Senat macht Rechnung ohne den Wirt

- Klaus Hurrelmann, Bildungsexperte von der Hertie School of Governance in Berlin. (Foto: Uni Bielefeld)
European Circle: Die Hamburger Bürger haben sich gegen die Schulreform, das Reformprojekt der schwarz-grünen Koalition, per Volksentscheid ausgesprochen. Klaus Hurrelmann, wie beurteilen Sie das Votum der Bürger als Soziologe und Bildungsexperte?
Zwei Teile der Reform ist ein Teil zu viel
Hurrelmann: Ich halte das Abstimmungsergebnis für einen schweren politischen Einschätzungs- und Managementfehler. Eine sachlich interessante, wichtige, richtungsweisende Entscheidung ist zum falschen Zeitpunkt in einen zu komplizierten Zusammenhang gestellt worden. Und dadurch musste sie scheitern.
Es hat keine gute Vorbereitung gegeben. Es ist nicht auf Konsens geachtet worden, und man hat einen Teil einer sehr umfassenden Reform, nämlich die Umstrukturierung der Grundschule in den Vordergrund gerückt. Dabei ist der zweite, viel wichtigere Teil aus dem Blickfeld geraten. Ich meine die Neuorganisation der Mittelstufe, der Sekundarstufe mit einer eigenen Oberstufe neben dem Gymnasium, die auch Jahrzehnte gebraucht hat, bis sie umgesetzt war und auch Konsens hatte. Insofern war das Ergebnis leider vorhersehbar. Ich hätte dieser Regierung niemals empfohlen, beide Schritte in einen Topf zu werfen.
Eltern fürchten um Bildungschance der Kinder
European Circle: Kann das Votum auch so interpretiert werden, dass die Hamburger noch nicht bereit sind, in den Grundschulen das Gesellschaftsbild zu fööern, welches die Gesellschaft bereits abbildet, die multi-kulturelle Gesellschaft?
Hurrelmann: Nein, das sehe ich nicht so. Das wäre eine Überfrachtung der Bewertung. Eltern können noch nicht dafür gewonnen werden, ihr Kind nicht so früh wie möglich auf ein Gymnasium zu senden. Das ist meiner Ansicht nach die Botschaft. Die Eltern machen sich richtig Sorgen, dass ihre Kinder Nachteile dadurch haben, dass sie nicht mehr so früh wie bisher auf ein Gymnasium für einen hochwertigen Abschluss wechseln können. Dabei wissen die Eltern, dass er eine notwendige, wichtige Voraussetzung ist, wenn man später eine gute berufliche Laufbahn als junger Mensch in dieser Gesellschaft einschlagen möchte.
Die Politik wirbt nicht um Verständis der Eltern und Lehrer
European Circle: Idee der Primarschule war auch, dass durch das gemeinsame Lernen Kinder, die besonders schnell lernen, denjenigen helfen, die Lernschwierigkeiten haben. Ist dies ein sinnvoller Ansatz, um Lernschwächen auszugleichen?
Hurrelmann: Das ganze Konzept war in sich ein schöner Wunsch auf dem Papier, eine gut durchdachte Konzeption. Aber man hat die Rechnung eben ohne den Wirt gemacht, also ohne die Eltern, wahrscheinlich auch ohne die Lehrerschaft. Ein Fehler, der immer wieder in Deutschland passiert, bei Schulreformen insbesondere, zuletzt beispielsweise bei der Verkürzung der Gymnasialzeit. Es ist ein administrativer Akt, der mehr oder weniger gut durchdacht eingeleitet, aber nicht vermittelt und in die betroffenen Gruppen der Bevölkerung hineingetragen wurde.
Konzept und Umsetzung sind zwei Paar Schuhe
Der entscheidende Fehler liegt darin, dass der Zeitpunkt nicht mit ihnen abgestimmt und diskutiert wird. Es war gut gemeint und viele der Punkte sind von Wissenschaftlern als wertvolle Beiträge zur Reform der Schulreform immer wieder bestätigt worden. Aber das sind zwei Paar Schuhe: ein gutes Konzept und seine Umsetzung. Und die Umsetzung war überhaupt nicht nachvollziehbar.
European Circle: Dieses Votum war auch ein Votum dafür, dass klar getrennt wird. Die Kinder sollen vier Jahre zusammen lernen und dann soll die verbesserte Weiterbildung auf dem Gymnasium erfolgen. Da steckt bei den Eltern die Angst dahinter, dass die Kinder in der Primarschule Zeit verlieren und nicht schnell genug lernen können, um dann beste Bildungschancen für den Arbeitsmarkt zu erlangen. Auch bei bester politischer Vorbereitung kann man überhaupt den Eltern diese Angst nehmen?
Hurrelmann: Da ist die Hamburger Koalition über ihre eigenen Füße gestolpert. Denn sie hat das ja eingeleitet, bevor die schwarz-grüne Koalition an die Macht kam. Unter CDU-FDP-Regie wurde in einer Allparteien-Koalition das gemacht, was ich seit Jahrzehnten immer wieder befürworte und empfehle, den lebensgeschichtlich-biographischen Entscheidungsdruck, der heute nach der Grundschule kommt, einfach abzubauen, vielleicht sogar ganz verschwinden zu lassen. Dadurch, dass es neben dem Gymnasium auch noch eine zweite Schule, die Stadtteilschule, gibt.
Sie hat ein anderes pädagogisches Konzept. Angeboten werden aber die gleichen Bildungsangebote: praxisorientiert, lebensnah, projektorientiert, pädagogisch. Eine Arbeitsweise, wie sie an den Hamburger Gesamtschulen beispielsweise, aber auch an den Real- und Hauptschulen teilweise sehr gut erprobt worden ist. Die Stadtteilschule bekommt eine eigene Oberstufe und fährt nach 13 Jahre zum Abitur.
Diese Alternative muss erst im Bewusstsein von Eltern und der Praxis ankommen. Die Schule als Alternative zum Gymnasium in Hamburg, Stadtteilschule genannt, muss erst einmal funktionieren. Sie muss einen Wert haben. Die Eltern müssen sie für gut befinden und merken:" Ja, hier haben wir jetzt eine Alternative. Unter diesen Umständen brauche ich nicht mehr so ängstlich auf die Grundschule zu schielen. Und wenn mein Kind nicht auf ein Gymnasium kommt, ist kein Weg verbaut".
Und anstatt zu warten, bis diese Reform greift, vielleicht in zwei bis drei Jahren, hat die Hamburger Koalition auch noch den zweiten Schritt getan und sich damit selbst in ihrer Reformplanung gestört. Deswegen sprach ich vom politischen Einschätzungs- und Managementfehler.
[CH]
