Dienstag, 3. April 2012

Von: Redaktion

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Keywords:
Integration | Vorurteile | Inan Türkmen | Wir kommen | Kultur | Türkei | Österreich | Rassismus
Inan Türkmen über Innere Immigration

"Wir kommen"

Integration pur! Immer mehr Einfluss nehmen die Mitmenschen türkischer Abstammung in Mitteleuropa. Inan Türkmen spricht darüber in seinem neuen Buch "Wir kommen" und antwortet damit provokant auf Thilo Sarrazin. Inan selbst ist in Österreich aufgewachsen, Autor und ein Vertreter der zweiten Generation.
"Wir kommen"
In "Wir kommen" schreibt Inan Türkmen über die positiven Seiten der türkischen Immigration. (Foto: Edition a Verlag)

European Circle: Wieso hielten Sie es für nötig, so ein Buch zu schreiben?

Türkmen: Ich fand, dass Aufklärungsbedarf herrschte. Ich bin in Österreich geboren und aufgewachsen, habe aber trotzdem nie meine Wurzeln vergessen. Das heißt, ich bin in beiden Ländern und in beiden Kulturen verankert. Es gefiel mir nicht, dass man immer nur Negatives über die Türkei gehört hat. Das Land hat viele negative Seiten, über die auch immer wieder berichtet werden muss. Aber dass es nur negative Berichte gab, fand ich schrecklich. Also habe ich meine persönliche Erfahrung und meine Sicht auf die Türkei wiedergegeben.

European Circle: Wovon handelt Ihr Buch?

Türkmen: Es ist eine Geschichte über Alltagserfahrungen, die dann in Thesen nochmals aufgegriffen werden. Ich hoffe, dass diese die Türkei in ein positiveres Licht rücken. Es gibt viele interessante Sachen, die man so vielleicht nicht kennt und von denen man noch nie gehört hat.

European Circle: Sie sprechen in Ihren Buch oft von "den Türken" als eine Gruppierung. Bedienen Sie damit nicht auch selber Klischees?

Türkmen: Ich wusste nie, ob ich ein "wir" oder ein "ihr" bin. Ich dachte jahrelang, ich bin Österreicher bis ich mit Vorurteilen und Rassismus konfrontiert wurde. So musste ich mir die Fragen stellen, bin ich ein Türke, ein Ausländer, ein Tourist? Das war mir nie ganz klar, daher habe ich das auch im Buch verarbeitet.

European Circle: Sie benutzen in Ihrem Buch den Begriff "Innere Immigration". Was meinen Sie damit?

Türkmen: Wenn sich eine Person in ihre eigene Welt zurückzieht, weil sie aus Angst oder aus anderen Gründen nicht mit der Gesellschaft klar kommt, dann muss die Frage gestellt werden, warum sich die Person so zurück zieht.

European Circle: Sie beobachten das wahrscheinlich schon Ihr ganzes Leben. Wann haben sie beschlossen das alles niederzuschreiben?

Türkmen: Der Alltagsrassismus hat sich einfach zugespitzt und ich hab es nicht mehr ausgehalten. Ich hatte viele krasse Erlebnisse in Österreich. Aber auch in Berlin wurde ich mal ziemlich heftig von einem Betrunkenen in der U-Bahn angemotzt, obwohl ich dachte Berlin ist da eher liberal. Daher musste einfach vieles raus.

European Circle: Wie viel Recherche haben Sie betrieben?

Türkmen: Das Buch ist klein und kompakt, es hat nur 95 Seiten. In der Anfangszeit war ich viel mit der Recherche beschäftigt. Aber im Großem und Ganzem habe ich fünfeinhalb Monate für das ganze Buch gebraucht.

European Circle: Haben Sie schon Feedback bekommen?

Türkmen: Es gab viele unterschiedliche Reaktionen, darunter auch viel Negatives. Das hat auch das bestätigt, was ich mir gedacht hatte. Ich habe mich bemüht, es positiv zu schreiben und dann endet alles darin, dass gesagt wird, die Türken sind schlecht integriert. Es gibt ein Integrationsproblem, aber ich habe keinen Integrationsbericht geschrieben. Wenn mich dann ein Türke auf der Straße anspricht und sich für mein Buch bedankt und dafür, dass ich mich getraut habe, über etwas Gutes zu schreiben, dann baut mich das unglaublich auf. Es gab also auch viel positives Feedback.

European Circle: An wen wendet sich das Buch?

Türkmen: Ich hab das Buch für mich geschrieben. Aber wenn man es auf eine Gruppe klassifizieren will, dann ist es für all diejenigen, die immer nur den einen Weg gehen und nie nach links und nach rechts sehen. Es soll die Frage aufwerfen, wie geht man damit um, in einem Land zu leben, in dem es viele Nationen, Religionen und Kulturen gibt. Die letzten Jahre haben wir damit verbracht, uns gegenseitig aufzuhetzen. Irgendwann muss mit diesen Schuldzuweisungen Schluss sein.

Türkmen, Inan: Wir kommen; Edition a Verlag; Wien 2012; 96 Seiten; ISBN: 978-3-99001-031-0; 14,90 Euro