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Das EU-Parlament lädt zum Vorstellungsgespräch
Es wird spannend in Europas „Hauptstadt“: Barrosos Mannschaft stellt sich dem Europäischen Parlament. Letzte Woche begannen die Anhörungen der designierten Kommissare in Brüssel. Doch wie funktioniert das eigentlich genau? Wer genau darf wen befragen? Was wird gefragt und woran werden die Kandidaten gemessen?

- (Catherine Ashton "Hohe Repräsentantin" der EU und designierte Vice-Vorsitzende der EU-Kommission Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2009)
Raum JAN4Q2 ist im Europaparlament an diesem Montag ein nüchterner Konferenzsaal wie viele andere auf der Welt auch. An diesem Montag jedoch wimmelt es hier nur so von Journalisten; die Stühle der Abgeordneten sind bis auf den letzten Platz besetzt. Um 13.00 kommt sie, drängt sich in den Saal, ihr grauschwarzes Kostüm passt gut zu den dunklen Anzügen der Herren, denen sie sich gegenübersetzt: Frau Catherine Ashton. Etwas erhöht sitzen der Vorsitzende des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten und seine vier Stellvertreter vor ihr. Der Tisch davor ist für Frau Ashton reserviert, ein Schild weist ihren Rang aus: „Hohe Repräsentantin“ der EU. Eine Bewerbungsrunde der besonderen Art. So fühlt es sich also an, wenn die Geschiche Europas ein Stück weitergeschrieben wird. Natürlich auch von der Presse. Aber die muss freundlich, doch bestimmt, aus den ersten Reihen vertrieben werden. Die Fotografen haben ihre Arbeit getan - Frau Ashton und dem Ausschuss steht sie erst noch bevor.
Stellenausschreibung: Kommission 2009-2014
Der Bewerbungsprozess für die Kommission 2009-2014 hatte einen langen Vorlauf, er begann schon Ende September des letzten Jahres. Als klar war, dass auch der tschechische Präsident und Eu-Skeptiker Vàclav Klaus den Lissabon Vertrag unterschreiben würden, setzte sich Kommissionspräsident José Manuel Barroso ins Flugzeug und begann damit, sein Team für die nächsten fünf Jahre aus den Mitgliedsländern zusammenzutrommeln. Barroso war viel unterwegs in den letzten Monaten, schließlich will die Besetzung der „Top-Management Jobs“ wohlüberlegt und mit allen möglichen Bedenkenträgern abgestimmt sein. Denn es sind die Mitgliedsstaaten, die in eigener Verantwortung diejenigen Persönlichkeiten nominieren, die sie für die Aufgaben "in Brüssel" für geeignet halten. Mit einer Ausnahme: Wer als "Hohe Repräsentantin" das Gesicht der künftigen Außenpolitik der EU sein sollte, da wollten von Merkel über Kaczynski bis zu Sarkozy alle mitreden. Es wurde die auch in Fachkreisen nahezu unbekannte Britin Catherine Ashton nominiert, bis dahin Kommissarin für Handel. Barroso stammt aus Portugal. England und Portugal hatten ihre Kandidaten damit also benannt. Fehlten "nur" noch 25 weitere Persönlichkeiten. Nach und nach kamen sie zusammen.
Nun galt es, die 26 unterschiedlichen Politikbereiche, von Wirtschaft über Kultur und Bildung bis hin zu Landwirtschaft, auf die Köpfe der Kommissionsanwärter zu verteilen. Also erst der Kopf, dann das Ressort, nicht etwa umgekehrt. Ein politisches Puzzlespiel für Herrn Barroso, in dessen Verantwortung diese feine Verteilung liegt. Was wem geben, was wem dafür nicht? Keine leichte Aufgabe auf diesem bunten Markt der europäischen Empfindlichkeiten. So zum Beispiel wird es nicht die Aufgabe unserer „Hohen Repräsentantin“ sein, sich um die Nachbarschafts-Politik der EU zu kümmern. Das erledigen nach wie vor andere. Auch die Entwicklungspolitik der Union wird nicht im Aufgabenfeld von Frau Ashton liegen. Viele in ein Amt gegossene "Ja-Aber", "Wenn-Dann", "Sowohl-als-auch". Europa wie es leibt und lebt eben. Ende November standen alle Kandidaten und die jeweiligen Portfolios glücklich fest.
„Was qualifiziert Sie für diesen Job?“

