Mittwoch, 2. Dezember, 2010

Von: Klaus Schwehn

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Schweiz | Minarett | Volksabstimmung | Eidgenossen
Volksabstimmung bei den Eidgenossen

Die Schweizer und „ihre“ Minarette

Die schweizer "Volksseele" sieht die Eidgenossenschaft nicht als Land der Immigranten (Foto: commons.wikimedia.org/Hardcoreraveman, gemeinfrei)

Der erfolgreiche Volkentscheid der Schweizer Bürger gegen den Bau neuer Minarette im Land hat bei vielen – bevor der Sturm der Entrüstung international losbrach – zunächst blankes Erstaunen ausgelöst. Eine Reaktion nach dem Motto, dass solches ausgerechnet bei den Eidgenossen eigentlich nicht möglich sein könne. 
Solches Erstaunen speist sich aus einem Blickwinkel, den schon Friedrich Schiller in seinem „Wilhelm Tell“ gezeichnet hat mit den hehren Worten „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern“. Die Wirklichkeit aber ist anders. Die hat der Journalist der Zürcher „Weltwoche“, Willi Wottreng, schon in seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch „Ein einzig Volk von Immigranten“ verdeutlicht: Er sagt, wohl zu Recht, „die Schweiz ist ein Produkt von Immigrationswellen, ein Konglomerat aus heute integrierten einstigen Minderheiten“. Gegen diese Wahrheit aber sträube  sich die Schweizer Volksseele heute – und reagiere brüsk mit Abwehr neuen Immigranten gegenüber.

Mahnung an die Schweizer Behörden

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, was das dem Europarat zugehörige Europäische Komitee gegen Rassismus und Intoleranz (Ecri) in seinem Länderbericht 2009 betont: Insbesondere Immigranten aus den Balkanländern, Muslime und Schwarzafrikaner seien in der Schweiz einer verbreiteten Diskriminierung ausgesetzt. Ihnen werde der Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt besonders schwer gemacht. Auch seien Schüler aus Migrantenfamilien stärker benachteiligt. Das Komitee hat deshalb in seinem Bericht vom September 2009 die Schweizerischen Behörden unmissverständlich aufgefordert, allen jungen Menschen im Lande in der Bildung und bei der Arbeitssuche gleiche Chancen zu bieten.

Parteien mit „rassistischem Diskurs“

Minarette sind die Türme der moslimischen Gotteshäuser, von denen fünfmal täglich zum Gebet gerufen wird (Foto: tokamuwi / pixelio.de)

„Besorgniserregend“ nannte das Komitee die fremdenfeindlichen Äußerungen der „rechtsextremistischen Partei SVP“ – die auch den jüngsten Entscheid gegen den Bau neuer Minarette initiiert hatte. Mit ihrem „rassistischem Diskurs“ habe die Partei wesentlich zur Verschlechterung des Klimas und zu einer „fremdenfeindlichen Atmosphäre“   beigetragen. Das Komitee des Europarates, das in regelmäßigen Abständen die Situation in den 47 Mitgliedstaaten überprüft, sah schließlich in den Schweizer Medien eine zunehmende „ausländerfeindliche Stereotypisierung“.

Der Calvinismus steckt noch im Blut

Das „einzig Volk von Immigranten“, das sich gegen Immigranten wendet, nach Ansicht des früheren Basler Theologen Karl Barth auch in einiger Selbstgerechtigkeit, trägt in diesem Zusammenhang nach Auffassung von Soziologen in seiner Rigorosität zusätzlich ein gut Stück Erbe des Calvinismus mit sich. Denn jener Johannes Calvin, dessen 500. Geburtstag in diesem Jahr 2009 gefeiert wurde, war ein unerbittlicher Religionsstifter, der sich in Wort und Schrift persönlich und vehement für Verfolgung und Verurteilung Andersgläubiger einsetzte. Stefan Zweig hat dies eindringlich beschrieben in seinem Buch „Castellio gegen Calvin“. Calvins Verhalten lässt sich wohl zum Teil damit erklären, dass die Prinzipien universeller Menschenrechte oder der religiösen Toleranz gegenüber Andersgläubigen im 16. Jahrhundert wenig Anhänger hatten. Aber auch heute begleitet der Calvinismus die Schweizer doch noch im Denken und Handeln.

[KS]

(Teaserbild: Dieter Schütz  / pixelio.de)