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Merkel hätte Opel nicht retten dürfen
- Prof. Dr. Max Otte, FH Worms. (Foto m.otte)
Europen Circle: Jeder glaubt, dass die Banken- und Finanzkrise eine logische Folge des Missmanagements einiger Banker weltweit waren. Sie sagen: Es war ganz anders. Wie war es den?
Otte: Vorab: Bei allen Krisen handelt es sich um gesellschaftliche Phänomene, die entscheidend durch die Erwartungen und Handlungen der Akteure geprägt werden. Schon Ende 2005 habe ich als einer der Ersten überhaupt vor einer weltweiten Wirtschaftskrise gewarnt.
Europen Circle: Und woher waren Sie so schlau?
Otte: Weil ich mir das System der US-Subprime-Hypotheken genau angeschaut hatte und daraus abgeleitet hatte, was passieren muss! Nicht könnte, sondern musste. Ich stand mit meiner Prognose allerdings ziemlich allein. Und mir war damals schon völlig klar: Die Finanzkrise ist durch ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit ausgelöst worden, bei dem zumindest im Ursprungsland USA die Grundsätze soliden Finanz- und Rechtsgebarens flächendeckend ausgehebelt waren.
Europen Circle: Wer waren denn die Verantwortungslosen?
Otte: Es lassen sich mindestens neun Gruppen von Akteuren ausmachen, die in der Krise eine Rolle gespielt haben. Alle haben massive Verantwortung für diese Krise auf sich geladen. Das waren die Notenbanken, die glaubten, durch billige Zinsen die Wirtschaft in Gang halten zu können. Eine solche Politik bestraft Sparer und lädt zur Kreditaufnahme für riskante Projekte geradezu ein. Da die Dynamik der US-Wirtschaft nach2001 insgesamt nachließ, suchte sich das viele Geld ungesunde Wege. Von nun an gab es nur noch eine Kettenreaktion.
Europen Circle: Und die sah wie aus?
Otte: Das Geld wurde in Wohnimmobilien gesteckt. So entstand ein Kartenhaus von Krediten, gefördert durch verbriefte Produkte, bei denen Kredite nicht in den Büchern der Banken gehalten, sondern – zu Wertpapieren umfunktioniert – weiterverkauft wurden. Die Investmentbanken gaben immer mehr Aktien heraus und betrieben so Börsenhandel auf eigene Rechnung und die Emission von verbrieften Schulden und strukturierten Produkten. Die Investmentbanken übernahmen zudem keine mittel-, oder langfristige Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Transaktionen. In den Jahren von 2002 bis 2006 wurde die Verbriefung von Hypothekenkrediten zur größten einzelnen Gewinnquelle der Investmentbanken. Die US-Politik hat die Vergabe von unseriösen Krediten keinesfalls gebremst, sondern massiv gefördert. Das alles war zu sehen und die Folgen waren erkennbar.
Neue Wirtschaftsordnung muss her
Europen Circle: Wo stehen wir heute?
Otte: Die Krise kam über uns und nun müssen wir sehen, wie wir das künftig vermeiden. Ich will nicht die einzelnen Programme aufzählen, die dazu dienen, den Kreislauf der Wirtschaft in Gang zu halten. Vor allem muss eine Wirtschaftsordnung her, die dafür sorgt, dass so etwas nicht wieder passiert. Finanzakteure, die große Risiken eingehen, sollten Rücklagen bilden, um die Folgen tragen zu können. Regeln sollten einfach sein, damit sie gut umgesetzt werden können. In Europa wird in Zukunft ein Europäischer Rat für Systemrisiken (ESRC) die Finanzmärkte beaufsichtigen. Dem werden angehören unter anderem die Gouverneure der 27 Notenbanken sowie das Europäische System der Finanzaufsicht (ESFS) mit den drei europäische Aufsichtsbehörden (für Banken, Versicherungen und Wertpapiergeschäft) sowie den nationalen Behörden. Bei einem derart komplexen System ist abzusehen, dass lange Entscheidungswege und die Rivalität zwischen den staatlichen Akteuren sicherstellen, dass die Aufsicht immer weit hinter den Finanzmarktakteuren zurückbleibt.
Europen Circle: Das klingt nicht hoffnungsfroh?
Otte: Die Machtgebärden der Politik sind eine optische Täuschung. Wenn die Krise vorbei ist, regiert wieder das Kapital. Im Zuge der Finanzmarktkrise wurden die internationalen Buchhaltungspflichten (IAS/IFRS) nicht etwa verschärft, sondern gelockert, sodass die Banken ihre Verluste verstecken können und nicht ausweisen müssen. Letztlich verfolgt die Politik dabei das Ziel, die Banken schnell wieder viel Geld verdienen zu lassen, damit die negativen Eigenkapitalkonten aufgefüllt werden können. Durch die Aufweichung der Bilanzierungsgrundsätze der Bilanzwahrheit, -klarheit, -vollständigkeit und -zeitnähe sind die rechtlichen Grundlagen der Marktwirtschaft bedroht, wir steuern auf einen „Sozialismus für Banken und Banker“ zu. Es fragt sich, ob hier nicht der Preis zu hoch ist und einer willkürlichen Behandlung von ökonomischen Aspekten Tür und Tor geöffnet wird.
Üble Ratingagenturen
Europen Circle: Und die Ratingagenturen machen weiter wie bisher?
