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War Caligula ein Wahnsinniger?

- In seinem Werk "Caligula" entlarvt Prof. Winterling die Doppelgesichtigkeit der römischen Senatsaristokratie. (Foto: C. H. Beck Verlag)
Vom römischen Kaiser Caligula kennen wir alle die Geschichte mit seinem Pferd, das er zum Konsul ernannte. Und wir glauben zu wissen, dass er ein geisteskranker, wahnsinniger Herrscher war, vor dem weder Staat noch Menschen sicher waren. Caligula folgte dem greisen Kaiser Tiberius. Er war 76 Jahre alt, als er starb. Caligula war gerade mal 25 Jahre, als er vom Senat als Kaiser bestätigt wurde. Seine Amtszeit war kurz. Nur knapp vier Jahre waren ihm gegeben, dann fiel er einem Attentat zum Opfer. Gaius Julius Caesar Germanicus war sein echter Name, doch hatten ihm die Soldaten den Namen "Caligula“ verliehen, was bedeutete: Soldatenstiefelchen. Caligula war von seiner Herkunft schon früh für hohe Ämter auserkoren. Er wuchs inmitten von Soldaten, Politikern und Strippenziehern auf. Er kannte also das Politgeschäft. Und hat offenbar schon als Kind und Jugendlicher gespürt, wie man mit den Senatoren und all den eitlen römischen Aristokraten umgehen muss. So passte sich der junge Caligula schnell allen Strömungen an. Und es fiel dabei offenbar niemanden auf, dass er krank war und dass er die Dinge anders sah, als die Senatoren glaubten, dass er sie sehen sollte. Caligula war Epileptiker. Das wurde dann später zu einer der Hauptbegründungen für seine „Geisteskrankheit“. Zwar handelte Caligula in den ersten Monaten und im ersten Jahr seiner Regentschaft noch durchaus vernünftig und jedenfalls verständlich, aber spätestens nach einer Krankheit im Herbst 37 zeigte er psychopathische Züge. Er wollte sich überall als Gott verehren lassen. Dann begann er, das Staatsvermögen gänzlich zu verschleudern. Seine Schwester wollte er heiraten und sein Pferd machte er zum Konsul. Nach vier Jahren war es dann den Römern zu viel. Ein Anschlag gelang. Caligula war tot. Und noch immer diskutiert die Welt darüber, ob er nun wirklich geisteskrank war oder nur das "System“ in Rom exzessiv zum persönlichen Nutzen ausgenutzt hat? Aloys Winterling, Professor an der Humboldt-Universität in Berlin, stellt Caligula in seine Zeit und beurteilt dessen Verhalten aus dieser Zeit heraus und kommt zu anderen Schlüssen. Denn seine Thronbesteigung wurde begeistert in den Provinzen gefeiert wie wir in den zeitgenössischen Quellen nachlesen können. Die politischen Gefangenen wurden amnestiert. So machte Gaius oder Caligula gleich zu Beginn eine gute Figur. Erst Tacitus schreibt knapp 100 Jahre nach dem Tod des Kaisers erstmals von dem „irren“ Kaiser. Aber zu Lebzeiten des Kaisers kam niemand in Rom offenbar auf die Idee, ihn für wahnsinnig zu erklären. Wie sollte man auch? Gerade die Wortführer im Senat waren es, die bis zum Schluss das aristokratische Gefolge des Kaisers gebildet hatten, und mit der unglaubwürdigen Behauptung, einen Geisteskranken gedient zu haben, hätten sie sich und der Aristokratie insgesamt nur neue Peinlichkeiten eingebrockt. Das Wort „Wahnsinn“ wurde dann später eher als Schimpfwort benutzt, um Unmoral und Durchbrechung aller aristokratischen Konvention zu geißeln. Die Geschichte machte dann aus dem Schimpfwort "Wahnsinniger“ eine Realität. So entlarvt Prof. Winterling von der Humboldt-Universität in Berlin die Doppelgesichtigkeit der römischen Senatsaristokratie. Und der Mythos vom wahnsinnigen Kaiser verschwindet zugunsten historischer Klarheit. Caligulas Politik gewinnt scharfe Konturen und eine eindeutige Zielrichtung – die Durchsetzung einer offenen Alleinherrschaft. Und weil dies den nachfolgenden Generationen der römischen Aristokratie nicht gefallen konnte, wurde aus dem Alleinherrscher ein wahnsinniger Despot. Ein sehr interessantes Buch zur römischen Geschichte.
Winterling, Aloys: Caligula, Eine Biografie; Beck 2012; 208 Seiten; ISBN-10 3406502067; 14,95 Euro









