Dienstag, 06. Juli 2010
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Präsidentschaftswahlen | Jaroslaw Kaczynski | Polen | Bronislaw Komorowski | Wahlen | Katyn
Präsidentschaftswahlen in Polen

Komorowski an der Spitze des Staates

Wahlen in polen
Bereits um sechs Uhr morgens öffenten die Wahlkommissionen für ihre Wähler. (Foto: pixelio.de/Holger Lang)

Knapper Sieg – ein Wahlkrimi

Die Präsidentschaftswahlen verliefen in Polen (ebenso wie die Wahl des deutschen Bundespräsidenten) wie ein Wahlkrimi. Kopf an Kopf ging das Rennen um den Präsidentschaftssessel. Bereits um sechs Uhr morgens öffenten die Wahlkommissionen Tür und Tor für ihre Wähler. Die entscheidenden Momente im Bangen um die Führung beginnen allerdings in den späten Abendstunden.

Dramatische Wahlnacht

Um 20:01 werden die ersten Wahlprognosen veröffentlicht, mit einer minimalen Stimmenmehrheit liegt Komorowski demnach in Führung. Auf einer Pressekonferenz genau elf Minuten später bedankt sich der potentielle neue Präsident für das ihm von seinen Wählern entgegengebrachte Vertrauen. Er erklärt, „die polnische Demokratie habe gesiegt“ (eine Anspielung zwischen den Zeilen auf den "Katyn-Effekt"). Das politische Wahllager der Bürgerplattform (Platforma Obywatelska – PO) tobt vor Freude, sowohl die Regierung als auch das Präsidentschaftsamt mit Politikern aus den eigenen Reihen besetzen zu können. 

Kaczynski holt den Sieg bei der Polonia

Jaroslaw Kaczynski
Jaroslaw Kaczynski (Foto: jaroslawkaczynski.info)

Nur wenige Minuten später ist bereits klar, dass Jaroslaw Kaczynski den Wahlsieg mit mehr als doppelt so vielen Stimmen bei der in den USA lebenden polnischen Bevölkerung (Polonia) erzielt hat.  Kaczynksi bedankt sich kurz darauf bei seinen Wählern und liest an den guten Ergebnissen seiner Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwosc – PiS) ab: „Polen verändert sich“.

Die heiβbegehrten Drittstimmen

Die Stiftung Homo Homini veröffentlicht um 20:57 die ersten Umfrageergebnisse zu den heiβbegehrten Stimmen von Grzegorz Napieralski aus dem ersten Wahlgang. Rund 78 Prozent seiner Wähler haben sich demnach dazu entschlossen, ihre Stimme nun für Komorowski abzugeben.

0:13 – Kaczynski wird polnischer Präsident

Dann die groβe Überraschung (für die Fernsehzuschauer nach Mitternacht): Laut den Ergebnissen aus 50 Prozent der Wahlkreise liegt Jaroslaw Kaczynski mit 50,41 Prozent der Wählerstimmen vor Bronislaw Komorowski (49,59%). Kaczynski wird doch zum Präsidenten? Erst gegen zwei Uhr nachts gibt es Entwarnung für den Kandidaten der Bürgerplattform, nach Auszählung beinahe aller Stimmen liegt Komorowski wieder vorn.

Polen A und B – ein Phyrrus-Sieg?

Bronislaw Komorowski
Bronislaw Komorowski (Foto: bronislawkomorowski.pl)

Der Wahlausgang mit beinahe 50:50 lässt die polnischen Politikwissenschaftler hellhörig werden. Dr. Anna Materska-Sosnowska vom Institut für Politikwissenschaften der Universität Warschau hält den Wahlausgang für ein alarmierendes Indiz. Komorowski scheint einen Phyrrus-Sieg geholt zu haben, denn die Wahlergebnisse zeugen von der tiefen Spaltung der Bevölkerung, die im Wahlkampf immer wieder als Polen A und Polen B evoziert wurde. 

Proeuropäischer Präsident

Bronislaw Komorowski nutzte die Unterstützung berühmter polnischer Persönlichkeiten für sich und bedankt sich öffentlich bei Tadeusz Mazowiecki, Lech Walesa und Wladyslaw Bartoszewski. Komorowski als neuer (und gleichzeitig bereits seit der Tragödie von Smolensk geschäftsführender) Präsident wird im In- und Ausland vor allem als proeuropäischer Kandidat warm aufgenommen. Der ewige Streit um die Kompetenzen von Regierung und Präsidenten in der Außen- und Sicherheitspolitik scheint damit zunächst beigelegt werden zu können. Das Vertrauen der Wähler (50:50) liegt nun vollkommen bei der regierenden Bürgerplattform.

[RM]