„Ich habe keinen Krieg gefunden, der heilig ist.“

- Ahmad Badr al-Hassoun, Großmufti von Syrien. (Foto: drhassoun.com)
„Wir haben die Religion benutzt, um Mauern zwischen den Völkern zu bauen. Dabei ist sie der Weg der Liebe des einen zum anderen“, lautete die Kernbotschaft des Großmuftis an die ca. 250 Zuhörer bei der KAS. Vor allem zunehmender Terrorismus im religiösen Gewand und die religiöse Begründung von Politik seien unsere derzeitigen Probleme: „Das Schlimmste, was heute passiert, ist die Wandlung von zivilen in religiöse Staaten.“ Dabei gäbe es weder einen demokratischen Islam noch eine islamische Regierung, weil wir eben von Gesetzen regiert würden, und nicht von Liebe: „Ich bin verpflichtet, den Gesetzen des Staates, in dem ich lebe, zu folgen. Aber Gottes Gesetze sind eine Sache zwischen ihm und mir.“
Feindbild Medien
Es ist ein sehr idealistisches Bild, das Großmufti Hassoun von Religionen im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen malt. Für ihn waren die Religionsgründer bzw. die Propheten Abraham, Jesus und Mohammed friedliche Menschen – eine arge Schönfärberei angesichts des historisch nachgewiesenen kriegerischen Verhaltens des Islambegründers: Mohammed war ein Feldherr! Mit politischer Bedeutung sei die Religion erst später aufgeladen worden, behauptet jedoch Hassoun, als Könige sie missbrauchten, um ihre Macht zu begründen. Das habe die Botschaft der Liebe in eine des Hasses verwandelt. Hinzu käme heute die oftmalige Verzerrung der Sachverhalte in den Medien. Bedingt durch die Globalisierung und schnelle Informationsketten, könnten die Bürger nicht mehr einschätzen, ob das medial vermittelte Bild überhaupt stimme. Hassouns Gegenmittel: „Kommen sie alle nach Syrien, ich lade Sie ein, sich vor Ort ein Bild zu machen.“
Dialog der Religionen
Als einer der Vordenker des interreligiösen Dialogs ist Hassoun außerdem an einer engen Zusammenarbeit der drei abrahamitischen Religionen – für ihn sind es die drei heiligen Religionen – interessiert. „Gott gehört uns allen!“, rief er predigend mit nach oben gestreckten, mahnenden Zeigefingern – mit eben jener Geste, die man auch von sogenannten islamischen Hasspredigern kennt. „Man kann eine Religion nicht aus Zwang annehmen. Sie können mich nicht zwingen, in mein Herz einen Glauben zu lassen.“

- Syrien wird von einem Regime unterdrückt, das zu den 20 übelsten der Welt gehört. (Foto: pixelio.de/Paul Sippel)
Muslime und Christen in Syrien
Nun, Syrien ist nicht gerade als ein Land berühmt, das sich international mit der Gewährung politischer Freiheiten hervorgetan hat. Im Gegenteil: Laut dem Demokratie-Forschungsinstitut Freedom House wird das Land von einem Regime unterdrückt, das zu den 20 übelsten der Welt gehört. Im Gegensatz zum ersten Anschein ist Syrien aber ein säkularer Staat, in dem andere Religionen vom Gesetz her frei praktiziert werden dürfen, solange sie nicht als politische Opposition dienen. Ein weiterer Vorteil für z. B. die syrisch-orthodoxen Minderheit der Christen in Syrien ist, dass das Damaszener Regime den Islamismus hart bekämpft. So erfahren die Christen weniger Druck durch islamische Organisationen, als in anderen arabischen Ländern, wie ein aktueller Länderbericht der KAS festhält.
Keine Minderheiten – nur Bürger
„Es gibt in Syrien keine Unterdrückung anderer Religionen“, stellte auch der Vorsitzende der KAS, Dr. Hans-Gert Pöttering in seiner Begrüßung des Redners fest. Zugleich forderte er, dass „Toleranz keine Einbahnstraße“ sein dürfe, dass also auch in anderen arabischen Ländern den Christen ein öffentliches Glaubensbekenntnis ermöglicht werden müsse, wenn Muslime hier in Deutschland Moscheen bauen dürften. Pöttering und der Großmufti kennen sich bereits seit 2008, als Pöttering noch Präsident des Europäischen Parlaments war und Großmufti Hassoun vor dem selbigen eine viel gelobte Rede über das Verhältnis von Staat und Religion hielt. Er stimmte Pöttering dann in seiner Rede bei der KAS auch voll zu: „Wir haben keine Minderheiten in Syrien. Wir haben 22 Millionen Bürger“, meinte er. Schließlich seien wir schon Menschen gewesen, bevor die Religion kam.

- Ahmad Badr al-Hassoun fordert einen Stopp von Waffenexporten in den Nahen Osten. (Foto: Schramm)
Keine Waffen im Nahen Osten
Im großen Widerspruch steht dies allerdings zu den Länderberichten von Amnesty International, die immer noch Unterdrückung und Diskriminierung von z. B. Frauen und Kurden in Syrien festhalten sowie die massive Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Insofern kann die Rede des Großmuftis eher als sein persönliches – wenn auch sehr zu begrüßendes – Programm verstanden werden, als sein etwas träumerisches Bild einer besseren Welt. Und für Träume kann man heutzutage auch mal den Friedensnobelpreis erhalten, wie man an Obamas Vision einer Atomwaffen-freien Welt sehen konnte. Gegen Massenvernichtungswaffen wendet übrigens sich auch der Großmufti und fordert einen Stopp von Waffenexporten in den Nahen Osten. Zusammen mit dem iranischen Ajatollah Ali Chameni gab er eine Fatwa heraus. Das ist ein islamistisches Rechtsgutachten, das hier Massenvernichtungswaffen als mit dem Islam nicht vereinbar erklärt – bisher allerdings ohne große Wirkung.
[FS]
Mehr Infos:
S.E. Scheich Dr. Ahmad Badr al-Hassoun, geboren 1949 in Aleppo, Syrien, ist Großmufti der Arabischen Republik Syrien. Er studierte unter anderem an der berühmten Al-Azhar Universität in Kairo und schrieb eine 4.500-seitige Doktorarbeit über den islamischen Gelehrten Islam Al-Imam Alshafyee. 2008 erhielt er für seine Rede vor dem Europäischen Parlament zwei Ehrendoktorwürden. Den Titel eines Großmufti trägt ist das religiöse Oberhaupt in einem sunnitisch-islamischen Land. Der Großmufti kann Fatwas anfertigen und Privatpersonen wie Gerichte mit juristischen Auslegungen der islamischen Schriften helfen. Sein Einfluss variiert also je nach Grad der Religiosität des Staatsapparates. Derzeit gibt es sechs Großmuftis in der islamischen Welt.
