Mit einer Stimme in aller Welt?

- Der Auswärtige Dienst der Europäischen Union soll bis zu 8.000 Mitarbeiter umfassen, mit rund 130 EU-Vertretungen in aller Welt. (Foto: ec.europa.eu)
Am Anfang hatte es heftige Diskussionen, Tauziehen hinter den Kulissen, ein Hin und Her von Kompromissformeln gegeben, aber dann war die Sache unter Dach und Fach: In ihrem zweitägigen Beratungsmarathon am 26. und 27. April 2010 einigten sich die Außenminister der 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union auf Leitlinien zu Schaffung eines eigenen Auswärtigen Dienstes. Erbittert war zum Teil um Kompromisse gefeilscht worden, aber am Ende setzte sich, und das überraschte nicht wenige, das Konzept der neuen EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton durch. Das war auch deshalb eine Überraschung, weil die Kommissarin bislang als relativ schwach und ohne große Durchsetzungskraft gehandelt worden war.
Kosteneffizienz als oberstes Gebot
Der Auswärtige Dienst der Europäischen Union wird eine Mammut-Organisation sein. So soll er bis zu 8.000 Mitarbeiter umfassen, mit rund 130 EU-Vertretungen in aller Welt. Angesichts solchen Umfangs gerierten sich vor allem die Briten während der Luxemburger Beratungen als „Sparkommissare“: Sie setzten durch, dass die Einrichtung des Auswärtigen Dienstes möglichst kostenneutral vollzogen werden soll. Was heißt, dass die europäischen Institutionen an anderer Stelle entsprechend zu sparen haben. Der entsprechende Beschluß heißt kurz und bündig: „Kosteneffizienz ist oberstes Gebot“. Schließlich soll bis zum Jahr 2013 ein Drittel der Beschäftigten aus dem diplomatischen Dienst der Mitgliedstaaten rekrutiert, die beiden anderen Drittel jeweils von der Kommission und vom Ministerrat gestellt werden.

- Catherine Ashton erteilt den künftigen Leitern der 130 EU-Vertretungen Aufträge und Weisungen. (Foto: ec.europa.eu)
Tauziehen um Weisungsbefugnisse
Die Einrichtung dieses Dienstes bedeutet natürlich auch Einschränkungen in den Befugnissen der bisher amtierenden Kommissare. Auch hier wurde eine Kompromissformel gefunden: Catherine Ashton erteilt den künftigen Leitern der 130 EU-Vertretungen Aufträge und Weisungen. Allerdings soll nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Beamte der EU-Kommission Weisungen auch direkt aus der Kommission erhalten können – beispielsweise im Handelsbereich, für den Ashton nicht zuständig ist.
Auch konsularische Anlaufstelle in aller Welt?
Gerangel gab es schließlich auch um die Forderung mehrerer kleinerer EU-Mitgliedsstaaten, das künftige Außenamt der Union zur konsularischen Anlaufstelle für ihre Bürger in aller Welt zu machen. Eine Forderung, natürlich gestellt mit Blick auf Entlastung des eigenen nationalen Budgets. Auch hier bremste London: Damit werde der Dienst überfordert. Die Kompromissformel heißt hier: Konsularhilfe kann gewährt werden; allerdings ist bei Inanspruchnahme streng auf Kosteneffizienz zu achten. Eine Formel, die wohl noch klarer gefasst und definiert werden muß.

- „Militärisches Krisenmanagement“ unter der Kontrolle von Catherine Ashton? Europaparlament und EU-Kommission müssen abstimmen. (Foto: ethlife.ethz.ch)
Europaparlament und EU-Kommission müssen zustimmen
Unterm Strich waren die EU-Außenminister mit ihren Beschlüssen von Luxemburg zufrieden; sie sprachen von einem „riesigen Schritt“ in der Weiterentwicklung der Union. Möglicherweise muß aber an der einen oder anderen Stelle noch gefeilt und nachgearbeitet werden. Es war jetzt in Luxemburg eine „politische Einigung“, die im kommenden Juni von den Staats- und Regierungschefs auf einem Treffen in Brüssel förmlich abgesegnet werden soll. Und außerdem ist auch noch die Zustimmung des Europaparlaments und der EU-Kommission nötig. Und hier gibt es noch erhebliche Einwände beispielsweise in der Frage eines „militärischen Krisenmanagements“, das der Kontrolle von Catherine Ashton unterworfen sein soll. Die Freien Demokraten im Europaparlament sehen hier die Gefahr eines „Staates im Staat“ – die Gefahr einer wenig kontrollierbaren eigenen Struktur innerhalb des Auswärtigen Dienstes und des EU-Geflechts.
Deutsch künftig auch EU-Amtssprache
Brüsseler Experten gehen davon, dass der Dienst seine Arbeit frühestens zum Jahresende 2010 aufnehmen kann und wird. Früher allerdings kann ein weiterer Beschluß in Kraft treten. Auf Betreiben der Bundesregierung und der Regierung in Wien wird die deutsche Sprache künftig auch Amtssprache in der EU sein.
Rom beklagt „starre“ Berliner Haltung
Einigung in der gemeinsamen Außenpolitik – weiter Dissens in der Finanzpolitik, vor allem am Beispiel Griechenland: Die Luxemburger Beratungen der EU-Außenminister zeigten wieder einmal auf, wie Fortschritt und Stillstand in Europa einander abwechseln. Das Griechenland-Hilfspaket, wie immer das Problem auch gelöst wird, spaltet Europa auch über den Tag hinaus. Das Thema hatte natürlich nicht auf der offiziellen Tagesordnung der Außenminister gestanden, aber sie kamen nicht daran vorbei. „Brüssel gibt Gas, Berlin bremst“ lautete der Tenor. Dabei zeigte sich allerdings erneut, dass zu den „gasgebenden“ Nationen in immer stärkeren Maße jene gehörten, die selbst alsbald in größere finanzielle Schwierigkeiten geraten könnten. Es war gewiß kein Zufall, dass ausgerechnet der italienische Außenminister Franco Frattini „die starre Haltung Deutschlands“ in der Griechenland-Frage beklagte.
[KS]
