Europa der zwei Geschwindigkeiten?

- In der Slowakei lag die Wahlbeteiligung nur bei 19,6 Prozent (Foto: Florentine / pixelio.de)
Denn die Wahlbeteiligung hat sich insgesamt um 1,3 Prozentpunkte auf 43,1 Prozent reduziert, und im Vergleich der einzelnen Länder gibt es gravierende Unterschiede. Wahlbeteiligungen wie in der Slowakei (19,6 Prozent), Litauen (21,0 Prozent) oder Polen (24,5 Prozent) verdeutlichen eine Kluft, die eine alte Forderung wieder hat aufleben lassen: Es geht um das „Europa der zwei Geschwindigkeiten“. Das ist, mit anderen Worten, der Ruf nach einem „Kerneuropa“, in dem Länder kooperieren können, ohne von anderen blockiert zu werden, die ihre europäischen „Schulaufgaben“ bislang nur unzureichend gemacht haben. Diese politischen Überlegungen, und das bestärkt die Verfechter, ist indessen auf einigen Politikfelder in Europa längst Realität, wie Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zeigen.
Europa der Egoismen?
Es ist nur zwei Jahre her – es war in den Tagen nach dem seinerzeitigen Brüsseler Gipfel unter der Leitung der EU-Ratspräsidentin Angela Merkel. Da machte sich ziemlicher Ärger darüber breit, mit welcher Chuzpe Staaten wie Polen und Großbritannien ihre Interessen vertraten und den Entwurf für den EU-Verfassungsvertrag zerfledderten. Der damalige italienischen Ministerpräsident Roman Prodi, ehemals EU-Ratspräsident, sprach seinerzeit laut aus, was etliche seiner Kollegen dachten, aber aus diplomatischen Gründen, der äußeren EU-Einheit wegen, nicht auszusprechen wagten: Europa brauche zwei Geschwindigkeiten, sagte Prodi im Zorn, und müsse sich teilen. Staaten, die „europäisch“ mehr wollten, müssten ungehindert voranschreiten können. Nach seiner Auffassung waren seinerzeit die Interessenunterschiede zu groß, das Interesse in der Bevölkerung einige EU-Staaten zu gering, um Großprojekte auf den Weg zu bringen. Eine kleine Minderheit könne vorschreibe, was gehe oder nicht. Es war seinerzeit kaum überraschend, dass ein anderer eingeschworener Europäer, Luxemburgs Premier Juncker, anschließend ins gleiche Horn stieß.
Kerneuropa mit Sogwirkung

- Zusammen mit Karl Lamers hatte Wolfgang Schäuble die Idee eines Kerneuropas schon 1994 (Foto: commons.wikimedia.org/Wici, gemeinfrei)
Beider Vorstellungen waren nicht neu. Schon vor jetzt 15 Jahren, 1994, hatten die beiden deutschen Christdemokraten, nämlich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und der Außenpolitiker Karl Lamers die Idee eines „Kerneuropa“ in einem Papier skizziert, das beider Namen trägt. Sie formulierten es so: „Ein Kern von integrationswilligen Staaten schreitet voran. Ihr Erfolg entfaltet eine Sogwirkung auf andere Staaten, die später nachziehen“. Sie benannten seinerzeit auch die Staaten, die ein solches, Sogwirkung bewirkendes Kerneuropa bilden könnten: Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Luxemburg. Aber auch Irland, Finnland, Belgien und Österreich könnten „in wirtschaftlichen Fragen vorausdenken“. So sah das Schäuble-Lamers-Papier einen letztendlich positiven Sinn im „Europa der zwei Geschwindigkeiten“.
Europa der Extrawürste
Ohne dass es offen ausgesprochen wurde, waren in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten unterschiedliche europäische Geschwindigkeiten längst Realität geworden. Denn immer wieder blieben Staaten stehen, wenn andere vorausgingen. Großbritannien unterschrieb im Jahr 1993 das Sozialprotokoll nicht, das Arbeitnehmerrechte in der EU festschrieb. London, Stockholm und Kopenhagen blieben dem Euro freiwillig fern. Und dem Schengener Abkommen, das freies Reisen erlaubt, traten zunächst nicht alle Staaten bei. Auch die Grundrechtscharta war kein Projekt aller Staaten; so setzte London durch, dass sie nicht das britische Haus erfasste. Zahlreiche Richtlinien, beispielsweise in der Umweltpolitik, enthalten Ausnahmeregelungen, weil sie nur für bestimmte Staaten gelten.
Verantwortung der Medien

- Durch kontinuierlichere Berichterstattung könnte die Wahlbeteiligung steigen (Foto: Jeger / pixelio.de)
Spötter sagen, das europäische Haus enthalte zahlreiche Notausgänge. Im Sommer 2009 zeigte sich der (scheidende) Präsident des Europaparlaments, der Deutsche Hans-Gert Pöttering, enttäuscht über die Wahlbeteiligung. Aber er setzt offenbar auf Sogwirkungen und somit auf eine bessere Zukunft. Man müsse sichergehen, dass beispielsweise die Medien in den kommenden Jahren kontinuierlich über die Arbeit des Europaparlaments berichten. Dann sei er sicher, dass die Wahlbeteiligung – damit die Zustimmung zu Europa – in 2014 steigen werde.
[KS]