Otte: Das ist ganz übel. Denn die Funktionsweise der Ratingagenturen ist weitgehend unangetastet geblieben. Zwar sollen sie Transparenzregeln einhalten, aber sie dürfen sich weiter von den Emittenten der Produkte bezahlen lassen, die sie letztlich benoten sollen. (Nur Beratungsleistungen sollen nicht mehr möglich sein.) Auch hat es die europäische Politik bislang versäumt, eine staatliche europäische Ratingagentur als Gegengewicht zum privaten angelsächsischen Kartell zu gründen, das den Markt beherrscht.
Europen Circle: Werden denn die „Heuschrecken“ - also die Hedgefonds - besser an die Leine genommen?
Otte: Auch das sieht nur so aus. Hedgefonds, Derivate und Zertifikate bergen erhebliche Risiken. Warren Buffett bezeichnete bereits im Jahr 2003 Finanzderivate als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“. Dennoch werden diese Produkte auch nach der Finanzkrise kaum reguliert. In Europa soll es immerhin Regeln für Verwalter Alternativer Investmentfonds (AIFM) geben. Allerdings sind auch hier kaum harte Regeln vorgesehen – die Fonds sollen lediglich registriert und zugelassen werden und sich selber einige Regeln zum Risiko- und Liquiditätsmanagement geben. Die Eigenkapitalregeln kann man nur als schlechten Witz bezeichnen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass diese Eigenkapitaldecke keinesfalls zur Haftung gegenüber den Anlegern gedacht ist, sondern dafür, dass die Anwälte des Fondsmanagements ihre Honorare erhalten, falls der Fonds in Schwierigkeiten gerät.
Politik ist machtlos
Europen Circle: Also nur Säbelrasseln der Politik?
Otte: Genau. Die Gesten der Politik waren bislang vor allem wirklich nur Säbelrasseln. Das System, welches zur Krise geführt hat, besteht weiter. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die nächste Blase entwickeln wird.
Europen Circle: Können wir das denn gar nicht verhindern?
Otte: Seit der Tulpenmanie der Jahre 1635 bis 1637 sind größere Finanzkrisen ein regelmäßiges Phänomen des modernen Kapitalismus. Dennoch werden sie von der modernen Ökonomie weitgehend ignoriert. Dabei ist Ökonomie immer auch politisch. Es geht nicht darum, ob „der Markt“ oder „der Staat“ dominieren, sondern um Interessenkonflikte zwischen Staaten, sozialen Schichten, Gruppen und Branchen, also um die Frage, wer wie viel vom Kuchen bekommt. Es ist sträflich, dass die moderne mathematische Ökonomie dies vernachlässigt. In den 1980er Jahren schrieb Mancur Olson „Die Logik des kollektiven Handelns“ und zeigte, wie sich in einem liberalen, schwachen Staat starke Interessengruppen die größten Stücke vom Kuchen abschneiden, bis eine Gesellschaft immobil ist – das Thema seines anderen großen Werks „Aufstieg und Niedergang von Nationen“.
Europen Circle: Kann denn dabei die Soziale Marktwirtschaft überhaupt überleben?
Otte: Immer ist die konkrete Ausgestaltung von Marktformen und Haftungsregelungen wichtig, wenn wir eine funktionierende und gerechte Marktwirtschaft wollen. Wenn wir die Regeln so gestalten, dass schnelle Investmentbankinggeschäfte oder „Private Equity“ buchhalterisch und rechtlich gegenüber dem klassischen Bankgeschäft bevorzugt werden, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir eine Ökonomie bekommen, in der die Spekulation blüht. Wenn wir die Regeln so gestalten, dass die Kreditaufnahme gegenüber der Ersparnisbildung bevorzugt wird, Manager im Erfolgsfall den Lohn ihrer Spekulation einfahren und im Misserfolgsfall die Allgemeinheit für die Kosten aufkommt, begünstigen wir diejenigen, die sich auf Kosten von soliden Banken, mittelständischen Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern bereichern.
Politik muss eingreifen
Europen Circle: Ihr Vorschlag?
Otte: Wenn wir Unternehmen, die vom Staat gerettet werden müssen, NICHT verstaatlichen, vergreifen wir uns am Grundgedanken einer liberalen Marktwirtschaft. Wenn ein neuer Gesellschafter in ein insolventes Unternehmen eintritt, ist das Eigenkapital ausradiert, und diesem neuen Gesellschafter gehört das Unternehmen – und sei es der Staat. Man kann das Unternehmen später ja wieder privatisieren.
Europen Circle: Also hätte Merkel besser Opel übernehmen sollen oder eine Bank?
Otte: Opel hätte man abwickeln müssen, die geretteten Banken hätte der Staat übernehmen, restrukturieren und dann wieder privatisieren müssen. Das hat Schweden in den 90er Jahren sehr erfolgreich vorexerziert.
Europen Circle: Wie sehen Sie 2011 als Kassandra? Gut oder schlecht?
Otte: Bestenfalls gemischt, mit einem kleinen Restrisiko des Totalabsturzes.
[PB]
Information zur Person:
Max Otte: Ph. D. (Princeton), M. A., Diplom-Volkswirt, geb. 1964; Professor für allgemeine und internationale Betriebswirtschaftslehre an der FH Worms University of Applied Sciences; Gründer und Leiter des Instituts für Vermögensentwicklung GmbH, Aachener Straße 197–199, 50931 Köln. max@otte.org
Lesen Sie dazu auch unsere Buchvorstellung:
Bernd Schünemann: Die sogenannte Finanzkrise – Systemversagen oder global organisierte Kriminalität? Berliner Wissenschaftsverlag, 109 S., 2010; ISBN 978-3-8305-1771-9