- (Foto:ec.europa.eu, Credit © European Union, 2009)
Frau Ashton ist zwar nun von den Mitgliedstaaten nominiert und Herr Barroso hat ihr den Arbeitsbereich abgesteckt. Aber damit hat sie noch lange keine feste Jobzusage. Die kann nämlich nur nach das Parlament geben. Und das will nicht bloß müde eine Liste abnicken. Im Gegenteil - Die Abgeordneten sind ausgesprochen neugierig: Bis zum 17. Dezember musste jeder der Kandidaten einen umfangreichen Fragebogen schriftlich beantworten. Die Damen und Herren Volksvertreter wollen schließlich wissen, wer da vor ihnen Platz nimmt und ein "Kommissar" zu werden begehrt. Was denkt er? Was will er? Was kann er? Wie lebt er? Insbesondere Angaben zur Unabhängigkeit von Unternehmen und Institutionen sind dabei gefragt.
Der Fragenkatalog
„Woran können wir sie in fünf Jahren messen, welche konkreten Vorschläge können wir von Ihnen erwarten?“ Egal wie die Antwort lautet, der "Sieger" steht schon fest, es ist die Frage selber. Irgendwann stand sie in einem Entwurf, einer der Europa-Abgeordenten hat sie auf einen Notizzettel geschrieben, später der Schreibkraft diktiert. Ebenso taten es seine 736 Kolleginnen und Kollegen. Einen ganzer Fragenberg kam so zusammen. Unmöglich, jede einzeln zu beantworten, kein Zweifel. Also wird gebündelt, gestrichen, zusammengefasst, umformuliert. Das Ergebnis findet der Vorsitzende des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten (AFET) eines Morgens im Anhang eines umfangreichen E-Mails in seinem Eingangspostfach. Auch seine Stellvertreter und Stellvertreterinnen stehen im CC, und die Fraktionsvorsitzenden im AFET natürlich auch. Die Fragen gehen noch einmal durch eine Mühle. Vieles wird gestrichen, ergänzt, verbessert. Das Ziel: Wie bringt man Frau Ashton und Co. am besten zu konkreten und klaren Aussagen? Frau Ashtons Nominierung als erste „Außenministerin“ der EU wurde in Brüssel nämlich kritisch gesehen: die englische Baroness habe zu wenig Erfahrung und vor allem zu wenig Gewicht auf dem glatten Parkett der Außenpolitik. Nun lag es im Ermessen der europäischen Volksvertreter, den Regierungen der Mitgliedstaaten zu demonstrieren, dass Politik in Brüssel nicht ohne sie gemacht werden kann. So fühlt sich Macht an.
Das Vorstellungsgespräch

- (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
Der Ausschussvorsitzende eröffnet die Anhörung und betont, dass es heute um eine „sehr wichtige, sogar symbolische Anhörung geht“. So erklärt er: „Sie, Frau Ashton, personifizieren die Neuheit der EU nach der Ratifizierung des Vertrages von Lissabon.“ Große Worte, mit denen die Volksvertreter und alle anderen Anwesenden auf das Vorstellungsgespräch der ersten „Außenministerin“ eingeschworen werden. Frau Ashton bedankt sich, dass sie hier sein darf und erklärt, sehr vage und unverfänglich, wie sie sich die Arbeit des Auswärtigen Dienstes vorstellt und worin sie ihre Hauptaufgaben für die kommenden fünf Jahre sieht. Danach haben die Fraktionen die Möglichkeit, eine kurze und klare Frage zu stellen, die nicht länger als eine Minute dauern darf. Darauf hat Frau Ashton das Wort. Sie kann damit machen, was immer sie will - nur nicht länger als zwei Minuten. Besteht dann noch Klärungsbedarf, können die Abgeordneten nachfragen, was immer in eine Sprechminute passt. Das darf man sich also nicht als gemütliches Geplauder vorstellen: Da läuft eine Stoppuhr. Ununterbrochen. Den ganzen Tag.
„Glückwunsch, Sie haben den Job!“
Das wollten Frau Ashton und ihre Mitbewerber eigentlich schon am 26. Januar hören, bevor sie offiziell zum 1. Februar mit ihrer neuen Tätigkeit anfangen sollten. Sie werden wohl noch warten müssen, denn der fein abgestimmte Zeitplan ist durcheinandergekommen. Das Parlament stimmt nämlich nicht über einzelne Bewerber ab, sondern nur über die Kommission als Ganzes. Alle oder keiner. Und eine ist schon raus: Die Kandidatin Bulgariens, die Noch-Außenministerin Rumjana Schelewa, konnte am Dienstag nicht hinreichend erklären, warum sie im Fragebogen unrichtige Angaben zu ihren persönlichen Verhältnissen gemacht und warum sie bestimmte Nebeneinkünfte verschwiegen hat. Da hat sie sich lieber zurückgezogen und gleich auch ihr Amt als bulgarische Außenministerin zur Verfügung gestellt. Als neue Kommissarin für humanitäre Hilfe schlägt die bulgarische Regierung nun die Vize-Präsidentin der Weltbank, Kristalina Georgiewa, vor. Der Fragebogen der europäischen Volksvertreter ist schon unterwegs zu ihr; im Anhang eines Mails mit vielen Namen im CC. Frau Georgiewasie braucht jetzt Zeit, um sich auf die Anhörungen im Parlament vorzubereiten. Das dauert also. Über die zukünftige „Außenmisterin“ der EU und die restlichen 25 Kommissare wird also erst zwischen dem 8. und dem 11. Februar endgültig abgestimmt. Bis dahin wird in Brüssel weiter im Ausnahmezustand gearbeitet. Und der Raum JAN4Q2 wird noch viele Kandidaten kommen und gehen sehen.
[LH]
(Teaserbild: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2009)









