Montag, 15. März 2010
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Palästina | Israel | Nahostkonflikt | Besetung | Trennung | Alexandra Senfft | Storytelling in Conflict
„Im Land der traurigen Orangen“

Zwei Friedenskonzepte im Nahostkonflikt

UN-Pressesprecherin und Nahostexpertin Alexandra Senfft
Alexandra Senff, UN-Pressesprecherin und Nahostexpertin (Foto: alexandra-senfft.de/Judah Passow)

Die UN-Pressesprecherin und Nahostexpertin Alexandra Senfft hat jahrelang in Israel, im Gaza-Streifen und der Westbank für die Vereinten Nationen gearbeitet und dabei eine besondere Einsicht in den Konflikt gewonnen. Unabhängig von den politischen Fortschritten in der Region vertritt sie aus der pyschologischen Perspektive eine Dialogtechnik ‘Storytelling in Conflict’, die langfristig den Boden für Frieden zwei Israeliten und Palästinensern bereiten könnte.

Der palästinensische Politiker und Mediziner Mustafa Barghuthi, wohnhaft in Ramallah, steht für eine friedliche politische Lösung: er baut an einer politischen Strömung, die ein unabhängiges, säkulares Lager außerhalb der starken Organisationen Fatah und Hamas bildet.

Politik der Besatzung

In Ostjerusalem, laut Völkerrecht palästinensisches Gebiet, geht trotz des von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verkündeten Teil-Baustopps für die Siedlungen im Westjordanland die Besiedlung palästinensischen Landes weiter. Der Jerusalemer Distriktrat für Planung und Bau hat kürzlich den Bau eines jüdischen Wohngebietes mitten im arabischen Viertel Shuafat im nördlichen Teil Ostjerusalems bewilligt. Der Konflikt um den Siedlungsbau veranschaulicht bei Palästinensern wie Juden das Problem der Fremdheit im eigenen Land. Dies machen auch die Begriffe "Unabhängigkeitskrieg" aus Sicht der Israelis bzw. der Naqba aus Sicht der Palästinenser deutlich. Das Ringen um Land und Leben hat für die einen Besatzung ergeben, für die anderen Sicherheit. Vor allem hat sie eines bewirkt: Die Trennung zweier Völker, die noch im vorletzten Jahrhundert friedlich zusammen gelebt haben. Sowohl Alexandra Senfft als auch Mustafa Barghuthi plädieren für eine starke Rolle der EU und der USA im Konflikt, um Druck auf die verfeindeten Bevölkerungen auszuüben.

In den neunziger Jahren bahnte sich nach dem Golfkrieg und der Ersten Intifada die Trennung zwischen beiden Bevölkerungsgruppen an. Die Israeliten wagten sich kaum noch in die palästinensischen Gebiete, obgleich sie vor der Ersten Intifada stetig an Wochenenden die billigen Nahrungsmittel in den besetzten palästinensischen Gebieten einkauften. Im Zuge der Osloer Friedensverhandlungen wurde die Trennung verschärft.

Politik der Trennung

Unter Yitzhak Rabin kam es zur Parzellierung der Westbank, welche auch die Trennung der Palästinenser voneinander zur Folge hatte. Rabin sah die Lösung des Nahostkonfliktes in der Abgrenzung der Israelis von den Palästinensern. Ariel Sharon verschärfte die Politik Rabins durch den Mauerbau. Seit 2002 wird die Mauer zwischen dem Kernland Israel und den besetzten Gebieten in der Westbank gebaut, wovon 60 Prozent der rund 250 Kilometer Grenze bereits fertiggestellt sind. Dadurch verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Palästinenser in den besetzten Gebieten, die Arbeitslosenrate stieg.

Das Elend nehme nun ein solches Ausmaß an, so dass der Abgeordnete im palästinensischen Legislativrat in Ramallah, Mustafa Barghuthi, bei einem Besuch in Hamburg von einem Apartheidssystem sprach, wodurch 80 Prozent der Bevölkerung im Gazastreifen unter dem Existenzminimum lebten und jeder „unter der Mauer, den Grenzübergängen und den Lieferungsstopps von Medikamenten“ leide. Der Friedensprozess sei ins Stocken geraten, eine Zwei-Staaten-Lösung kaum noch greifbar, so Barghuthi, der mit dem Arzt Haidar Abdel-Shafi, dem Menschenrechtler Ibrahim Dakkak und dem Literaturwissenschaftler Edward Said 2002 die Palästinensische Nationale Initiave Al-Mubadara Al-Wataniyya Al-Filistiniyya gegründet hat. Barghuthi steht für eine reformistische, demokratische Alternative zu den bestehenden Parteien und versteht seine Bewegung als dritten Weg zwischen Hamas und Fatah. Ihm geht es um die friedliche Lösung des Konfliktes zwischen dem palästinensischen und isrealischen Volk.

