläge gemacht, dieses Amt anders, öffentlicher, intensiver zu verwalten. Das hat Gauck abgelehnt und sozusagen vom Tisch geschoben. Da gibt es mehrere solcher Punkte die in dem Buch von Kennern der Szenerie unter anderem von Prof. Dr. Manfred Wilke beschrieben sind.

European Circle: Sie haben im Vorfeld gesagt, dass zweite zentrale Thema neben der Stasi-Geschichte, sei die Frage ob Joachim Gauck ein Bürgerrechtler ist oder nicht. Damit haben Sie sich ebenfalls intensiv befasst.

Dieter Bub: Das ist sehr schwierig. Ich bin der Meinung, dass er sich mit diesem Titel geschmückt hat und sich damit auch hat schmücken lassen. Der Begriff des Bürgerrechtlers kommt ja eigentlich aus der Sowjetunion, fand sich dann anschließend 1977 in Prag wieder, danach bei Solidarność. In der DDR gab es eine ganze Reihe von Leuten, unter anderem Rainer Eppelmann, aber auch Robert Havemann und Heiko Lietz in Rostock, die sich aus dem Fenster gelehnt haben, die in die Öffentlichkeit gegangen sind, sich aus dem Schutz der Kirche nach draußen bewegt haben und gesagt haben wir wollen diesen Staat verändern. Wir wollen ihn demokratischer machen, wir wollen einen demokratischen Sozialismus. Dafür sind sie verfolgt worden, zum Teil ins Gefängnis gegangen, erpresst worden. Man hat immer wieder versucht sie in der Öffentlichkeit als Gegner der SED, der DDR hinzustellen. Das sind Bürgerrechtler gewesen. Joachim Gauck ist da erst ganz spät drauf gestoßen und ist es dann Ende 1989, kurz vor dem Fall der Mauer geworden.

Bub, Dieter: Begegnungen mit Joachim Gauck, Der Mensch. Sein Leben. Seine Überzeugungen; Mitteldeutscher Verlag 2012; 160 Seiten; ISBN 978-3-89812-923-7; 9,95 Euro