Die Blockade

Politik der Trennung
Israelische Mauer um Bethlehem (Foto: pixelio.de)

Der Mediziner Barghuthi, dessen Familie aus Deir Ghassaneh in der Umgebung von Ramallah im Westjordanland stammt, beobachtete vor allem die wachsende Ungleichheit zwischen beiden Völkern. Barghuthi kritisiert, dass den Palästinenser mit dem Verbot, die eigenen Straßen zu benutzen, sozusagen auch gleich die eigene Zukunft verboten wäre. Obgleich beide Völker in einem Land wie "unter einem Dach" zusammenlebten, verfügten sie nicht über die gleichen Rechte. Barghuthi, der bereits 1991 Delegierter der Madrider Konferenz war, vertritt zwar die Zwei-Staaten-Lösung als tragbaren Kompromiss zur Lösung des Konfliktes. Doch diesen Kompromiss, den die meisten Palästinenser und Israeliten in Meinungsumfragen befürworteten, sehe er als untergraben.

Die radikal-konfrontative Politik zwischen beiden Seiten habe sich zugespitzt, die Gefechte hätten zugenommen und die Siedlungspolitik sei fortgeführt worden. Auch die Jugendlichen seien nun desillusioniert. Verantwortlich für die politische Blockade seien die Gegner einer palästinensischen und israelischen Zukunft. Die Gegner der Zwei-Staaten-Lösung seien nicht innerhalb der Bevölkerungsmehrheit zu suchen, sondern im politischen Establishment, erklärt Mustafa Barghuthi. Die schweigende Mehrheit jedoch habe seiner Ansicht nach einen demokratischen Geist, der für „Freiheit, Pluralismus und die Wahrung der Menschenwürde“ einstehe.

Welches sind die politischen Wege aus der Blockade? Barghuthi schlägt drei Szenarien vor:

  1. Er spielt den Ball Israel zu und geht von der Einsicht der Regierung aus, dass die Politik der Besatzung beendet werden müsse und die Palästinenser das Recht auf ihren Staat hätten. Seine Vorstellung: Israel akzeptiert die Zwei-Staaten-Lösung und gewährt den Palästinensern Ost-Jerusalem als Hauptstadt.
  2. Die Zwei-Staaten-Lösung ist nicht mehr durchsetzbar. Es gibt nur noch die Ein-Staaten-Lösung. Die Siedlungen der Israeliten in der Westbank würden aufgegeben, die Palästinenser hätten ihr Zentrum in Haifa, und beide Völker lebten in einem Staat mit gleichen Rechten und Pflichten zusammen, nach dem Motto: „one person - one vote“.
  3. Die militärische Lösung: Die Siedlungspolitik wird wie gehabt fortgesetzt, die Apartheid dehnt sich weiterhin aus. Dies allerdings sei „ein Zustand, den die Palästinenser niemals akzeptieren werden“, so die Prognose Barghuthis.

Die Dialogebene

Einen ganz anderen Weg beschreitet die Nahostexpertin Alexandra Senfft: Er führt vorbei an politischen Interessen und verfolgt einen rein humanistischen Ansatz und geht gleichsam von der Basis aus: von den unmittelbar Betroffenen des Konfliktes nämlich. Senfft leitete von 1990 bis 1991 das UN-Medienbüro für Palästinaflüchtlinge UNRWA im Gaza-Streifen und war die einzige Deutsche in diesem Gremium. Durch ihre Arbeit als UN-Pressesprecherin vor Ort erlebte sie nicht nur täglich und unmittelbar den Konflikt, sondern kam auch mit allen wichtigen Persönlichkeiten in Kontakt und lernte ihre Lebensgeschichte verstehen: Durchweg Personen, die gleichsam vom Rand der Gesellschaft ausgehend Einfluss auf den Konflikt nehmen. Denn nichts sei schlimmer als abstrakte Urteile von Unbeteiligten, die nicht im Krisengebiet leben, urteilt der in London lebende Dokumentarfotograf Judah Passow bei einer Diskussionsrunde mit Senfft in Hamburg. Passow wurde für seine Fotos von der Mauer zwischen Israel und Palästina und aus dem Gaza-Streifen mehrfach mit dem World Press Award ausgezeichnet.

Die Ambivalenzen des Konflikts

„Vielleicht liegt die Lösung darin, dass es im Nahostkonflikt keine Eindeutigkeiten gibt und die Ambivalenzen auf beiden Seiten ausgehalten werden müssen“, erklärt Alexandra Senfft bei der Lesung aus ihrem Buch Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis. Denn die israelische wie auch die palästinensische Gesellschaft sei sehr vielschichtig: In Israel fließen vielfältige Strömungen zusammen:

  • europäisch westlich geprägte Juden,
  • Juden aus arabischen und muslimischen Ländern,
  • Juden aus Osteuropa und Russen
  • Äthioper
  • säkulare, orthodoxe und ultraorthodoxe Juden u.a.
Ambivalenzen des Konflikts
(Foto: alexandra-senfft.de)

Unter den Palästinensern gebe es neben Christen und Muslimen strenggläubige, säkulare, fundamentalistische, moderne und traditionelle Menschen. Sie verteilen sich auf den Gazastreifen, die  Westbank, das Staatsgebiet Israel oder leben im Exil. Sie alle lebten mit unterschiedlichen Erfahrungen, Werten und Normen und spiegeln nur einen Bruchteil der komplexen Gesellschaft auf beiden Seiten des Konflikts wider, so Senfft.

Und nicht nur die Gesellschaft sei vielschichtig. Auch der Konflikt selbst zieht sein enormes Potential aus den vielfältigen historischen und politischen Entwicklungen der Vergangenheit.

Genannt seien nur:

  • der Holocaust,
  • die Naqba (Vertreibung der Palästinenser),
  • der Zionismus
  • der palästinensische Nationalismus
  • die Interessen anderer muslimischer Staaten
  • die Interesse westlicher Staaten, namentlich der USA und der EU
  • das Ringen um Ölquellen und Erdgasvorkommen
  • das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Religionen
  • die ethnischen, sozialen, kulturellen Unterschiede der Bevölkerung
  • der Antisemitismus auf der einen, die Islamphobie auf der anderen Seite
  • der allgemeine Rassismus
  • der muslimische wie der jüdische Extremismus
  • der Kampf um Land und Ressourcen wie Wasser, um nur ein Beispiel zu nennen.

Diese explosive Mischung führt stets aufs Neue zu - höflich ausgedrückt - unterschiedlichen Dialogebenen, gebiert die unterschiedlichsten Allianzen und nährt tiefe, blutige Feindschaften.

Zwischen 2006 und 2008 hat Senfft bei der Körber-Stiftung in Hamburg zusammen mit dem israelischen Psychologen Dan Bar-On an einem internationalen Trainingsseminar unter dem Titel „Storytelling in Conflict“ teilgenommen. Bei „Storytelling in Conflict“ ging es darum, außerhalb der parlamentarischen Ebene den Dialog mit der verfeindeten Gegenseite zu beginn

Storytelling in Conflict

Die Gruppe griff auf die Gesprächserfahrung Dan Bar-Ons in den 80er Jahren zurück, als dieser die Gesprächsgruppen von Holocaust-Opfern und –Tätern leitete. Beim einem solchen Seminar wird einem Gruppenmitglied das Wort erteilt, und anschließend erzählt dieses ein halbe Stunde lang aus dem Stegreif ohne Unterbrechung durch andere nichts weiter als die eigene Lebensgeschichte. Dabei nimmt für die ruhig Zuhörenden der Erzähler eine Art neue Gestalt an, die mit ihren Ängsten, mit ihrem Leid und mit ihren Erfahrungen erlebbar wird und mit der sie sich identifizieren können. Der Effekt ist erstaunlich: Denn auf die Weise erleben Menschen aus Konfliktregionen die "andere Seite" erstmals unabhängig von Stereotypen als Menschen mit Gefühlen und nehmen sie als Menschen "wie du und ich" wahr. Das Ergebnis waren diverse Dialogprojekte in der Konfliktregion sowie ein globales Netzwerk von Profis, die gelernt hatten, mithilfe von Bar-Ons Ansatz verfeindete Gruppen an einen Tisch zu bringen

Die traurigen Orangen

Die traurigen Orangen
Sonnenaufgang über Bethlehem, Palästina (Foto: pixelio.de)

Alexandra Senfft behält bei ihrer Reise durch die besetzten Gebiete nicht nur das Leid und die Probleme im Blick, sondern auch die Schönheit des Landes. Für sie stellen die von der Mauer abgetrennten Gebiete das Land der traurigen Orangen dar. „Das ist der Titel eines Buches des palästinensischen Schriftstellers Ghassan Kanafani, der diese Region so beschrieben hat, was ich sehr griffig und passend finde. Es ist ein unglaublich schönes Land, um das es hier geht - mit sehr viel Melancholie, aber auch sehr viel Lebenskraft, viel Leid und Traumata, die sich in beiden Gesellschaften manifestiert haben.“ Senfft definiert Dialog nicht als sinnentleertes Wort, sondern als den Beginn des Miteinanders, woraus etwas Neues entsteht. Dialog versteht sie „als das sich Zumuten so tiefgreifender Geschichten“.

[CH]